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Hohe Preise, wenig Angebot: Warum die Stahlknappheit für Deutschlands Industrie zum Problem wird

Knitterscheidt, Kevin
·Lesedauer: 5 Min.

Das verarbeitende Gewerbe läuft wieder an – doch die Stahlproduktion kommt bei der Nachfrage nicht mit. Kunden klagen über Lieferausfälle und hohe Preise.

Die Stahlproduktion hält mit der steigenden Nachfrage nicht Schritt. Foto: dpa
Die Stahlproduktion hält mit der steigenden Nachfrage nicht Schritt. Foto: dpa

Es klingt nach einer Preisrally, wie sie wohl sonst nur ein Internet-Hype befeuern kann: Nachdem in der Coronakrise der Preis für die Tonne Stahl im vergangenen Jahr bis zur 400-Euro-Marke gesunken war, ist der Marktwert des Rohstoffs in den vergangenen Wochen steil nach oben gegangen.

Mit rund 700 Euro kostete eine Tonne Warmband zuletzt so viel wie seit 2017 nicht mehr – die Nachfrage übertrifft schlichtweg das Angebot. In den USA stieg der Preis sogar noch stärker auf rund 1160 Dollar. Für die kriselnde Stahlindustrie ist das eine gute Nachricht, bedeutet die Rally doch das vorläufige Ende einer jahrelangen Abwärtsspirale.

Für stahlverarbeitende Betriebe wird der plötzliche Nachfrageschub aber zunehmend zum Problem. Denn während sich die Wirtschaft langsam wieder von Lockdowns, Reisesperren und Werksschließungen erholt, fehlt der Stahl, um die neuen Aufträge der Kunden abzuarbeiten. „Wenn es vom Auftrag bis zur Lieferung normalerweise acht bis zehn Wochen braucht, liegen wir mittlerweile bei bis zu 22 Wochen“, klagt etwa Hubert Schmidt, Sprecher der Geschäftsführung beim niedersächsischen Stahlverarbeiter Stüken.

Als Präsident des Wirtschaftsverbands Stahl- und Metallverarbeitung (WSM) spricht Schmidt für 5000 Unternehmen in Deutschland, die jedes Jahr etwa 20 Millionen Tonnen Stahl einkaufen und weiterverarbeiten. Sie beliefern Autohersteller, die Elektro- und Bauindustrie oder den Maschinenbau und funktionieren wie ein Seismograf für die wirtschaftliche Entwicklung.

Im Moment stehen die Zeichen auf Aufschwung: „Die Konjunktur zieht an, die Nachfrage ist da“, so Schmidt. Probleme gebe es aber bei der Beschaffung. „Es kommt zu Lieferverzögerungen, kurzfristige Bestellungen sind praktisch nicht möglich.“ Immer häufiger führten die Probleme auch zu juristischen Auseinandersetzungen, so die Beobachtung des Verbands – sowohl aufseiten der Kunden als auch der Lieferanten.

Die Knappheit ist eine Folge der Kapazitätsreduktionen, mit denen praktisch alle europäischen Stahlhersteller im vergangenen Jahr auf den heftigen Nachfrageeinbruch infolge der Pandemie reagiert haben. Die Belegschaften wurden vielfach in Kurzarbeit geschickt, insgesamt wurden im vergangenen Jahr so rund zehn Prozent weniger Stahl in Deutschland produziert als noch 2019. Und schon damals war die Produktionsmenge wegen der Schwäche der Autokonjunktur im Vergleich zu 2018 um 6,5 Prozent gesunken.

Doch nun zieht die Konjunktur wieder an – und die Lager der Stahlhersteller und -händler sind leer. „Es herrscht Knappheit über alle Produktgruppen und alle Güter hinweg“, klagt der Einkaufschef eines mittelständischen Stahlverarbeiters, der jährlich einige Hunderttausend Tonnen Rohmaterial einkauft und namentlich nicht genannt werden will. „Dadurch können wir weniger Aufträge abarbeiten, als eigentlich da wären. So kann der Aufschwung nach der Corona-Delle nicht gelingen.“

Ähnlich wie bei der Versorgung mit Halbleitern lässt sich der Engpass bei Stahlprodukten mit dem langen Vorlauf erklären, den die Produktion benötigt. Zwar haben viele Stahlwerke während der Pandemie ohne Unterbrechungen produziert – doch die ausgebrachte Menge war deutlich geringer als üblich, zudem wurden einzelne Aggregate zeitweise komplett abgeschaltet. Der Hochlauf braucht Zeit, während der Bedarf der Kunden dank einer besseren Auftragslage zuletzt sprunghaft zugenommen hat.

