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Heidelberger Druck schrumpft sich gesund

Der Maschinenbauspezialist will sich massiv verkleinern. Es dürfte die letzte Chance sein, das angeschlagene Traditionsunternehmen doch noch zu retten.

Ein Mitarbeiter fertigt eine Druckmaschine im Großformat. Das Unternehmen will diesen Maschinentyp einstellen und Stellen abbauen. Foto: dpa

Rainer Hundsdörfer ist hörbar bemüht, trotz der desaströsen Nachrichten zumindest etwas Zuversicht zu verbreiten. „Die Corona-Pandemie stellt uns vor große Herausforderungen. Heidelberg ist aber so stabil aufgestellt wie lange nicht mehr“, sagte der Vorstandschef von Heidelberger Druckmaschinen am Dienstagvormittag bei der Vorstellung der Zahlen für das Geschäftsjahr 2019/2010 (zum 31. März) in einer Telefonkonferenz. Und ergänzte: „Wir sind zuversichtlich, dass Heidelberg stabil durch das Jahr kommen wird.“

Doch vieles ist vor allem eines: Hoffnung. Tiefrot hat das Heidelberger Traditionsunternehmen das abgelaufene Geschäftsjahr beendet. Der Verlust nach Steuern betrug 343 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor stand noch ein Ergebnis von 21 Millionen Euro in den Büchern. Schuld ist nicht nur die Corona-Pandemie. Die hat nur noch schlimmer gemacht, was vorher schon nicht stimmte.

Heidelberger Druckmaschinen steckt seit Jahren in der Krise. In vielen Bereichen hat das Internet gedruckte Produkte verdrängt. Nur in einzelnen Märkten, etwa im Verpackungsdruck, gibt es noch eine signifikante Nachfrage. Der Rückgang des Druckvolumens hat wiederum eine Konsolidierung aufseiten der Druck-Betriebe ausgelöst. Viele kleinere Unternehmen sind verschwunden. Die größeren lasten ihre Anlagen effizienter aus und brauchen deshalb weniger Druckwerke. Die aber sind das, womit Heidelberger Druckmaschinen immer noch Geld verdient.

Alle bisherigen Sanierungsversuche verpufften. Immer noch ähneln die Strukturen des Unternehmens eher denen eines Konzerns als denen eines Mittelständlers. Das soll sich ändern. Heidelberger will schrumpfen und sich auf das Kerngeschäft mit Bogenoffsetdruck konzentrieren. Helfen sollen dabei nicht zuletzt schlankere und schnellere Führungsstrukturen mit einem zweiköpfigen Vorstand an der Spitze und einem darunter angesiedelten Executive Committee, das sich um die Koordination der operativen Bereiche kümmert.

Dadurch sollen Machtkämpfe und eine gegenseitige Blockade, wie es sie in der Vergangenheit gab, verhindert werden. Hundsdörfer sprach vom umfassendsten Umbau in der jüngeren Unternehmensgeschichte. „2019 war das Jahr der Klarheiten und der Konsequenzen. Wir haben schonungslos analysiert und radikal entschieden.“

Bilanzielle Notoperation

Es dürfte der letzte Versuch sein, doch noch die Wende zu schaffen. Denn der Spielraum für den erneuten Strategieschwenk ist begrenzt. Es ist vor allem die schwache Bilanz, die Sorgen bereitet. Zwar hat Finanzchef Marcus Wassenberg Ende März einige Maßnahmen eingeleitet, um die Liquidität vorerst zu sichern. Doch einige davon gleichen einer echten Notoperation.

So wurde der Pensionsfonds, mit dem die Betriebsrenten finanziert werden sollen, wieder aufgelöst. Dadurch flossen 380 Millionen Euro in die Unternehmenskassen, die Nettoverschuldung sank von 250 Millionen auf 43 Millionen Euro. Der Preis dafür: Die Arbeitnehmervertreter akzeptierten, dass die Altersvorsorge künftig wieder stärker vom operativen Erfolg des Unternehmens abhängt, das nun auch noch die Pensionen erwirtschaften muss. Zudem liegt die Eigenkapitalquote mit acht Prozent nach wie vor sehr niedrig.

