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Handelsstreit und Trump-Tweets – den Börsen steht ein schwieriger Sommer bevor


Kaum eine Frage treibt Anleger derzeit stärker um: Werden die von US-Präsident Donald Trump angezettelten Handelskonflikte die seit mehr als neun Jahre laufende Aktienhausse abwürgen?

Der Ton zwischen Washington, Peking und Brüssel wird aggressiver. China droht mit Vergeltung gegen die Ausweitung von Zöllen durch die USA, die Europäische Union setzt Gegenmaßnahmen zu den US-Strafzöllen auf Aluminium- und Stahleinfuhren in Kraft.

Weltweit zittern die Kurse immer heftiger im Takt der Trump-Tweets.

Die Investoren sind alarmiert – und schicken die Kurse auf Achterbahnfahrt. Der deutsche Leitindex Dax fiel dieser Tage zeitweise auf weniger als 12.200 Punkte zurück, mehr als ein Zehntel unter sein Allzeithoch vom Januar. Und die wichtigsten Börsenmesslatten in China sind wegen des drohenden Handelskriegs seit Jahresbeginn sogar um 20 Prozent eingebrochen. Sie befinden sich damit offiziell in einer Baisse.


Am Mittwochnachmittag erholten sich die Börsen zwar weltweit etwas von ihren Tiefständen, weil Washington Entspannungssignale sendete. Doch Experten rechnen mit weiterhin turbulenten Monaten an den Aktienmärkten – und möglicherweise hohen Kursverlusten.

„Der Sommer könnte heiß werden“, warnt Patrick Picenoni vom Vermögensverwalter Conren. Nach den Korrekturen im Februar und März habe es keinerlei Ausverkäufe im Sinne von Panikverkäufen gegeben und der große „Wash-out“ als Ausgangspunkt für die nächste Rally fehle damit. „Er könnte nun bevorstehen – die Handelskriegsrhetorik als Auslöser.“

Wachsende Konjunktursorgen

Die von den Handelskonflikten ausgehende Unsicherheit spiegelt sich weltweit bereits in konjunkturellen Frühindikatoren wider. So signalisiert hierzulande etwa der Ifo-Geschäftsklimaindex, dass die Stimmung in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft wegen des Handelsstreits mit den USA so schlecht ist wie seit über einem Jahr nicht mehr.

„Der Rückenwind für die deutsche Wirtschaft flaut ab“, urteilt Ifo-Präsident Clemens Fuest. Neben Stimmungsindikatoren entwickeln sich auch andere Signalgeber aus der Euro-Zone wie etwa die Industrieproduktion unerwartet schlecht.

Der Citi-Überraschungsindex, der die erwarteten Ergebnisse mehrerer Konjunkturindikatoren mit der Realität vergleicht, tendiert daher immer mehr abwärts – wie auch das Citi-Pendant für die USA.

Dort breitet sich die Unsicherheit ebenfalls aus: Schien die Wall Street bislang nahezu unerschütterlich, droht der Aufwärtstrend an der weltweit richtungsweisenden Börse nun zu kippen.


Abzulesen ist dies daran, dass der US-Blue-Chip-Index Dow Jones am Montag erstmals seit über hundert Handelswochen unter seine sogenannte 200-Tagelinie rutschte. Das ist einer der meistbeachteten charttechnischen Indikatoren für den Zustand des Marktes.

In vier von fünf Fällen, in denen der Dow in der Vergangenheit nachhaltig unter diese Kurve fiel, weitete er seine Verluste anschließend deutlich aus. Im Schnitt brach die Börsenmesslatte dann seit 1900 binnen Jahresfrist um fast 20 Prozent ein, wie aus Daten des Informationsdienstes Bloomberg hervorgeht.

In den vergangenen Tagen standen an der Wall Street vor allem Technologieaktien unter Druck. Denn die US-Regierung erwog zeitweise, vor allem chinesische Investments in die Boombranche zu erschweren.

Auf den Verkaufslisten ganz oben befanden sich daher Top-Performer der vergangenen Monate, die zuvor den Aktienmarkt maßgeblich gestützt haben: Neben Schwergewichten wie etwa dem Streaminganbieter Netflix auch Chipproduzenten wie Micron Technology, Nvidia oder AMD, deren Kurse sich allein seit Jahresanfang teilweise verdoppelt haben.


Auch in Europa belasten vor allem die Konjunkturängste die Aktienmärkte. Ganz oben auf den Verkaufslisten stehen hier Autotitel. Über 16 Prozent hat der Branchenindex allein in den vergangenen vier Wochen eingebüßt – vor allem wegen des angedrohten zusätzlichen US-Importzolls in Höhe von 20 Prozent für Europas Autobauer.

Besonders schmerzhaft wäre dies für Deutschlands Automobilindustrie, die fast ein Achtel ihrer Ausfuhren in die Vereinigten Staaten exportiert. Die USA bilden damit den bedeutendsten Auslandsmarkt für die hiesigen Hersteller.

