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Held der Reddit-Revolte "Roaring Kitty" wird verklagt

Dörner
·Lesedauer: 6 Min.

Er ist eine der einflussreichsten Figuren im Hype um die Gamestop-Aktie gewesen. Nun wurde der Youtuber „Roaring Kitty“ verklagt und muss vor dem Kongress aussagen.

GameStop logo is seen in front of displayed Reddit logo in this illustration taken February 2, 2021. REUTERS/Dado Ruvic/Illustration
"Roaring Kitty" ist der Held der Reddit-Revolte (Bild: REUTERS/Dado Ruvic/Illustration)

Keith Gill steht gern im Rampenlicht, doch auf diese Art der Aufmerksamkeit hätte er gern verzichtet. Unter dem Namen „Roaring Kitty“ gelang der 34-Jährige mit der sanften Stimme und den langen braunen Haaren zu Internet-Ruhm. Auf seinem Youtube-Kanal gab er Tipps zur Aktienanalyse und erklärte ausführlich, warum er das Papier des angeschlagenen US-Computerspiele-Händlers Gamestop für unterbewertet hielt und deshalb eine große Position aufgebaut hatte. Das machte ihn im Januar zu einer der einflussreichsten Figuren im Hype um die Reddit-Trader und zum Millionär.

Nun muss er sich für seine lukrative Nebentätigkeit rechtfertigen: Am Donnerstag sagt er bei einer Anhörung vor dem US-Repräsentantenhaus aus, bei der es um die wilde Achterbahnfahrt von Gamestop und anderen bei Reddit-Tradern beliebten Aktien geht. Auch wurde eine Klage wegen Wertpapierbetrugs gegen ihn eingereicht. Er habe sich als Amateur-Anleger ausgegeben, obwohl er mehrere Broker-Lizenzen besitzt und von den rapide steigenden Preisen profitiert.

Kongress diskutiert über neue Regeln

Die Gamestop-Aktie legte im Januar zeitweise um über 1700 Prozent zu, was eine ganze Reihe von Kleinanlegern zum Einstieg bewegte, bevor der Kurs einbrach. Nicht für alle ging das gut. Finanzaufseher leiteten Untersuchungen ein, um die Ereignisse aus dem Januar besser zu verstehen und um zu entscheiden, ob es angesichts des Einflusses der jungen Trader, die sich auf Reddit und auf anderen Foren organisieren, neuer Regeln bedarf.

„Gills trügerisches und manipulatives Verhalten hat nicht nur zahlreiche Regulierungen und Regeln der Branche verletzt, sondern auch Wertpapierrecht. Er hat die Integrität des Marktes für Gamestop-Aktien untergraben“, heißt es in der Klageschrift. „Das hat zu riesigen Verlusten geführt, nicht nur bei all jenen, die Optionen gekauft haben, sondern auch bei den Käufern der Gamestop-Aktie, die sie während der Markt-Euphorie zu deutlich aufgeblasenen Preisen gekauft haben.“ Die Kanzlei, Hagens Berman Sobol Shapiro, vertritt einen Investor aus dem Bundesstaat Washington, der sich mit Gamestop-Optionen verspekuliert hatte. Sie ist auf Sammelklagen spezialisiert und hatte während des Diesel-Skandals von Volkswagen eine führende Rolle bei den Entschädigungen der Autobesitzer.

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Gills Fall zeigt die vielen schwierigen Fragen, mit denen sich Politiker und Regulierer nun befassen. Was dürfen Kleinanleger in Sozialen Medien teilen und was nicht? Braucht es eine neue Definition von Marktmanipulation, um die neuen Möglichkeiten der Absprache über Reddit, Twitter und Co. zu reflektieren und die Funktionsfähigkeit der Märkte insgesamt zu schützen? Müssen Kleinanleger besser geschützt werden, die so einfach und so günstig wie noch nie Aktien handeln können und auf Sozialen Medien kostenlose und nicht immer hilfreiche Aktientipps bekommen?

Neben Gill werden unter anderem auch der Chef der Handelsplattform Robinhood, Vlad Tenev, sowie die CEOs der Hedgefonds Citadel und Melvin aussagen. Tenev muss sich dafür rechtfertigen, warum er den Handel mit Gamestop und anderen Aktien massiv einschränken musste, was mit ein Grund für den Kurssturz war. Melvin Capital hatte massiv auf fallende Kurse bei Gamestop gesetzt und durch den rapiden Kursanstieg Milliardenverluste erlitten.

Nach derzeitger Lesart sei es nicht verboten, sich in den Sozialen Medien über Aktien auszutauschen. Das sei keine Marktmanipulation, betont Philip Moustakis, ehemaliger SEC-Ermittler, der heute bei der Kanzlei Seward & Kissel arbeitet. „Bei einem klassischen Fall von Pump-and-Dump werden falsche Informationen über ein Unternehmen verbreitet, um den Aktienkurs anzutreiben“, erklärt Moustakis. „Bei Gamestop scheint jedoch Enthusiasmus der Kurstreiber gewesen zu sein.“ An einer „dezentalen Gruppe von Leuten, die sich auf Reddit trifft, um eine Aktie anzufeuern“, sei nichts auszusetzen.

