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Helge Braun: Friedrich Merz muss Merkels Mann nicht fürchten

·Lesedauer: 5 Min.

Als dritter Kandidat für den CDU-Vorsitz stellt sich der scheidende Kanzleramtschef den Fragen der Parteimitglieder. Er antwortet lächelnd, sanft und unkonkret.

BERLIN, GERMANY - NOVEMBER 22: Acting Chancellery Minister and German Christian Democrat (CDU) Helge Braun speaks to the media about his candidacy for the CDU leadership post on November 22, 2021 in Berlin, Germany. Current leader Armin Laschet will be making way for a successor following disappointing results for the CDU in last September's federal parliamentary elections. Braun is currently competing against Friederich Merz and Norbert Roettgen for the job. The CDU is scheduled to hold a party congress in January to elect a new leader.   © Sean Gallup/​Getty Images
BERLIN, GERMANY - NOVEMBER 22: Acting Chancellery Minister and German Christian Democrat (CDU) Helge Braun speaks to the media about his candidacy for the CDU leadership post on November 22, 2021 in Berlin, Germany. Current leader Armin Laschet will be making way for a successor following disappointing results for the CDU in last September's federal parliamentary elections. Braun is currently competing against Friederich Merz and Norbert Roettgen for the job. The CDU is scheduled to hold a party congress in January to elect a new leader. © Sean Gallup/​Getty Images

Dieser Tage, da alle auf die Ampel schauen, sucht die einstige Kanzlerinnenpartei CDU nach einem neuen Vorsitzenden. Es muss dabei nicht von Nachteil sein, dass die Kandidaten-Rallye im Schatten der Regierungsbildung stattfindet. Wenn alle sich um Formulierungen im Koalitionsvertrag der Ampel und um die Postenverteilung kümmern, bleibt mehr Freiraum für ungestörte Analyse und Konzeption. So hat es die FDP zwischen 2013 und 2017 in der außerparlamentarischen Opposition gehalten – so hält es die CDU ab jetzt größte Oppositionspartei. Geplant war das so natürlich nicht. Aber was hilft's. Der Laden ist abgerockt, der Chef weggemobbt, die Grünen haben sich andere Partner gesucht. Jetzt muss was Neues her.

Am Montag hat bereits Friedrich Merz als Kandidat Nummer eins im Format CDU Live mit den Mitgliedern gesprochen. Am Mittwoch war Norbert Röttgen dran. Und nun, am Donnerstagabend, kommt auch Helge Braun ins Berliner Konrad-Adenauer-Haus. Er hat es nicht weit: Nur zweieinhalb Kilometer Luftlinie sind es von seinem Arbeitsplatz im Kanzleramt zur CDU-Zentrale. Und doch wirkt seine Kandidatur wie ein letzter Anlauf der Merkelianer, die Partei von Friedrich Merz abzuhalten, den Sauerländer wenigstens unter Druck zu bringen.

Am Montag dieser Woche stellte Helge Braun gemeinsam mit zwei CDU-Frauen seine Pläne vor. Die Saarländerin Nadine Schön und NRW ehemalige Staatssekretärin für Integration Serap Güler flankierten ihn in der Bundespressekonferenz. Es lag nicht nur am Ampel-Fieber, dass die Berichterstattung überschaubar ausfiel. Nun also, am Donnerstagabend, wird Merkels Mann bei der Mitgliedschaft die Bühne bereitet.

Kann der Attacke?

Das erste, was aufhorchen lässt, ist diese Stimme. Helge Braun verfügt über ein Timbre, das alles in eine flauschige Textwolke einhüllt. Das mag daran liegen, dass der 49 Jahre alte Gießener bis 2009 als Anästhesist gearbeitet hat. Er verfügt über eine wunderschöne Alles-wird-gut-Stimme, die vom Rechtsterrorismus bis zum Abzug aus Afghanistan alles in sanfte Worte zu fassen versteht. Kann der Attacke?

Erst einmal nicht. Er verstehe, dass viele nicht mehr "spüren", wofür die CDU eigentlich stehe, antwortet er auf die Frage eines verstimmten Mitglieds, wie er als langjähriges Regierungsmitglied den Neuanfang verkörpern wolle. Es gehe jetzt erst mal um den organisatorischen Erneuerungsprozess, beschwichtigt Helge Braun. Er spricht von Spaß, Beteiligungsprozessen, digitalen Kreisgeschäftsstellen. Über Form statt Inhalt. Seine Mitbewerber hätten eine Erstens-zweitens-drittens-Antwort gegeben. Helge Braun hingegen erinnert in seiner "Sie kennen mich"-Rhetorik an seine Chefin. Das mag noch immer Anhänger haben in der Partei. Aber die Zeiten des Ungefähren, des Beschwichtigens sind vorbei in der CDU, die vor drei Monaten mit 24,1 Prozent aus dem Wahlabend gestolpert ist.

