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Hoffnung aus USA gegen Crash-Ängste in Europa

·Lesedauer: 6 Min.

Der plötzliche Lockdown drückt massiv auf den Dax, der Absturz der Hightech-Ikone SAP kommt noch hinzu. Wo der Aktienmarkt dennoch Boden finden könnte – und warum die US-Wahl dafür nun ausschlaggebend werden könnte.

Die zweite Corona-Welle hat die Börse in Frankfurt ganz schön durchgewirbelt. Foto: dpa Picture-Alliance
Die zweite Corona-Welle hat die Börse in Frankfurt ganz schön durchgewirbelt. Foto: dpa Picture-Alliance

„The Dax was slaughtered“, sagt Jordan Lindsay, Protagonist des amerikanischen Börsenforums Conquer the Markets zu den heftigen Turbulenzen, die zuletzt besonders deutsche Aktien erlebten. Zwar geht es auch bei amerikanischen Indizes rund, Dow und Nasdaq erleiden die höchsten Verluste seit mehreren Wochen; doch dass amerikanische Börsianer ausdrücklich den Dax wahrnehmen, zeigt, wie besonders deutsche und europäische Probleme derzeit für die Märkte sind.

Der Lockdown ist da. Dass er nun doch so scharf und schnell kommt, ist für viele Anleger hierzulande eine böse Überraschung, die sie so nicht mehr auf der Rechnung hatten. An der Börse schlägt der Lockdown deshalb umso heftiger ein.

Wie BASF haben die meisten deutschen Aktiengesellschaften in ihren jüngsten Quartalsergebnissen gerade erst Hoffnung verbreitet. In fast allen Sparten, so heißt es bei dem Großchemiker, habe sich das operative Geschäft belebt. Die seit Sommer laufende Erholung setze sich, wenngleich auf höherem Niveau, etwas ruhiger fort und werde im vierten Quartal weiter zu steigenden Umsatz- und Gewinnzahlen führen.

Mehr noch: Gerade weil viele Unternehmen wie BASF in den vergangenen Monaten mit milliardenschweren Abschreibungen die Corona-Belastungen verarbeitet haben, hätte die Erholung nun umso nachhaltiger ausfallen können. Mit dem plötzlichen Lockdown hat sich die Hoffnung auf dieses positive Szenario, von dem die Börsen in den vergangenen Monaten getragen wurden, in Luft aufgelöst.

Spezielle Enttäuschungen kommen dazu – und auch hier erwischt es wieder den Dax besonders schwer. SAP, das erfolgreichste deutsche Großunternehmen der vergangenen Jahrzehnte, erlebt an der Börse einen eigenen Crash von historischem Ausmaß. Im jüngsten Rückschlag verlor die Aktie in wenigen Stunden soviel wie im gesamten Coronacrash von Februar bis März 2020 oder der in der gesamten Baisse der Finanzkrise 2008.

Ebenfalls historisches Ausmaß haben die Insiderkäufe von SAP-Mitgründer Hasso Plattner, eigentlich klassische Directors Dealings, kurz DD. Am Mittwoch, den 27. Oktober, kaufte Plattner bis 9 Uhr 27 insgesamt für 248,54 Millionen Euro SAP-Aktien zu einem Durchschnittskurs von 101,03 Euro. Man kann davon ausgehen, dass Plattner über die aktuelle Verfassung von SAP ziemlich gut Bescheid weiß. Technik-Chef Jürgen Müller legt tags darauf nach und kommt sogar bei 96,87 Euro zum Zug – freilich nur mit Aktien für 19.374 Euro.

In wenigen Sekunden vom Coronagewinner zum Coronaverlierer

Der Auslöser für den SAP-Kurssturz ist ernst, aber nicht dramatisch: SAP spürt im klassischen Lizenzgeschäft die Coronapandemie stärker als erwartet und kommt mit der Verlagerung in die Cloud nicht so schnell voran wie geplant. Doch was aus Sicht des Unternehmens wohl nur als strategische Adjustierung vorgesehen war und vom relativ neuen Konzernchef Christian Klein offen kommuniziert wurde, entwickelte an der Börse eine ganz andere, fatale Eigendynamik.

Innerhalb von Sekunden wurde aus dem gefühlten Coronagewinner SAP, der eigentlich von der massiven Verlagerung vieler Unternehmensaktivitäten ins Internet beflügelt werden sollte, ein Coronaverlierer, der von zurückgestutzten Investitionen seiner zahlreichen mittleren und großen Kunden sehr wohl betroffen ist. Dass SAP seine Wachstums- und Margenziele auf der Zeitachse um Jahre nach hinten verschiebt, eröffnet für die Perspektive der nächsten Monaten plötzlich eine diffuse, bisher nicht erwartete Unsicherheit. Die Börse braucht nur wenige Stunden, um diese neue, völlig umgekehrte Lage im Kurs zu diskontieren.

