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Die Homeoffice-Frage: Es bleibt beim Plädoyer der Politik

Sigmund, Thomas Specht, Frank Stratmann, Klaus
·Lesedauer: 4 Min.

Arbeitsminister Heil appelliert an Unternehmen, Heimarbeit als Schutz vor Covid-19 endlich ernst zu nehmen. Doch verpflichtende Maßnahmen soll es weiterhin nicht geben.

Nach einer Befragung im Auftrag des Arbeitsministeriums befanden sich im Juli und August 36 Prozent der Arbeitnehmer im Homeoffice. Foto: dpa
Nach einer Befragung im Auftrag des Arbeitsministeriums befanden sich im Juli und August 36 Prozent der Arbeitnehmer im Homeoffice. Foto: dpa

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) neigt generell nicht zur Schwarzmalerei. Und doch findet er am Dienstag nach Gesprächen mit Personalvorständen und Betriebsräten aus Dax-Konzernen deutliche Worte. Die Corona-Pandemie habe die Welt und unser Land weiter fest im Griff, sagt Heil und mahnt: „Wir müssen mit aller Macht verhindern, dass Arbeitsplätze zu Infektionsorten werden.“

Schüler bleiben zu Hause, Einzelhandel und Gastronomie liegen brach, in Corona-Hotspots ist die Bewegungsfreiheit eingeschränkt – und doch bleiben die Infektionszahlen hoch. Deshalb rückt der Arbeitsplatz als Infektionsherd in den Fokus.

Ist es zumutbar, dass Millionen Beschäftigte sich weiter täglich mit der S-Bahn oder dem Bus auf den Weg in die Fabrik oder ins Büro machen und dort womöglich Kollegen anstecken?

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hat gefordert, die gesamte Wirtschaft in den Tiefschlaf zu versetzen. Davon will die Bundesregierung bisher nichts wissen. Umso entschiedener appelliert sie aber an die Arbeitgeber, den Beschäftigten da, wo es möglich ist, Homeoffice zu ermöglichen.

So haben es Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten mehrfach getan. Doch mit der Wirkung sind sie bisher offenbar nicht zufrieden. Man setze auf freiwillige Regelungen, um ein Dickicht aus nötigen Ausnahmen und dazugehörigen Kontrollen zu vermeiden, heißt es aus Regierungskreisen. Doch sei man enttäuscht von der bisherigen Homeoffice-Nutzung. Die Quote müsse mindestens bei 50 Prozent liegen.

Laut Statistischem Bundesamt haben 2019, also vor der Pandemie, 12,9 Prozent aller Erwerbstätigen von zu Hause aus gearbeitet – 5,5 Prozent täglich oder mindestens die Hälfte der Arbeitszeit, weitere 7,3 Prozent weniger oft. Mit der Pandemie ist die Nutzung deutlich gestiegen, auch wenn die Zahlen je nach Studie stark schwanken.

Nach einer Befragung im Auftrag des Arbeitsministeriums arbeiteten im Juli und August 36 Prozent der Arbeitnehmer im Homeoffice. Das Forschungsinstitut WSI der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung kam für April 2020 auf eine Quote von 27 Prozent der Beschäftigten, die ausschließlich oder überwiegend von zu Hause aus arbeiteten. Im November war dieser Wert wieder auf 14 Prozent gesunken, allerdings ist die WSI-Erhebung nicht repräsentativ.

Auf höhere Werte kommt der Digitalverband Bitkom, der im Oktober und November 1500 Erwerbstätige befragt hat. Demnach saß damals jeder vierte dauerhaft im Homeoffice, das entspricht 10,5 Millionen Beschäftigten. 8,3 Millionen arbeiteten zumindest tageweise von zu Hause aus.

Nach einer kurz vor Weihnachten veröffentlichten Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bieten 42 Prozent der Betriebe in Deutschland zumindest einem Teil ihrer Beschäftigten grundsätzlich die Möglichkeit an, ganz oder teilweise im Homeoffice zu arbeiten.

Vor der Coronakrise hatten noch 37 Prozent der Betriebe dies abgelehnt, obwohl es zumindest für einen Teil der Belegschaft möglich gewesen wäre. Im Zuge der Pandemie halbierte sich dieser Anteil.

Die Wirtschaft betont deshalb, längst alles zu tun, um Beschäftigten die Heimarbeit zu ermöglichen. Es sei richtig, das Homeoffice „so weit wie möglich zu nutzen“, sagte der neue Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Siegfried Russwurm. Die Entscheidung, was möglich sei, müsse aber in den Betrieben fallen. „Das Schweißen aus dem Homeoffice ist noch nicht erfunden.“

Homeoffice als wichtiger Infektionsschutz

Der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW), Bertram Brossardt, betonte, das Arbeiten von zu Hause wirke neben der Umsetzung der Arbeitsschutzstandards in den Betrieben als Infektionsschutzmaßnahme. „Homeoffice sollte – wo immer es geht – eingesetzt werden“, sagte er. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will an diesem Mittwoch mit Wirtschaft und Gewerkschaften über das Thema reden.

Das Homeoffice sei „aber nur eine Notmaßnahme für die Zeit, bis die Pandemie durch die Maßnahmen Abstand, Maske, Testen, Impfen gebrochen ist“, betonte Brossardt. Das essenzielle Recht des Arbeitgebers zu bestimmen, wann und wo die Arbeit zu leisten ist, bleibe davon unberührt.

Die Grünen wollen dieses Recht für die Zeit der Pandemie außer Kraft setzen. Wann immer Arbeitnehmer von zu Hause aus arbeiten könnten und wollten, „müssen die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber verpflichtet werden, das auch zu erlauben“, sagte Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt.

Das ist aber nicht so ohne Weiteres möglich. „Bislang kennt das Arbeitsrecht noch nicht einmal ein Recht auf Homeoffice des Arbeitnehmers. Nun eine Pflicht des Arbeitgebers zu schaffen wäre noch mal ein wesentlicher Schritt weiter“, sagte der Bonner Arbeitsrechtsprofessor Gregor Thüsing dem Handelsblatt.

Der Eingriff in das Direktionsrecht des Arbeitgebers könne nur durch pandemiebedingte Gründe gerechtfertigt werden. „Da ist aber die Verhältnismäßigkeit zu wahren“, betont Thüsing. „Bei Lüftung, Abstand und Maske am Arbeitsplatz kann Homeoffice nicht verpflichtend sein.“