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Und doch zeigte die Kursexplosion, wie viel Macht diese Gruppe plötzlich hatte. Robinhood musste seinen Nutzern zeitweise verbieten, Gamestop und 12 weitere Aktien zu kaufen. Dabei sei es nicht darum gegangen, Hedgefonds zu schützen, stellte Tenev in seinem vorab veröffentlichten Eingangsstatement zur Anhörung klar. „Jegliche Anschuldigungen, dass Robinhood den Hedgefonds geholfen haben soll, zum Nachteil unserer Kunden, ist absolut falsch und eine markt-verzerrende Rhetorik. Das Start-up habe die Handelsbeschränkungen einführen müssen, um den deutlich gestiegenen Sicherheitsanforderungen der Clearingstelle nachzukommen.

Täglich postete Gill im Reddit-Forum WallStreetBets seine Depot-Auszüge unter der Überschrift: „GME YOLO Update“. YOLO steht für „You Only Live Once“ und ist zu einem Mantra des Reddit-Forums geworden. Er begann mit 53.000 Dollar im vergangenen Sommer. Damals kostete eine Aktie gut fünf Dollar. Daraus sind in der Spitze über 30 Millionen Dollar geworden. Anfang Februar musste er damit aufhören, weil sich seit dem offenbar juristischer Ärger abzeichnete.

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Der 34-Jährige Familienvater weist die Vorwürfe der Manipulation zurück. „Ich habe nicht darum geworben, dass andere für meinen eigenen Profit die Aktie kaufen oder verkaufen. Ich gehörte zu keiner Gruppe an, die den Preis aktiv antreiben wollten. Ich hatte nie eine Beziehung zu einem Hedgefonds und keine Insider-Informationen über Gamestop“, heißt es in seinem vorab veröffentlichten Eingangsstatement. Er habe einfach an das Potenzial des Unternehmens geglaubt.

Auch sein ehemaliger Arbeitgeber, der Versicherer Massachusetts Mutual Life Insurance, ist mit angeklagt. Laut Klägerseite habe er eine Verpflichtung gehabt, Gills Nebentätigkeiten zu überwachen.

Soziale Medien gegen die Wall Street

Warum er seine Anlage-Strategien auf den Sozialen Medien teilte? „Meine Investment-Fähigkeiten haben ein Niveau erreicht, das mir das Gefühl gab, sie mit anderen teilen zu wollen, um ihnen zu helfen“, sagt Gill. Auch wollte er sich so Kritiker einladen, die ihm dabei helfen könnten, Fehler in seinen Annahmen zu finden. „Hedgefonds und andere Wall Street Firmen haben Teams von Analysten, die Studien zusammenstellen und Investment-Ideen kritisieren. Kleinanleger haben diesen Vorteil nicht.“

Damit trifft er genau den Nerv vieler Reddit-Trader. Sie sind eigenen Angaben zufolge vor allem auf den Gamestop-Hype mit aufgesprungen, um den Hedgefonds und den etablierten „Anzugträgern“ der Wall Street einen Denkzettel zu verpassen.

Soziale Medien wie Youtube, Twitter und das Forum WallStreetBets auf Reddit würden dabei helfen, diese Unterschiede auszugleichen, so Gill. „Und in einem Jahr, das von Quarantäne und Covid geprägt war, war das ein sicherer Weg, um Kontakte zu knüpfen. Wir hatten Spaß.“

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Schon als der der Preis der Gamestop-Aktie auf über 20 Dollar kletterte, sei er zum Millionär geworden. Ein Meilenstein für Gill, der aus einfachen Verhältnissen kommt und als erster in seiner Familie einen Universitätsabschluss machte.

Dass er ahnungslose Anleger dazu überredet hätte, in Gamestop zu investieren, hält er für „absurd“. Er habe stets deutlich gemacht, dass sein Youtube-Kanal „nur zu Weiterbildungszwecken dient und für die meisten Zuschauer ungeeignet ist. Ob andere Kleinanleger die Aktie auch gekauft haben, war für meine Investment-These irrelevant. Ich habe mich immer auf die Fundamentaldaten des Unternehmens konzentriert“, stellt er klar.

Ende Dezember hatte er 529 Abonnenten auf seinen Youtube-Kanal, heute sind es rund 450.000. „Roaring Kitty“, dessen Markenzeichen grelle Katzen-T-Shirts und ein rotes Stirnband sind, gibt sich kämpferisch, auch wenn der Preis der Aktie auf rund 45 Dollar gesackt ist.

„Ich bin genauso bullish wie eh und je, was das Potenzial eines Turnarounds angeht“, sagt er. „Und was verblüffend ist: Soweit ich weiß haben viele Anleger das Potenzial der Aktie immer noch nicht erkannt.“

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