Für CDU Live durften die Mitglieder vorab ihre Kernthemen nach Berlin schicken, aus der eingeblendeten Wortwolke wählt Helge Braun "Frauenpower", obwohl Führungsstärke und Erneuerung weitaus größer gewertet sind. Aber klar, bei Frauenpower kann er seine beiden Kandidatinnen für das Amt der Generalsekretärin und der Koordinatorin für das überfällige Parteiprogramm erwähnen. Güler wird denn auch von einer zugeschalteten Frau infrage gestellt: "Warum die? Die polarisiert doch." Helge Braun knipst seine sanfte Stimme an und bescheinigt Güler oben erwähnte Frauenpower. "Wir brauchen auch diese Lebendigkeit."

Eine Stimme wie ein Wärmepflaster

Auf die Frage nach seinem christlichen Menschenbild ist der Kandidat ganz bei sich. Es sei ja jetzt schon klar: "Ein katholischer Mann wird Vorsitzender der CDU. Das ist mir wichtig." In Bezug auf das C im Parteinamen mache er sich Sorgen wegen der Ampel. Die will laut ihrem Koalitionsvertrag den Paragrafen 219a einfach streichen, der die Information Schwangerer über die Möglichkeit eines Abbruchs unter Strafe stellt. So was hätte es mit der CDU nicht gegeben, sagt Helge Braun. Die "Kommerzialisierung von Schwangerschaftsabbrüchen" dürfe nicht vergleichbar werden mit einem Termin in der Schönheitsklinik. Eine Attacke, sanft vorgetragen. Was immer er sagt, Braun schaut lächelnd aus blauen Augen in die Kamera, seine breiten Hände untermalen die kaum modulierten Sätze. Eine Stimme wie ein Wärmepflaster.

Gemächlich geht es weiter. Die Fragenden sind gut vorbereitet, ihre Fragen knapp formuliert. Digitalisierung, Europa, Bundeswehr, Energie, Familien, Zuwanderung – Helge Braun antwortet allermeist lieber allgemein denn konkret. Aber einmal wird es leider doch unbequem. Auf die Frage einer Frau, wie denn die CDU im Osten wieder stärker werden kann, antwortet er wie der Schmerztherapeut, der er ebenfalls einmal war: "Wir sollten uns fragen, wie fühlen wir uns selber wieder gut." Seiner Ansicht nach solle man das Problem "nicht regional sehen", wichtig seien die "Lebenslagen". Schließlich das Heilungsversprechen: "Mit dem Weg werden wir am Ende erfolgreich sein." Eine Null-Antwort. Offensichtlich hat der geschäftsführende Kanzleramtsminister nicht verstanden, dass es der Frau eben nicht um die Ostdeutschen allgemein geht, sondern um die Partei als politische Kraft. Die rutscht – hart von rechts bedroht – gerade in die Marginalisierung. Und zwar auch dort, wo sie lange regiert hat.

Corona und Impfpflicht ist auch nicht eben ein Wohlfühlthema. Was er von einer allgemeinen Impfpflicht hält? Jetzt wird der Mediziner etwas wacher, stützt sich auf der Tischplatte ab. Braun lobt die gerade beschlossene einrichtungsbezogene Impfpflicht für Pflegeeinrichtungen. Als geschäftsführendes Regierungsmitglied betrachte er jedoch die Maßnahmen der Ampel-Koalitionäre mit Sorge. "Wir sehen, dass wir 15 Millionen Erwachsene haben, die sich nicht impfen lassen wollen." Die allgemeine Impfpflicht müsse "mit Sorgfalt" angegangen werden. Mit dem Problem solle sich jetzt mal der Ethikrat befassen. Eine Antwort ist auch das nicht.

Nach sehr langen anderthalb Stunden möchte ein Mitglied namens Ralf Schulz vom Kandidaten abschließend wissen, wofür er "brennt". Genau das hat man sich auch die ganze Zeit gefragt. Helge Braun freut sich sichtlich über diese Wohlfühlfrage, er zieht zum Schlussspurt sein Lächeln noch einmal größer. Er wolle Vorsitzender werden, "weil ich mir wünsche, dass in der CDU mitzumachen, richtig Spaß und Freude macht". Dafür würde er gerne eine andere Führungskultur entwickeln. "Ich bin gerne in der CDU und ich brenne dafür, dass uns das wieder gelingt." Die 400.000-Mitglieder-Partei als dauerhafte Spaßveranstaltung also, von inhaltlicher Entkernung keine Rede. Eins ist sicher nach diesem Abend: Friedrich Merz muss Merkels Mann nicht fürchten.

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