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Handball-Star: "Der Fußball hat es nicht nötig, ..."

·Lesedauer: 10 Min.
Handball-Star: "Der Fußball hat es nicht nötig, ..."
Handball-Star: "Der Fußball hat es nicht nötig, ..."

Es ist endlich wieder Derby! Richtiges Derby. Im Norden, in der Handball-Bundesliga.

„Die Mutter aller Derbys“ zwischen dem THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt (So., ab 13.40 Uhr im SPORT1-Liveticker) erlebt ihre 105. Auflage – und die erste nach Ausbruch der Corona-Pandemie unter zumindest einigermaßen normalen Umständen.

9000 Zuschauer werden in Kiel dabei sein, die Halle ist nahezu voll besetzt beim Duell der beiden Giganten, die in den vergangenen vier Jahren den Titel unter sich ausgemacht haben. (NEWS: Alles zur Handball-Bundesliga)

Fans dabei bei Kiel - Flensburg-Handewitt

Vor dem Spiel am Sonntag, in das die Gäste wegen zahlreicher verletzungsbedingter Ausfälle als Außenseiter gehen, spricht Nationalspieler Johannes Golla bei SPORT1 über das Derby, seinen Weg zum Handball und die zunehmende Belastung in seinem Sport.

SPORT1: Verletzung, Bundesliga, Champions League, Weltmeisterschaft, Corona-Infektion, Geburt des ersten Kindes, Meisterkampf, Olympische Spiele. Ihre Schwester Paulina hat der Flensborg Avis gesagt: „So ein Jahr kann kein Sportler noch einmal durchziehen.“ Was war das für ein Jahr für Sie, Herr Golla?

Johannes Golla: Es war das ereignisreichste Jahr in meinem Leben – gefolgt auf das am wenigsten ereignisreichste Jahr. Nach dem Lockdown war die Vorfreude, dass es wieder losgeht, riesengroß. Dann wurde ich schnell wieder ausgebremst durch die Verletzung, das war in dem Moment sehr, sehr hart. Da war ich für drei Monate außen vor. Am Ende des Jahres bin ich wieder gut zurückgekommen, dann lief es für mich persönlich sehr gut.

Golla; „Wir wurden schnell gebremst“

SPORT1: Auch Ihre Schwester spielt erfolgreich in der Bundesliga. Wie wurde der Handball unter den Golla-Geschwistern als Kinder praktiziert? Wurde da eine Hecke als Tor genutzt, ging mal eine Scheibe zu Bruch?

Golla: (lacht) Sport stand bei uns ganz oben auf der Tagesordnung. Aber wir sind tatsächlich oft in die Halle gegangen. Meine Schwester hat damals, als ich schon etwas weiter weg gespielt habe, noch in unserem Heimatort im Verein gespielt und war da oft in der Halle. Ich bin immer, wenn es ging, mitgegangen. Da gab es zum Glück nicht so viel, was kaputt gehen konnte. Aber natürlich ist das ein oder andere Mal auch im Haus ein Ball geflogen – das ist aber von unseren Eltern nicht so gut aufgenommen worden. Da wurden wir schnell gebremst (lacht).

War Golla als Kind Kiel-Fan?

SPORT1: Stimmt es, dass Sie als Kind dem HSV zugeneigt waren, es aber auch eine Zeit gab, in der Sie Kiel-Fans waren?

Golla: Nein, Kiel-Fan war ich nicht (lacht). Die Sympathie zum HSV kam von meinem Opa, der damals Fußball-Fan des HSV war. In der Zeit, als wir mit dem Handball aufgewachsen sind, waren die ersten Erinnerungen die WM 2007 und die Jahre darauf. Da hatte der Handball in Hamburg seine Hochzeit. Man kannte viele Spieler aus der Nationalmannschaft. Ein Highlight war damals, als wir vor einem Urlaub in Dänemark ein Wochenende in Hamburg verbracht haben und bei einem Handball-Training der HSV-Profis zugucken konnten. Das war etwas Besonderes – und als Kind wird man dann ein bisschen Fan der Mannschaft.

SPORT1: War das dann sogar eine Art Schlüsselerlebnis auf dem Weg zum Handball-Profi?

Golla: Erstmal hat mir das gezeigt, dass die HSV-Stars ganz normale Menschen sind. Sie haben uns Hallo gesagt und mit meinem Vater und uns gesprochen. Es war schön zu sehen, dass es Idole sind, aber trotzdem ganz normale Männer, die Zeit für Fans haben.

Der Traum war natürlich da, aber es war nicht abzusehen, dass ich aus der Handball-Provinz, wie es bei uns, das muss man leider sagen, inzwischen leider ist (Anm. d. Red.: Golla wuchs im Rheingau in Hessen auf), diesen Weg gehe, wie ich ihn jetzt gegangen bin.

SPORT1: Nun geht es am Sonntag gegen Kiel. Wie schon in der vergangenen Spielzeit steht das Topspiel früh in der Saison auf dem Programm. Spielt der Zeitpunkt eine Rolle?