Zugleich tauchen in der Wahrnehmung von SAP plötzlich Probleme auf, die bisher kaum eine Rolle spielten: Mark Benioff, Chef des Konkurrenten Salesforce, spricht von einem Führungsproblem bei den Walldorfern. Die ganze Cloud-Offensive von SAP erscheint nun in einem weniger strahlenden Licht. Als Risiko könnten sich vor allem die umfangreichen Übernahmeprämien der vergangenen Jahre erweisen, der Goodwill, der durch die Zukäufe in der Aktivseite der Bilanz entstanden ist – und der zu teuren Abschreibungen führen könnte, wenn die Geschäfte nicht so laufen, wie erhofft.

SAP ist mit mehr als zehn Prozent Indexanteil nicht nur die wichtigste Aktie im Dax. Das Unternehmen ist nach seiner jahrzehntelangen Erfolgsgeschichte der deutsche Technologiewert schlechthin. Die jüngste Entzauberung muss der Dax also erst einmal verkraften.

Die größten Rückschläge erlebten SAP-Aktien in der Finanzkrise 2008 und nach dem Platzen der High-Tech-Blase 2002/03. In der Finanzkrise dauerte der akute Kursrückgang der SAP-Aktie fünf Wochen. In der Baisse nach der Jahrtausendwende gingen die Notierungen sogar sieben Monate lang ohne merkliche Pause nach unten. Im Unterschied zu heute ging der Kursvernichtung damals aber eine mehrjährige Zitterpartie voraus, die sich im Kursbild in einer riesigen Abwärtswende ausgedrückt hatte.

Aktuell verläuft SAP dagegen immer noch in einer langfristigen Aufwärtsbewegung, die 2008 begann. Das spricht dafür, dass der Rückschlag von SAP ähnlich wie im Frühjahr nur einige Wochen in Anspruch nehmen sollte und nicht mehrere Monate. Die Stabilisierung des Kurses könnte dabei zwischen 80 und 110 Euro stattfinden, auf diesem Niveau gab es seit 2017 markante Hoch- und Tiefpunkte; die Zeit, in der SAP sein Cloud-Geschäft besonders forcierte. Dass die Aktie mittlerweile fundamental spürbar günstiger ist als etwa die Anteile des Konkurrenten Salesforce, sollte die Bodenbildung flankieren.

Nirgends ist die Angst so groß wie am deutschen Aktienmarkt

Aussichten für den Dax: Obwohl die Geschäftszahlen und die Prognosen der meisten Dax-Unternehmen zuletzt keineswegs düster waren, die konjunkturelle Erholung auf wichtigen Märkten wie China vorankommt und von Notenbanken weiterhin großzügige Hilfe zu erwarten ist, hat der Absturz im Dax die wichtige Unterstützungszone zwischen 12.500 und 12.200 Punkten (hier etwa verläuft die 200-Tagelinie, die nun sogar wieder nach unten zeigt) einfach weggewischt. Angstbarometer wie der V-Dax ziehen deutlich an. Eine solche Konstellation gab es zuletzt im Februar dieses Jahres – und der folgte der Corona-Absturz bis Mitte März.

Hinter den jüngsten, heftigen Verkäufen steckt die Angst der Investoren, einen solchen Crash noch einmal erleben zu müssen. Es gibt aber wichtige Unterschiede im Vergleich zum März: Vor allem sind die meisten Unternehmen nun besser vorbereitet und haben in den vergangenen Monaten gelernt, mit Corona zu leben. An den Bondmärkten halten sich die Ausschläge in Grenzen, und an den führenden US-Börsen haben sowohl Dow Jones als auch die Nasdaq-Kurven ihre langfristigen Unterstützungen bisher verteidigt.

Wenn sich die US-Börsen nicht von den deutschen und europäischen Ängsten anstecken lassen, dürfte das in der Rückwirkung auch den Dax nicht ins Leere fallen lassen. Im Dow müsste dafür per Schlusskurs das Niveau um gut 26.000 Punkte halten, im Nasdaq 100 wäre es die Marke um 11.000 Punkte. Im Dax wäre es kurzfristig positiv, wenn – nun eine Station tiefer – die wichtige Unterstützungszone um 11.500 Punkte hält.

Vielleicht hilft es ja, dass sich die Amerikaner demnächst doch mehr auf ihre Wahl konzentrieren. Und sollte auch noch Joe Biden mit klaren, politischen Verhältnissen gewinnen, könnte sich der Blick schnell auf umfangreiche neue Konjunkturhilfen richten und weniger auf Virenängste aus Europa.

Mehr zum Thema: Die SAP-Aktie hat mehr als 20 Prozent verloren. Ist der Absturz angemessen – oder bietet jetzt eine Trendwende Chancen zum Einstieg?