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#HappyHartz: Das steckt wirklich hinter der umstrittenen Hartz-IV-Kampagne

Eine Anti-Hartz-IV-Kampagne erbost derzeit viele Empfänger des Arbeitslosengeldes II. (Bild: AP Photo)

Im ersten Moment wirkt es wie eine groß angelegte PR-Aktion der Bundesagentur für Arbeit. Die Kampagne unter dem Motto „#HappyHartz #DuBistEsUnsWert“ von „Mein Jobcenter“ hat für viel Aufsehen gesorgt. Jetzt ist klar, wer hinter der umstrittenen Aktion steckt.

Eine professionelle Website, Video-Postings auf Facebook und Twitter sowie Plakate an Berliner U-Bahnhöfen: „Mein Jobcenter“ erzählt in einer Werbeaktion die Geschichte von drei Hartz-IV-Empfängern, die betonen, wie glücklich sie mit ihrem Arbeitslosengeld sind.

Da wäre beispielsweise der 17-jährige Timo, der in einem Video schwärmt: „Das erste Mal Hartz IV bekommen habe ich mit 12 Jahren durch meine Mutter. Die ist durch die Schlecker-Pleite 2012 arbeitslos geworden. Aber es war voll gut, sie verliert ihren Job und wir bekommen trotzdem Geld. Wo gibt’s das schon? Mir hat das voll den Rücken freigehalten und ich konnte mich dann voll und ganz auf die Schule konzentrieren.“

Auch die 28 Jahre alte Anna erklärt in einem Clip: „Hartz IV schenkt mir Freiheit. Ich weiß, dass es total komisch klingt, aber so ist es. Ich wohne mit meinem Sohn alleine, aber kann mich trotzdem voll gut auf das Studium und meine Karriere konzentrieren. Manchmal, wenn ich nicht mehr weiter weiß, ruf ich da einfach an, die gehen sofort ran und helfen mir, die verstehen meine Situation.“ Die Message: Dank Hartz IV kannst du durchstarten!

Schnell stand fest: Das echte Jobcenter hat mit der Aktion absolut nichts zu tun. Nach dem Start der Kampagne betone eine Sprecherin gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Wir wissen nicht, wer hinter der Aktion steckt und wie es zum Beispiel mit dem Datenschutz aussieht.“

Ist das Ganze nun eine Verhöhnung von Hartz-IV-Empfängern oder eine gelungene Kunstaktion? Zahlreiche User ließen sich im Netz darüber aus. Von Irritation über Belustigung bis hin zu Wut war alles dabei.

Die große Frage bleibt: Wer steckt hinter der Aktion? Wie „bento“ berichtete, handelt es sich dabei um den Verein „Sanktionsfrei“ in Zusammenarbeit mit der Beraterin und Autorin Claudia Cornelsen. „Die Betroffenen erleben es nicht als Hilfe, sondern als Demütigung. Und das liegt zu einem großen Teil an den Sanktionen, die abschrecken sollen“, erklärte die 51-Jährige im Interview mit dem Nachrichtenportal.

Über sechs Millionen Deutsche waren 2016 auf Hartz IV angewiesen. In der Regel bekommt ein Single 409 Euro monatlich, der Betrag kann allerdings deutlich gekürzt werden, wenn gewisse Vorgaben nicht eingehalten werden. Gegen genau diese Sanktionen wollen sich die Initiatoren von #HappyHartz wehren.

„Diese Sanktionen sind schwarze Pädagogik aus dem vorletzten Jahrhundert”, so Cornelsen. Ein besonderes Problem sei auch, dass Menschen unter 25 Jahren noch deutlich schneller sanktioniert werden als ältere Hartz-IV-Empfänger. „Wenn mir mein gesamtes Einkommen gestrichen würde, wüsste ich, was ich als 20-Jähriger denken würde: ‚Mittelfinger hoch’. Wenn wir die Menschen für unsere Gesellschaft begeistern wollen, müssen wir Sanktionen abschaffen“, betonte die 51-Jährige.

Doch die Aktion lief anders, als geplant. Zum einen flog der Jobcenter-Fake früher als erhofft auf. „Wir wollten eigentlich am Wochenende eine Seite livestellen mit Videos der Menschen, die zu sehen waren. Die sind jetzt noch gar nicht fertig. Dass alles zu früh aufgeflogen ist, ist natürlich blöd“, sagte Cornelsen gegenüber „bento“. Das Satire-Projekt wurde in der Öffentlichkeit deutlich negativer angenommen, als von den Initiatoren erhofft.

Linken-Politikerin und Hartz-IV-Kritikerin Inge Hannemann ist eine prominente Unterstützerin des Vereins „Sanktionsfrei“ und plädiert für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Sie distanzierte sich via Twitter jedoch ganz klar von der Kampagne.

Vor allem aber hatte man wohl nicht damit gerechnet, dass sich so viele Hartz-IV-Empfänger von der Kampagne kompromittiert statt unterstützt fühlen. „Das war nicht unsere Absicht und tut uns leid“, betonte Claudia Cornelsen.

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