Golla: Grundsätzlich ist der Zeitpunkt egal. Was uns aber sehr ausbremst, ist unsere Verletztensituation. Dass wir schon so früh in der Saison auf dem Zahnfleisch gehen, ist ein Riesenpech und wirft uns auch zurück. Nichtsdestotrotz ist ein Nordderby immer besonders. Jeder, der einigermaßen fit ist, wird sich aufreißen, damit wir ein gutes Spiel auf die Platte bringen (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Handball-Bundesliga).

SPORT1: Vor allem, wenn endlich wieder viele Fans dabei sind.

Golla: Das ist echt schön. Es wäre noch schöner, wenn wir zu Hause spielen würden. Dann würden wir noch mehr von der Atmosphäre profitieren. Nichtsdestotrotz herrscht auch in Kiel eine ganz besondere Atmosphäre, besonders beim Derby. Und da freut man sich natürlich nach so langer Zeit sehr auf eine volle Halle. Das wird ein ganz besonderes Spiel.

SPORT1: Nach dem dramatischen Finale im Vorjahr kann trotz der Verletzungen der Titel nur das Ziel sein, oder? Sind deshalb Punktverluste wie gegen Erlangen besonders ärgerlich?

Golla: So ein Punktverlust zu Hause tut unglaublich weh. Wir haben im letzten Jahr die Topspiele fast immer richtig gut gespielt – aber dann kamen Dinge wie das Unentschieden gegen Lemgo dazu. Wir haben gesagt: So etwas darf uns nicht passieren, das ist am Ende entscheidend. Dass wir nun schon am 2. Spieltag zu Hause gegen eine Mannschaft, gegen die wir Favorit sind, einen Punkt liegen lassen, tut extrem weh.

Ein Traumszenario wäre natürlich, dass man eine Bundesliga-Saison einigermaßen so durchspielt, dass alle Mannschaften alle Spieler dabei haben. Das ist leider ein Wunschgedanke, aber das wäre der sportlich fairste Wettkampf. (Nach Rücktritt: Jetzt spricht Gensheimer!)

Golla spricht über große Belastung

SPORT1: Die Belastung ist ein fast schon leidiges Thema. Sind Sie auch schon mit 23 Jahren an der Grenze? In der vergangenen Saison hatten Sie einen Mittelfußbruch …

Golla: Ja. In diesen Olympia-Jahren, dazu kam letztes Jahr die verkürzte Saison, sind wir am Limit. Der Großteil unseres Teams ist Nationalspieler und war auch bei Olympia. Das hängt natürlich nach. Das ist keine wünschenswerte Situation, aber dem Spielplan geschuldet. Ich merke auch, dass es Spuren hinterlässt. So ein Jahr zehrt schon an einem. Körperlich, aber auch mental, weil man nie wirklich weg kommt von diesen Spieldruck und Stress. Aber ich will lieber viele Spiele haben als noch mehr zu trainieren (lacht). Deswegen kann ich das mit meinen 23 Jahren noch gerne in Kauf nehmen. Aber auf lange Sicht zehrt das schon an einem.

SPORT1: Aber gibt es Lösungen? Die Debatte ist ja nicht neu, es ändert sich aber nichts (DATEN: Die Tabelle der Handball-Bundesliga).

Golla: Nein. Ich kann auch beide Seiten verstehen. Der Handball muss einfach stattfinden, um bei den Leuten anzukommen. Das ist gar nicht die Frage. Man muss einen Schritt aufeinander zugehen, aber das überlasse ich den Leuten, die sich damit auskennen. Mir tut es nur weh, Jahr für Jahr zu sehen, wie viele Verletzungen es in der Bundesliga gibt. Das gilt auch für die Mannschaften, die nicht international spielen. Und das ist natürlich schade, weil es den Wettbewerb immer etwas verzerrt.

Golla: „Der Fußball hat es nicht nötig, ...“

SPORT1: Thema „Der Handball muss stattfinden“. Im Fußball gibt es Gedankengänge, in jedem Jahr ein großes Turnier stattfinden zu lassen. Bob Hanning hat das schon kritisiert, weil es die anderen Sportarten weiter in den Hintergrund drängen könnte. Denken Sie ähnlich?

Golla: Der Fußball hat es nicht nötig, mehr Turniere zu spielen. Der Fußball findet so genug statt. Im Fußball haben eine WM und eine EM einen noch höheren Stellenwert als im Handball, weil vier Jahre dazwischen liegen. Es wird am Ende wohl so entschieden, wie am Ende mehr Geld eingenommen werden kann. Für die Randsportarten oder kleineren Sportarten wäre es nicht förderlich, wenn noch mehr Fußball stattfindet.

