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Zu hohe Steuern, zu wenig Hilfe: US-Konzerne wenden sich vom Standort Deutschland ab

Die Bereitschaft, in Deutschland zu investieren, sinkt, zeigt eine Umfrage unter US-Firmen. Ein Konzern positioniert sich jedoch klar gegen den Trend.

Bis zu vier Milliarden Euro will der amerikanische Elektroautohersteller Tesla in seine geplante Batterie- und Autofabrik nahe Berlin investieren. Als Vorstandschef Elon Musk bei der Verleihung des „Goldenen Lenkrads“ diese Botschaft verkündete, frohlockten nicht nur Lokalgrößen im Landkreis Grünheide, sondern Landes- und Bundespolitiker aller Parteien.

Teslas Entscheidung fällt in einer Zeit, in der amerikanische Unternehmen sich zunehmend vorsichtiger zum Standort Deutschland äußern. Das zeigt eine am Montag veröffentlichte Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG unter 100 US-Unternehmen in Deutschland. Demnach ist und bleibt Deutschland zwar ein attraktiver Standort, die Investitionsbereitschaft ist neuerdings aber deutlich gedämpft.

Während 2017 noch knapp die Hälfte (47 Prozent) angab, in den kommenden drei Jahren hierzulande zehn Millionen Euro oder mehr investieren zu wollen, stellen dies jetzt nur noch knapp ein Viertel (24 Prozent) in Aussicht.

Wer nach den Gründen sucht, warum amerikanische Firmen trotz konjunktureller Stärke auf Distanz gehen, bekommt eine Reihe von Antworten. Jedes fünfte befragte Unternehmen sieht die Attraktivität des Standorts Deutschland in Bezug auf Steuern und Abgaben im Vergleich mit den Staaten der Europäischen Union auf einem der letzten fünf Plätze. Auch was Innovationen angeht, hat Deutschland nach Ansicht der Amerikaner viel Luft nach oben.

Dazu kommt: Nicht einmal jedes fünfte Unternehmen (17 Prozent) fühlt sich in Deutschland optimal dabei unterstützt, sich neu anzusiedeln – oder mehr zu investieren. Insofern war Musks verbaler Seitenhieb („Wir werden definitiv ein höheres Tempo vorlegen müssen als der Flughafen“) auch in Richtung aller Beteiligten bei den bevorstehenden Genehmigungsverfahren gerichtet.

„Damit Deutschland ein attraktiver Standort für ausländische Unternehmen bleibt, muss die Bundesrepublik in den Netzausbau für Mobilfunk und Strom ebenso wie den Ausbau der Verkehrsnetze investieren“, forderte Warren Marine, Leiter des Amerikageschäfts bei KPMG.

Nur noch 60 Prozent der Befragten bewerten die Infrastruktur in Deutschland als eine der besten fünf in der EU, und damit gleich zwölf Prozentpunkte weniger als noch vor zwei Jahren. Die Skepsis liegt im Trend. Die Amerikanische Handelskammer (AmCham) in Deutschland bestätigte ebenfalls am Montag die zunehmende Sorge der amerikanischen Unternehmen. Die AmCham fördert seit Jahrzehnten die globalen Handelsbeziehungen.

Dabei unterstützt sie die Interessen der US-Unternehmen in Deutschland und sieht sich als Brücke zwischen den beiden Volkswirtschaften. Mehr als 2000 US-Firmen beschäftigen hierzulande 296.000 Mitarbeiter. Nach einer Umfrage unter ihren Mitgliedsfirmen erhöhte im vergangenen Jahr nur jedes dritte US-Unternehmen (36 Prozent) seine Investitionen in Deutschland – obwohl zwei von drei Unternehmen ihre Umsätze hierzulande steigerten.

Steuern in der Kritik

Dazu befragt, wie die amerikanischen Firmen den Standort Deutschland mit Blick auf 2020 bewerten, erhält Deutschland die Note 2,1. Vor zwei Jahren war es noch eine 1,8. Zwar ist auch das nun gesenkte Urteil noch ganz ordentlich. „Jedoch führen die aktuellen Herausforderungen im Umgang mit der US-Handelspolitik, den Arbeits- und Energiekosten und der digitalen Infrastruktur zu Unsicherheiten in der Wirtschaft“, warnte Amcham-Präsident Frank Sportolari. Vor allem Deutschlands Steuern geraten in die Kritik. Zu groß sind die Verlockungen niedriger Steuersätze in der boomenden US-Wirtschaft samt wachsender Bevölkerung.

Ökonomen und Wirtschaftsvertreter rechneten vor, dass seit der Senkung der amerikanischen Unternehmensteuern die nominale Steuerbelastung in Deutschland inzwischen rund 20 Prozentpunkte höher liegt als in den USA. Hinzu kommen Erleichterungen bei Abschreibungen oder bei Lizenzeinnahmen für Firmen mit Sitz in den USA.

Donald Trump hatte als eine seiner ersten Amtshandlungen nach seiner Wahl zum Präsidenten die Körperschaftssteuer von 35 auf 21 Prozent gesenkt. Seitdem sparen nicht nur amerikanische Unternehmen, sondern auch ausländische mit starkem US-Geschäft viel Geld: Für BMW und Daimler ergaben sich Entlastungen von gut einer Milliarde Euro. Solche Vorteile gibt es für die amerikanischen Unternehmen in Deutschland nicht.

Diese steigerten aber dennoch ihre Geschäfte, wie eine Erhebung der AmCham zeigt. Insgesamt beschäftigten die 50 nach Umsatz größten US-Unternehmen in Deutschland zum Abschluss des vergangenen Geschäftsjahres 278.000 Mitarbeiter. Das waren gut 6300 mehr als im Jahr davor. Die Top 50 erwirtschafteten einen Gesamtumsatz von 177 Milliarden Euro – 5,5 Prozent mehr als im Jahr davor.

Mit 21,1 Milliarden Euro setzte der Autobauer Ford so viel in Deutschland um wie kein anderes amerikanisches Unternehmen. Gegenüber dem Jahr davor war das allerdings ein Minus von gut sieben Prozent. Grund dafür waren Absatzeinbußen infolge eines Modellwechsels, vor allem aber ein schwächeres Exportgeschäft aus Deutschland in Richtung Großbritannien (Brexit) und der Türkei (Wirtschaftskrise).

Auf Platz zwei folgt das nach Börsenwert größte Unternehmen der Welt: Amazon. Der Online-Händler setzte in Deutschland 16,9 Milliarden Euro um, ein Plus von 7,8 Prozent. Amazon errichtet hierzulande immer mehr Logistikzentren – und erweitert bestehende. Geografisch profitiert Deutschland von seiner Mittellage auf dem Kontinent.

Zu den größten Investitionen zählten zuletzt unter anderem das Logistikzentrum Osterweddingen bei Magdeburg mit geplanten 2200 Arbeitsplätzen und Mönchengladbach mit 1000 neuen Stellen. Insgesamt beschäftigte Amazon zum Ende des vergangenen Geschäftsjahres 18.000 Mitarbeiter in Deutschland. Das war fast ein Viertel mehr als im Jahr davor. Kein anderer Großkonzern wächst seit Jahren so rasant in Deutschland.