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„Wir reden über Ausgleichzahlungen mit der deutschen Regierung“

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Easyjet-Chef Johan Lundgren über seine Erwartungen an den neuen Berliner Flughafen, die Folgen der zweiten Corona-Welle und die Frage, was Easyjet von der deutschen Regierung erwartet.

Johan Lundgren, 54, ist seit Dezember 2017 Chef von Europas zweitgrößtem Billigflieger Easyjet. Der gebürtige Schwede begann nach einem Wirtschaftsdiplom beim Veranstalter Fritidsresor, wo er nach der Übernahme durch die TUI bis zum Vizechef des Reisekonzerns aufstieg. Der studierte Konzertposaunist lebt in London und auf Mallorca, wo er ein Tonstudio besitzt.

WirtschaftsWoche: Herr Lundgren, am Wochenende hat der neue Berliner Flughafen BER eröffnet. Wird nun für Easyjet und Ihre Kunden alles besser?
Johan Lundgren: Wir freuen uns über die Eröffnung. Endlich zahlen sich unsere jahrelangen Vorbereitungen auf diesen Tag aus. Wir können unsere beiden Berliner Betriebe auf dem Flughafen Tegel und Schönefeld zusammenführen. Das erlaubt uns, deutlich effizienter und kostengünstiger zu arbeiten, was in der Krise besonders wichtig ist. Und nicht zuletzt bietet der Flughafen unseren Kunden ein deutlich besseres Erlebnis beim Service als auf den bisherigen Berliner Flughäfen.

Wie gut ist denn der Service im BER? Besser als der in Tegel und Schönefeld sollte er ja angesichts des schlechten Rufs der beiden schon sein.
Das kann ich nun wirklich nicht kommentieren (lacht).

Finden Sie den Service des BER besser als an den Service der meisten Ihrer anderen Flughäfen?
Die Vorbereitungen auf den Tag der Eröffnung haben uns gezeigt, dass der Flugbetrieb besser sein wird. Was nun den Service für Kunden angeht: Das will ich jetzt in den ersten zwei Tagen des Betriebs noch nicht beurteilen. Aber ich glaube, der BER hat das Potenzial, einer der besten in Europa zu werden, der auch weltweiten Vergleichen standhält.

Schon bisher litt Ihr Unternehmen stark unter den Reisebeschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus. Nun haben Deutschland und andere Länder die Maßnahmen verstärkt und etwa Touristen Hotelübernachtungen untersagt, was Privatreisen zum erliegen bringt. Wie stark wird Sie das zusätzlich belasten?
Den genauen Effekt können wir noch nicht abschätzen. Aber klar ist: Es macht eine bereits sehr schwierige Situation noch mal schwieriger.

Hat Sie die zweite Corona-Welle überrascht?
Nein. Wir haben bereits im Frühjahr erwartet, dass diese Krise viel länger dauern wird und uns vorbereitet. Darum haben wir uns zusätzlich finanzielle Mittel besorgt, die Auslieferung neuer Flugzeuge verschoben und aggressiver als viele andere die Betriebskosten gesenkt. Da haben viele kritisiert, wir würden überreagieren. Nun zeigt sich: Wir hatten leider recht.

Trotzdem haben Sie aber nur einen Teil Ihrer Flotte wirklich stillgelegt.
Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass sich die Dinge schnell ändern können – und zwar in beide Richtungen. Darum wollen wir bereit sein, um bei einer Lockerung das Angebot schnell wieder zu erhöhen. Die Erfahrung zeigt: Sobald die Einschränkungen fallen, buchen die Kunden umgehend. Es gibt eine starke Nachfrage. Durch die politischen Beschränkungen staut sie sich nur auf, aber sie ist nicht weg. Das haben wir zuletzt Ende Oktober gesehen, als Urlaub auf den Kanarischen Inseln wieder ohne Quarantäne möglich wurde.