Obwohl diese US-Zusatzzölle noch nicht beschlossen sind, hat Daimler bereits vergangenen Mittwoch seine Geschäftsprognosen kassiert – und Anleger damit kalt erwischt. Die Daimler-Aktie ist auf den tiefsten Stand seit mehr als zwei Jahren eingebrochen.

Als maßgeblichen Grund dafür, dass der operative Konzerngewinn 2018 wohl unter den Vorjahreswert schrumpfen wird, nannte Daimler-Chef Dieter Zetsche, dass China Autoimporte aus den USA mit Zöllen belegen will. Davon wären Daimlers Ausfuhren aus dem Werk in Tuscaloosa im US-Bundesstaat Alabama betroffen.


Aktionäre befürchten, dass auch Firmen außerhalb der am stärksten betroffenen Branche ihre Prognosen wegen des Zollstreits nach unten anpassen müssen – und gehen auf breiter Front in Deckung. Daher ist auch der Dax deutlich unter seine 200-Tagelinie gerutscht.

Der Hintergrund: Zwar erscheinen die 30 Blue Chips im Dax auf Basis der bisher in Aussicht gestellten Firmengewinne für die kommenden Monate relativ fair bewertet. Im Schnitt müssen Anleger Dax-Aktien mit dem knapp 13-Fachen der erwarteten Unternehmensgewinne bezahlen. Das liegt in etwa auf dem langfristigen Niveau dieser wichtigen Bewertungskennzahl.

Allerdings: Ohne die drei Börsenschwergewichte Daimler, BMW und Volkswagen, die bereits wegen des Abgasskandals extrem abgestraft worden waren und nur über ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zwischen 5,8 und 6,6 verfügen, wäre der Dax deutlich höher bewertet.

Wacklige Gewinnprognosen

Bei einer Eskalation des Handelsstreits könnten sich die Gewinnprognosen der Firmen als Makulatur erweisen. „Eine Ausweitung des Handelskonflikts jenseits der jüngst durch die USA eingeführten Schutzzölle auf Stahl und Aluminium könnte die wirtschaftliche Entwicklung in Europa spürbar treffen“, sagt DZ-Bank-Chefvolkswirt Stefan Bielmeier. Schließlich gingen rund 20 Prozent der Ausfuhren aus der Europäischen Union in die USA. Laut Thomas Orthen,

Portfoliomanager bei Allianz Global Investors, hatten zwar in der jüngeren Vergangenheit politische Risiken oft keine unmittelbaren Folgen für Firmengewinne und Aktienkurse. Beim Thema Brexit etwa, weil noch keine Details entschieden seien. „Bei höheren Zöllen und Steuern ist dies jedoch anders, denn auch indirekte Handelsbarrieren behindern globale Lieferketten, und die Sorge über einen eskalierenden Handelsstreit schafft Unsicherheit“, so der Profi.

Die konjunkturelle Abschwächung kommt für Börsianer zur Unzeit. Schließlich hat die Europäische Zentralbank angekündigt, ihre Unterstützung für die Wirtschaft der Euro-Zone zurückzufahren, indem sie zum Jahresende ihre milliardenschweren Wertpapierkäufe stoppt. Dax und Co. haben davon jahrelang profitiert.


Wegen steigender Inflationsgefahren signalisierte die EZB zudem, dass die Leitzinsen ab Ende 2019 steigen dürften. Doch höhere Zinsen verteuern die Finanzierung der Firmen und machen zudem Anleihen im Vergleich zu Aktien attraktiver.

Bis in den Herbst hinein dürften die Aktienmärkte wegen der schwierigen Gemengelage nach Einschätzung von Experten im Korrekturmodus bleiben. „Ein Ende der Hausse erwarten wir zwar nicht“, sagt Philipp Vorndran, Kapitalmarktstratege bei Flossbach von Storch.

Gleichwohl sollten die Konflikte laut dem Experten die Stimmung an den Börsen noch eine ganze Weile dämpfen und zu weiteren Kursrücksetzern führen. Langfristig orientierte Investoren sollten laut Einschätzung der meisten Profis dennoch nicht die Nerven verlieren.

„Für Anleger, die auf Kursrückgänge und niedrigere Kaufkurse hoffen, könnte 2018 ein Jahr mit zahlreichen Chancen werden“, resümiert Bielmeier. Der DZ-Bank-Ökonom verweist darauf, dass etwa beim Dax selbst ein Rückschlag bis auf 11.000 Punkte nicht außergewöhnlich wäre. Das entspreche der mittleren unterjährigen Korrektur, die der Index seit 1975 jeweils von seinen lokalen Hochs verzeichnet habe.

Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der Dekabank, sieht das ähnlich und hofft auf eine Fortsetzung der Hausse – ohne explizit Gründe für seinen Optimismus zu nennen: „Wir erwarten nach einem schwierigen und von zwischenzeitlich spürbaren Kursrückschlägen geprägten dritten Quartal eine Erholungsbewegung im vierten Quartal“, so der Experte. Zum Jahresende könne der Dax wieder bis an die 13.500 Punkte heranreichen.