Die Stahlproduzenten haben bereits auf die anziehende Nachfrage reagiert und die Produktion wieder hochgefahren. Von den 18 Hochöfen, die beispielsweise der größte Stahlhersteller der Welt, Arcelor-Mittal, in Europa betreibt, sind mittlerweile 16 wieder in Betrieb. Während ein verbleibendes Aggregat im belgischen Gent derzeit erneuert wird und im Februar wieder angefahren werden soll, wird der Hochofen, der bislang im polnischen Krakau lief, dauerhaft stillgelegt.

Auch bei Thyssen-Krupp in Duisburg ist die Zeit der Kurzarbeit vorerst vorbei. „Da Auslastung und Beschäftigung beim Stahl sich als Folge der gestiegenen Nachfrage zuletzt wieder normalisiert haben, haben wir die Kurzarbeit zunächst ausgesetzt“, teilte das Unternehmen auf Anfrage mit. Dabei will der Ruhrkonzern aber nicht ausschließen, dass es erneut zu Kapazitätskürzungen kommt. „Der weitere Verlauf der Pandemie muss zeigen, ob wir das Instrument nochmals brauchen“, sagte ein Sprecher.

Importe können die Knappheit nicht lindern

Für die stahlverarbeitende Industrie ist es besonders ärgerlich, dass nicht nur die inländische Versorgung, sondern auch der Import ausländischer Konkurrenzprodukte derzeit schwierig ist. Denn seit die USA die Einfuhr von Stahlprodukten im Jahr 2017 mit empfindlichen Zöllen belegt haben, beschränkt auch die EU ihrerseits Stahlimporte aus Nicht-EU-Ländern wie Russland oder der Türkei.

Sogenannte „Safeguard“-Maßnahmen sollen dabei sicherstellen, dass die Importzölle in anderen Ländern nicht zu vermehrten Importen in die EU führen. Letztendlich handelt es sich dabei schlicht um eine Importquote, die sich an den vergangenen Einfuhrmengen orientiert. Das bedeutet: Alles unterhalb einer festgelegten Mengengrenze, die sich stetig leicht erhöht, darf zollfrei importiert werden.

Parallel dazu richten sich Beschwerden der Stahlhersteller bei der EU-Kommission auch immer wieder gegen einzelne Länder wie China. Hier gelten zusätzlich Antidumping-Zölle, da vermutet wird, dass chinesische Hersteller dank staatlicher Subventionen ihren Stahl zu unfairen Preisen auf dem Weltmarkt anbieten. Zuletzt erließ die EU solche Maßnahmen auch für einzelne Stahlprodukte aus der Türkei, nachdem die Landeswährung Lira gegenüber dem Euro deutlich abgewertet hatte.

Beim WSM sorgen die anhaltenden Handelsbeschränkungen angesichts der Knappheit für zusätzliche Kritik. „Wir haben kein Verständnis dafür, dass die EU in dieser dramatischen Lage sogar neue Zölle zum Beispiel gegen Stahleinfuhren aus der Türkei verhängt hat“, so der Verband. Die Zölle verhinderten, dass die Unternehmen ihre Versorgungsprobleme durch Importe lösen können – und führen damit nach Ansicht des Verbands zu einer unnötigen Verschärfung des Engpasses.

Wegen der Schwäche der Autokonjunktur hatten viele Stahlhersteller ihre Kapazitäten reduziert. Foto: dpa
Wegen der Schwäche der Autokonjunktur hatten viele Stahlhersteller ihre Kapazitäten reduziert. Foto: dpa
Der größte europäische Produzent hat die Kapazitäten wieder hochgefahren. Foto: dpa
Der größte europäische Produzent hat die Kapazitäten wieder hochgefahren. Foto: dpa