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HINTERGRUND: Inflationsgespenst kann Dax-Anleger vorerst nicht mehr erschrecken

·Lesedauer: 4 Min.

FRANKFURT (dpa-AFX) - Der Optimismus der Anleger erscheint derzeit nahezu unerschütterlich. Während hierzulande die dritte Infektionswelle läuft und das Impfchaos die Schlagzeilen bestimmt, erklimmt der deutsche Leitindex Dax <DE0008469008> Rekordhöhen. Seit dem Corona-Tiefpunkt Mitte März 2020 hat das Börsenbarometer inzwischen mehr als 80 Prozent gewonnen und das Plus von gut 9 Prozent im ersten Quartal diesen Jahres kann sich ebenfalls sehen lassen. Den Löwenanteil davon erzielte der Dax im März.

Auch weltweit streben viele Börsen aktuell nach oben: "Die Hoffnungen auf eine sehr kräftige Erholung der Wirtschaft der Vereinigten Staaten stützen die globalen Aktienmärkte inzwischen sehr nachhaltig", schrieb Analyst Tobias Basse von der Landesbank NordLB.

In den USA kämpft Joe Biden mit aller Macht gegen die Corona-Pandemie und ihre wirtschaftlichen Folgen - und verzeichnet erste Erfolge. So verdoppelte der neue Präsident jüngst sein Ziel für die laufende Impfkampagne, zudem sendet er mit billionenschweren Ausgabeprogrammen erhebliche Konjunkturimpulse.

Daneben hat das für die deutsche Wirtschaft wichtige Lieferland China die Pandemie weitgehend hinter sich gelassen und mit 14 asiatisch-pazifischen Staaten das größte Freihandelsabkommen der Welt abgeschlossen. Vor diesem Hintergrund erhöhte die Industrieländervereinigung OECD bereits ihre Prognose für die Entwicklung der Weltwirtschaft. Doch die Aussicht auf eine starke Konjunkturerholung hat auch eine Kehrseite - die Furcht vor schnell steigenden Preisen. Deshalb geistert zum ersten Mal seit gut drei Jahren wieder das Inflationsgespenst durch die globalen Märkte.

Aktienanleger fürchten Inflation in der Regel wie der Teufel das Weihwasser. Denn wenn die Teuerung zu stark anzieht, könnten sich die Notenbanken gezwungen sehen, aktiv gegenzusteuern. In diesem Falle würden die Kapitalmarktzinsen spürbar steigen und Aktien damit im Vergleich zu festverzinslichen Wertpapieren unattraktiver machen.

Aktuell sind die Zinsen in den wichtigsten Industrieländern noch infolge der Finanzmarktkrise 2008 sehr niedrig und teilweise sogar im negativen Bereich, doch Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, mahnte trotzdem zur Vorsicht: "Belastungen für die Aktienmärkte kommen über steigende Zinsen. Mit der Normalisierung des Wirtschaftsgeschehens geht auch eine Normalisierung von Kapitalmarktrenditen auf das Niveau vor Corona einher." So sind die Inflationserwartungen an den Finanzmärkten und damit die Renditen an den Anleihemärkten zuletzt bereits teils deutlich gestiegen.

Dennoch präsentiert sich das Inflationsgespenst diesmal seltsam harmlos, wenn man von kurzzeitigen Stimmungsdämpfern absieht. In der Eurozone und in den USA sind die Preise zwar zuletzt recht markant gestiegen, aber die Inflationsziele der Europäischen Zentralbank (EZB) und der US-Notenbank Fed werden - bislang zumindest - weiterhin verfehlt. Insofern bleiben die Anleger erst einmal gelassen und fürchten kein Eingreifen der Währungshüter.

"Aus Angst, die Konjunktur frühzeitig abzuwürgen, plant der Chef der US-Notenbank kein Ende der Liquiditätsschwemme", stellte Marktstratege Robert Halver von der Baader Bank klar. Und in der Eurozone falle das Wachstum derzeit noch verhalten aus, zudem seien der Europäischen Zentralbank wegen der Überschuldung Europas die Hände gebunden. "Die EZB und Aktien bleiben ziemlich beste Freunde", resümierte Halver.

Falls auch in Zukunft die Inflation nur recht moderat steigen sollte, könnten im Dax laut Chefvolkswirt Uwe Burkert von der Landesbank Baden-Württemberg unter anderem die klassischen Zykliker zu den Gewinnern zählen. Hiesige Konzerne aus Industrie, Bau, Automobil und Chemie profitierten stark von der erhofften Konjunkturerholung, aber auch von der Umgestaltung der Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit. Zudem hätten die vom Zinsgeschäft abhängigen Banken und Versicherer gute Chancen, sich im Umfeld steigender Renditen besser zu entwickeln.

Das positive Szenario für den Dax steht und fällt aber mit der Entwicklung der Pandemie. Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner & Reuschel, warnte: "Das Risiko eines größeren Kursrücksetzers besteht, wenn die Basisannahme, dass die Pandemie im Zuge fortschreitender Impfungen sukzessive in den Hintergrund rückt und spätestens ab dem zweiten Halbjahr nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, nicht mehr haltbar wäre." Sollten etwa sich schnell verbreitende Virusmutationen für deutlich verlängerte Lockdowns sorgen und eventuell auch die wieder sehr dynamisch wachsenden Volkswirtschaften wie die USA oder vor allem China stärker treffen, wären die Wachstumsprognosen und damit auch die erwarteten Unternehmensgewinne für 2021 nicht mehr haltbar./la/tih/he

--- Von Lutz Alexander, dpa-AFX ---