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"Es herrscht Alarmstufe Rot": Vivantes-Chef fürchtet wegen Energiekrise "unkontrolliertes Krankenhaussterben in ganz Deutschland"

Johannes Danckert ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH. - Copyright: picture alliance/dpa/Jörg Carstensen
Johannes Danckert ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH. - Copyright: picture alliance/dpa/Jörg Carstensen

Dieser Artikel ist die Meinung des Autors und vermittelt seine Sicht. Hier findet ihr andere Informationen zum Thema.

Die gute Nachricht zuerst: Als größtes kommunales Krankenhausunternehmen Deutschlands gehört Vivantes zur kritischen Infrastruktur und ist geschützter Kunde in der Gasversorgung. Selbst bei einer Gasmangellage würden wir also weiter mit Erdgas versorgt. Die schlechte Nachricht: Wir wissen derzeit nicht, ob wir das gelieferte Gas noch bezahlen können. Leider ist das kein Witz: Die rund 1900 deutschen Krankenhäuser – in der Corona-Pandemie noch als "Säule der Daseinsvorsorge" gefeiert und vom Balkon beklatscht – sind im Ungewissen, ob sie die aktuelle Energiekrise wirtschaftlich überstehen werden. Die Konsequenz: Ein unkontrolliertes Krankenhaussterben in ganz Deutschland.

Kliniken sind Energiefresser. Eine Studie des Deutschen Krankenhausinstituts geht davon aus, dass insgesamt fünf Prozent des nationalen CO2-Ausstoßes dem Gesundheitswesen zugeschrieben werden kann. Krankenhäuser machen einen wesentlichen Teil davon aus. Unsere neun Berliner Krankenhäuser mit insgesamt 5300 Betten verbrauchen so viel Energie wie eine Kleinstadt mit 13.000 Haushalten. Das ist mehr als sein müsste. Denn die Bausubstanz ist oft veraltet und nicht energieeffizient. Hier rächt sich, dass das Land Berlin wie alle anderen Bundesländer auch über Jahrzehnte hinweg die Krankenhausinvestitionen sträflich vernachlässigt hat.

Patientenzimmer müssen geheizt werden

Schnelle Einsparmöglichkeiten gibt es nur wenige. Wir können weder aufhören, die Patientenzimmer zu beheizen, noch die Lüftungsanlagen in OP-Sälen und Intensivstationen herunterregeln. Instrumente müssen weiter sterilisiert, unsere Patienten und Mitarbeiter mit Essen versorgt werden. Die Energiepreisexplosion trifft uns mit voller Wucht: Lagen unsere Ausgaben für Strom, Gas und Fernwärme im Vorkrisenjahr 2021 noch knapp über 20 Millionen Euro, werden sie kommendes Jahr wohl auf über 50 Millionen Euro hochschnellen. Dazu kommen Kostensteigerungen beim Materialeinkauf – von der Scheibe Jagdwurst bis zum Skalpell – von durchschnittlich 30 Prozent. Anderen Kliniken geht es ähnlich. Doch anders als unsere Lieferanten können wir diese Kosten nicht über höhere Preise weitergeben.

Fallpauschalen wurden vor Energiekrise berechnet

Die Arbeit unserer Pflegekräfte, Ärzte, Putzkräfte, Fahrer, Gärtner und Gastronomiemitarbeiter wie die Sachkosten werden über Fallpauschalen finanziert, welche die Krankenkassen für jede Behandlung überweisen. Diese Pauschalen wurden im vergangenen Jahr, als die Krise noch weit weg war, festgesetzt. Damals nahm man eine Inflationsrate deutlich unter drei Prozent an. Jetzt ist die Wirklichkeit auch in unserer Branche angekommen. Und eine nachträgliche Anpassung ist gesetzlich schlichtweg nicht vorgesehen. Auch wenn die Inflation mittlerweile schwindelerregende Höhen erreicht. Wir können keine Preise anpassen und werden uns selbst überlassen.

Auch deshalb wird die Luft knapp. Rund 60 Prozent der deutschen Kliniken schrieben vor der Krise Verluste. Im brandenburgischen Spremberg ist bereits ein kleineres Krankenhaus in die Insolvenz gegangen. Es wird – wenn sich nichts tut – die Spitze des Eisberges sein. Richtig ist, dass wir in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zu viele Krankenhausbetten haben und viele Behandlungen ebenso gut ambulant erbracht werden könnten. Aber genau deshalb brauchen wir eine durchdachte Reform des Systems und kein ungesteuertes Krankenhaussterben durch Überschuldung. Denn das ist in jedem Falle nicht mit dem Sozialstaatsprinzip vereinbar.

Es herrscht Alarmstufe Rot. Noch kann die Bundesregierung die Kontrolle zurückgewinnen, indem sie einen Inflationsausgleich für die Krankenhäuser beschließt. Dafür gehen heute, am 29. September, Beschäftigte der Berliner Krankenhäuser auf die Straße. Wenn nicht schnell gehandelt wird, droht ein Kontrollverlust mit unabsehbaren Folgen für die Gesundheitsversorgung vor allem in Flächenländern.

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