Um die Zukunft zu sichern, will sich Heidelberger künftig auf das Kerngeschäft mit Bogenoffsetdruckmaschinen konzentrieren. Ein Verfahren, das bei der Herstellung von Büchern oder Verpackungen zum Einsatz kommt. Hier ist das Unternehmen nach wie vor Weltmarktführer. Randbereiche – vor allem jene, die wenig Ertrag oder gar Verluste einspielen – sollen abgestoßen werden. Einen ersten Verkauf gab es bereits: Das Lackgeschäft wurde abgegeben. Weitere sollen bis Jahresende folgen.

Gleichzeitig wird das Produktangebot neu sortiert. So wird die Fertigung der großformatigen Druckmaschinen eingestellt. Auch eine neu entwickelte digitale Druckmaschine für den Verpackungsdruck wird nicht mehr weiter gebaut. Zudem werden Teile der Fertigung nach China ausgelagert. Das übergeordnete Ziel lautet: mehr Profitabilität.

Der Umbau kostet zahlreiche Stellen. Heidelberger Druckmaschinen will 1600 der insgesamt 11.500 Arbeitsplätze abbauen. Immerhin: Das sind 400 Jobs weniger, als noch im März angekündigt worden waren. Trotz der hohen Zahl will das Unternehmen versuchen, den Abbau ohne betriebsbedingte Kündigungen zu realisieren – etwa über Altersteilzeitverträge und Transfergesellschaften, in denen sich die Mitarbeiter für neue Aufgaben weiterbilden können. Die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern kämen gut voran, so Wassenberg.

Leichter Hoffnungsschimmer

Alles das kostet erst einmal. So stecken in dem Betriebsverlust von 343 Millionen Euro allein 275 Millionen Euro an Sondereffekten etwa aus den Restrukturierungen und Wertberichtigungen auf wenig gefragte Produktentwicklungen. Hinzu kommen die Folgen des Umsatzrückgangs durch die Corona-Pandemie, wodurch auf Ergebnisseite Deckungsbeiträge fehlten. Der Umsatz sank um sechs Prozent auf 2,3 Milliarden Euro.

Allein im vierten Quartal des versetzten Geschäftsjahrs, das zum Teil voll in der Phase des Lockdowns lag, gab er von 797 Millionen auf 659 Millionen Euro deutlich nach. „Noch bis Ende des Neunmonatszeitraums konnten wir einen Umsatz auf dem Niveau des Vorjahrs erreichen. Die traditionelle Jahresendrally in unserem versetzten Geschäftsjahr wurde aber dann durch Corona abgebrochen“, sagte Wassenberg.

Doch der Vorstand ist davon überzeugt, dass die Restrukturierung dieses Mal gelingen wird. Durch die Maßnahmen werde ein dreistelliger Millionenbetrag eingespart. Das werde sich spätestens im nächsten Geschäftsjahr bemerkbar machen. Aktuell macht bereits eine Erholung in China Hoffnung. Der Auftragseingang konnte in der Region Asia/Pacific im vierten Quartal – das sind bei Heidelberger die Monate Januar bis März – von 658 Millionen auf 683 Millionen Euro gesteigert werden.

Dennoch bleibt das Management für das laufende Fiskaljahr eher zurückhaltend. Wegen der Corona-Pandemie rechnen Hundsdörfer und Wassenberg mit einem weiteren Umsatzrückgang auf ein Niveau, das deutlich unter den 2,3 Milliarden Euro des vergangenen Geschäftsjahrs liegen dürfte. Auf Ergebnisseite dürfte nach Steuern erneut ein Verlust stehen, der Wert wird sich aber laut Wassenberg gegenüber dem Vorjahr verbessern.