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Hans-Dieter Schumacher von Jenoptik schaltet in den Angriffsmodus

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Mit Übernahmen kennt sich der Finanzchef bestens aus. Bei der geplanten Expansion der Technologiefirma kann er diese Erfahrung nun gut gebrauchen.

Ringsprecher Michael Buffer hat Boxkämpfe viele Jahre mit seinem berühmten Ruf „Let’s get ready to rumble“ eröffnet. Nun macht sich Jenoptik-Finanzchef Hans-Dieter Schumacher diesen Spruch zu eigen. „Ready to rumble“, also bereit zum Rangeln, sei die ostdeutsche Technologiefirma, sagt Schumacher – und will damit eine groß angelegte Einkaufstour des SDax-Konzerns einläuten.

Der Auftakt ist dabei bereits gemacht: Im September übernahm Jenoptik 75 Prozent des Hamburger Optikspezialisten Trioptics. Der Rest soll nach Erfüllung festgelegter Erfolgskriterien im Dezember des nächsten Jahres geschluckt werden.

Über den genauen Kaufpreis haben beide Parteien Stillschweigen vereinbart. Im Gespräch mit dem Handelsblatt verrät der angriffslustig, aber verbindlich auftretende Finanzchef allerdings so viel: „Es handelt sich um eine niedrige bis mittlere dreistellige Millionensumme, die sich ungefähr am Zehnfachen des Betriebsgewinns vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von Trioptics orientiert.“

Mit der Übernahme des Herstellers von Mess- und Fertigungssystemen für optische Komponenten kann Jenoptik vor allem seine Marktposition in Asien deutlich stärken. Gleichzeitig steigt die Profitabilität.

Schumacher musste kürzlich zwar die Umsatzprognose für das laufende Jahr um fünf Prozent auf bis zu 750 Millionen Euro leicht nach unten korrigieren. Doch an den Renditezielen hält er fest. Unterm Strich werde die Marge vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) am oberen Ende der prognostizierten Spanne zwischen 14,5 und 15 Prozent liegen, sagt der Manager. Die Botschaft ist klar: Trotz leichter Bremsspuren kommt Jenoptik deutlich besser durch die Krise als viele andere Industrieunternehmen.

Das liegt vor allem am Geschäftsmodell der Jenaer. Mit seinen vier Divisionen, die unter anderem elektromechanische Systeme, Module zur Verkehrsüberwachung, Messtechnik, Laseranlagen und Industriekameras herstellen, hat Jenoptik eine breit gestreute Abnehmerbasis.

So konnte der Konzern beispielsweise die Verluste, die in den vergangenen Monaten bei Automobilkunden entstanden, zum Teil durch eine nach wie vor gute Nachfrage in der Halbleiterausrüstungsindustrie ausgleichen. „Sehr positiv hat sich auch unser Geschäft mit Verkehrsinfrastrukturprojekten entwickelt“, betont Schumacher. Hier sieht der 56-Jährige auch vielversprechende Wachstumschancen, vor allem durch ein stärkeres Engagement im Ausland.

Kasse ist prall gefüllt

Die Voraussetzungen dafür bringt Jenoptik mit. Die Kriegskasse ist gut gefüllt, um nicht nur die Trioptics-Übernahme, sondern auch andere Akquisitionen zu finanzieren. „Wir haben in den vergangenen Jahren intensiv darauf hingearbeitet, dass unser Unternehmen netto schuldenfrei wird“, erklärt Schumacher. „Jetzt ist die Zeit gekommen, um von dieser Finanzkraft zu profitieren.“

Die einhellig positiven Analystenurteile geben dem Manager recht. Zwar seien die kurzfristigen Aussichten wegen der Coronakrise gedämpft, schrieb etwa Christian Sandherr von der Privatbank Hauck & Aufhäuser in einer Analyse. Doch die langfristigen Perspektiven seien attraktiv. Er sieht den fairen Wert der Aktie daher bei 29 Euro – und damit um fast ein Drittel höher als der aktuelle Kurs von rund 21 Euro je Papier.

In den kommenden Jahren, so stellt Schumacher in Aussicht, stehen Jenoptik, die Trioptics-Transaktion nicht berücksichtigt, zwischen 700 und 800 Millionen Euro zur Verfügung, um in weitere Expansionsschritte zu investieren. Den Kauf von Trioptics finanziert der Konzern dabei auch über einen Brückenkredit bei der LBBW über 300 Millionen Euro mit einer Laufzeit von einem Jahr, der zweimal um jeweils sechs Monate verlängert werden kann.

Dabei wäre der SDax-Konzern durchaus in der Lage gewesen, die jüngste Übernahme aus dem laufenden Geschäft zu stemmen. Die ungenutzten Kreditlinien von rund 200 Millionen Euro sowie die freie Liquidität von gut 120 Millionen Euro per Ende Juni hätten dafür ausgereicht. „Wir wollten aber nicht alles davon für Trioptics ausgeben“, erklärt Schumacher, der viel Erfahrung im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (M & A) hat.

Bewegte Karriere

Seine Karriere begann er nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre als Trainee beim saarländischen Keramikwaren-Hersteller Villeroy & Boch. 1995 wechselte Schumacher zur Mannesmann Handel AG und stieg dort zum Leiter Planung und Controlling sowie zum Leiter der Konzernbetriebswirtschaft auf.

Also solcher war er vor 20 Jahren auch bei der Übernahmeschlacht zwischen Mannesmann und dem britischen Telekomkonzern Vodafone dabei, die als bislang teuerste in die deutsche Unternehmensgeschichte einging. Für 190 Milliarden Euro wechselte Mannesmann damals den Besitzer. An die Zeit erinnert sich Schumacher heute als „arbeitsintensiv und lehrreich“.

In den Folgejahren bekleidete der gebürtige Saarburger verschiedene Führungsposten in unterschiedlichen Branchen, bevor er 2011 zum Finanzvorstand des Holzbearbeitungsmaschinenherstellers Homag berufen wurde. Dort zeichnete er für ein umfangreiches Restrukturierungsprogramm verantwortlich, das zu einem nachhaltigen Umsatzwachstum geführt hat.

Auch hier endete Schumachers Laufbahn wegen einer Übernahme – in dem Fall durch den baden-württembergischen Konkurrenten Dürr. 2015 verließ er die Homag auf eigenen Wunsch und übernahm im selben Jahr den gleichen Posten bei Jenoptik. „Hier hat mich vor allem die Technologie gereizt“, sagt Schumacher. „Wir bewegen uns in vielen innovativen Märkten – da ich mich neben den Zahlen auch immer schon für Technik interessiert habe, fiel mir die Entscheidung leicht.“