SPORT1: Jemand, der das Thema Belastung immer wieder angesprochen hat, ist Hendrik Pekeler. Mit ihm hat ein Kreisläufer-Konkurrent in der Nationalmannschaft eine längere Pause angekündigt. Freuen Sie sich darüber, weil womöglich noch mehr Spielanteile abfallen – oder bedauern Sie das wegen des Wegfalls von Pekelers Qualität? (NEWS: Pekeler beklagt Belastung vor Olympia)

Golla: Ich bedaure das zu 100 Prozent. Jeder will zwar bei der Nationalmannschaft dabei sein, aber das Ziel ist es nicht, 60 Minuten zu spielen, sondern mit der Mannschaft erfolgreich zu sein. Ich habe mit Hendrik leider nur zwei Turniere zusammengespielt und ein paar Qualifikationsspiele. Ich hatte immer ein sehr, sehr gutes Gefühl, weil wir uns gut ergänzt haben. Es ist auch das Beste für die Mannschaft, wenn man immer frische Kräfte bringen kann. Dass er ein Weltklassespieler ist, darüber brauchen wir überhaupt nicht zu reden. Deshalb tut es uns als Nationalmannschaft weh, wenn solche Spieler sagen, sie werden kürzertreten. Aber natürlich ist es auch nachvollziehbar. Denn ich kenne den Rhythmus, den man geht – und er macht das schon ein paar Jahre länger als ich. Aber ich würde mich freuen, wenn er sich irgendwann wieder dazu entscheidet, dabei zu sein. (Bericht: Wird diese Personalie fürs Nationalteam zum Risiko?)

SPORT1: Unabhängig von der Personalie Pekeler - wie sehen Sie ihre Rolle in der Nationalmannschaft generell? Sehen Sie sich zukünftig als einen entscheidenden Fokuspunkt, der sogar mal Kapitän werden kann? Welche Erwartungen haben Sie an sich selbst?

Golla: Damit habe ich mich noch nicht auseinandergesetzt. Ich will natürlich eine größere Rolle einnehmen und mich mehr und mehr einbringen mit der Erfahrung, die ich auf internationalem Niveau Woche für Woche sammle. Ich habe auch das Gefühl, dass das von den Mitspielern und dem Trainer angenommen wird. Meine Rolle ist in den letzten Jahren gewachsen. Ich werde alles dafür tun, dass wir bessere Turniere spielen und einen Erfolg verbuchen können in den nächsten Jahren. Diese Turniere, bei denen die deutsche Nationalmannschaft etwas erreicht hat, waren auch schon als Fan ganz besondere Erinnerungen. Bei der WM 2007 oder der EM 2016 wurde eine Euphorie entfacht. Ich werde alles dafür tun, dass wir das in Zukunft wieder schaffen und ich dazu einen großen Beitrag leisten kann.

Golla fühlt sich in Flensburg „rundum wohl“

SPORT1: Sie sind mit 20 den großen Schritt nach Flensburg gegangen – und haben ihn erfolgreich gemeistert. Würden Sie auch anderen raten, früh oder früher den Schritt, der vielleicht mit einem gewissen Risiko verbunden ist, zu einem Top-Klub zu wagen?

Golla: Das ist schwierig, pauschal zu sagen. Jede Situation hat einen anderen Hintergrund. Bei mir war es damals so, dass ich ein sehr gutes Gefühl von Geschäftsführer Dierk Schmäschke und Trainer Maik Machulla vermittelt bekommen habe. Und ich auch die Möglichkeit gesehen habe, mit Spielern wie Holger Glandorf, Tobias Karlsson noch zusammen zu spielen, die schon am Ende ihrer Karriere standen. Für mich war das eine sehr reizvolle Angelegenheit, aber auch ein mutiger Schritt. Mit 20 zu einem Top-Klub zu gehen, ist nicht die Regel. Ich habe mich damals bereit gefühlt und hatte Lust auf etwas Neues. Ich habe es in keinem Moment bereut. Aber ich kann es auch verstehen, wenn andere Spieler sich in ihrem gewohnten Umfeld noch zwei, drei Jahre entwickeln und dann ihren Schritt gehen. Ich finde es aber wichtig, dass auch deutsche Spieler die Schritte machen und die Möglichkeit wahrnehmen, zu Top-Klubs zu gehen. Es bringt einfach viel, auf internationalem Niveau zu spielen. Nicht nur bei Welt- und Europameisterschaften, sondern auch in der Champions League. Das ist einfach ein anderer Handball als in der Bundesliga.

SPORT1: Ihr Vertrag läuft noch bis 2023. Gibt es in dieser Hinsicht schon Tendenzen oder gar Gespräche?

Golla: Die gibt es noch nicht. Ich fühle mich rundum wohl in Flensburg. Wir haben mit dieser Mannschaft, wenn alle fit wären, ein Riesenpotenzial. Nicht nur für 1, 2 Jahre, sondern auch darüber hinaus, weil wir eine junge, attraktive Mannschaft zusammen haben. Von daher passt hier alles. Aber ich habe noch zwei Jahre Vertrag und deshalb ist da noch kein Stress vorhanden.

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