Was erwarten Sie angesichts der wachsenden Auflagen von der Politik?
Dass es endlich europaweit einheitlich Regeln und Vorschriften gibt, etwa bei Tests, Regeln für Quarantäne und wann eine Region zum Risikogebiet erklärt wird. Da haben wir große Hoffnung auf die deutsche Ratspräsidentschaft in der EU. Schließlich werden wir noch lange mit der Pandemie und ihren Folgen leben müssen.

Die Bundesregierung hat allen von den jüngsten Einschränkungen betroffenen Unternehmen Finanzhilfen versprochen. Dabei will sie unter anderem einen großen Teil des entgangenen Umsatzes erstatten. Fordern auch Sie Geld?
Wir sind mit allen europäischen Regierungen im Gespräch über Ausgleichszahlungen, auch mit der deutschen. Und die Verhandlungen verlaufen konstruktiv. Ich habe den Eindruck, die Bundesregierung versteht, dass die Flugbranche eine unverzichtbare Infrastruktur ist. Darum sollte die Politik finanzielle Unterstützungen geben. Gerade mit den aktuellen Maßnahmen erreichen die Belastungen einen Umfang, mit dem auch ein gut vorbereitetes Unternehmen nicht mehr aus eigener Kraft klar kommt.

In welchem Höhe erwarten Sie öffentliche Hilfen?
Darüber will ich nicht spekulieren. Wir haben eine große Präsenz in Deutschland, vor der Krise für einen gesunden Wettbewerb gesorgt und dafür viel Geld investiert. Das sollte sich im Umfang der Hilfe wiederspiegeln.

Laut der Lufthansa ist Easyjet nicht mehr der Marktführer in Berlin, sondern die Lufthansa-Gruppe. Sehen Sie das genauso?
Diese Rechnung der Lufthansa kann ich nicht ganz nachvollziehen. Wir hatten hier im vergangenen Jahr in Berlin zwölf Millionen Kunden, haben künftig 18 Flugzeuge mit Besatzung stationiert und gut 1000 Angestellte. Das ist mehr als jede andere Fluglinie am Ort. Wir sind die Heimatfluglinie von Berlin und der ganzen Region.

Zuletzt haben Sie jedoch anders als in Frankreich und Großbritannien auch alle Inlandsflüge gestrichen. Warum stutzen Sie Deutschland härter?
Das tun wir nicht. Wir steuern unser Geschäft nicht nach Ländern, sondern optimieren je geflogene Strecke einzeln. Wie bereits vor der Krise beschränken wir uns auch derzeit weitgehend auf Routen, wo wir operativ Geld verdienen. Alle anderen lassen wir ruhen. Doch gleichzeitig sind wir so flexibel, dass wir eine Strecke innerhalb von drei Tagen wieder anbieten können, wenn Einschränkungen wegfallen und die Nachfrage wieder da ist.

Und in Deutschland ist die Nachfrage erstmal nicht da?
In Teilen schon. Darum bieten wir ja gerade aus Berlin immer noch viele Strecken.

Und wann fliegen Sie wieder im Inland wie in Frankreich und Großbritannien?
Sobald die Nachfrage wieder da ist. Bei den deutschen Inlandsflügen gibt es einen Unterschied zu Frankreich und Großbritannien. Dort fliegen im Inland nach wie vor Urlauber und Kunden, die Freunde und Verwandte besuchen. Das füllt unsere Flugzeuge. Innerhalb von Deutschland hatten wir vor allem Geschäftsreisende an Bord. Und dort ist der Einbruch deutlich stärker als im Tourismus.

Liegt es nicht auch daran, dass hierzulande die Lufthansa so stark ist, dass Easyjet keine Chance hat?
Absolut nicht. Wir haben seit Jahren bewiesen, dass wir mit jeder anderen Fluglinie mithalten können, ob es nun Low-Cost-Linien oder etablierte Gesellschaften sind. Wir sind die zweitgrößte Linie in Europa. Kein anderer hat mehr Urlaubsziele oder Start- und Landerechte in Europa als wir. Und da werden wir auch wieder hinkommen. Dann können wir fast jede Strecke innerhalb von drei Tagen neu starten.

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