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Wohin mit der halben Million? – So legen Sie plötzlichen Reichtum richtig an

Wer viel Geld erbt oder gewinnt, braucht einen guten Plan – und der hängt entscheidend vom Alter ab. Experten machen Vorschläge für Jung und Alt.

Zwei Schwestern erben ein Haus. Die eine kann die andere nicht auszahlen – die Immobilie wird verkauft. Plötzlich landet so ein großer Geldbetrag auf dem Konto, zum Beispiel eine halbe Million Euro. Ein Fall, der so oder ähnlich gar nicht so selten vorkommt. Zum Beispiel auch, wenn ein Haus oder ein Unternehmen verkauft wird, weil niemand mehr in der Familie ein persönliches Interesse daran hat.

Von einem auf den anderen Tag Geld zu haben ist traumhaft. Aber auch eine Herausforderung, um die Chancen, die der Reichtum gibt, möglichst gut nutzen zu können. Doch wie geht man richtig damit um? Das Handelsblatt hat einige Tipps dafür zusammengetragen.

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Am Anfang ist es wichtig, sich ein paar Fragen zu stellen: In welcher Phase seines Lebens befindet sich jemand, wie stellt er sich seine Zukunft vor? Wichtig ist auch, ob es weiteres Vermögen gibt und wie alt der Neu-Reiche ist. Das Alter spielt eine entscheidende Rolle. Je länger ein Vermögen angelegt wird, desto besser kann es schwankende Kurse vertragen. Finanzberater entwerfen daher für verschiedene Lebensstadien jeweils unterschiedliche Strategien. Indes gehört eine Anlageklasse in jedes Depot: Aktien.

Junge Menschen

20-Jährige sind mit einem Berg Geld meist „völlig überfordert“, sagt Constanze Hintze, Geschäftsführerin der Finanzberatung und Vermögensverwaltung Svea Kuschel und Kolleginnen in München. Wer in dem Alter ist, denkt meist über eine Ausbildung oder ein Studium nach. An Finanzthemen haben junge Menschen oft nur wenig Interesse, möchten sich aber vielleicht eine Wohnung einrichten oder eine große Reise machen, sagt Tom Friess, Geschäftsführer der Honorarberatung und Vermögensverwaltung VZ Vermögenszentrum in München.

Hintze rät jungen Erwachsenen zunächst zu einer Liquiditätsreserve von rund zehn Prozent. Bei diesem Geld steht im Vordergrund, dass es jederzeit verfügbar ist. Die Beraterin nennt ein Beispiel: Ein Studium in einer ausländischen Metropole zeigt oft ganz neue berufliche Möglichkeiten auf, kostet aber allein wegen der Wohnkosten häufig schon eine Menge Geld.

Der größte Teil des Geldes gehört nach Ansicht der Berater in ein Depot, das überwiegend in Aktien investiert wird. Wie hoch genau die Quote ausfallen sollte, hängt von der Risikoneigung des Anlegers ab: Wer bei Kursverlusten schnell nervös wird, sollte zurückhaltender bleiben.

Einen Aktienanteil von 60 bis 80 Prozent des Vermögens sollte ein junger Mensch aber einplanen, sagt Beraterin Hintze – langfristig bieten diese Beteiligungen am Produktivvermögen der Wirtschaft die größten Renditechancen unter den liquiden Anlagen. Als Sachwert stellen sie grundsätzlich auch einen Schutz gegen eine mögliche massive Geldentwertung dar.

Investiert werden sollte das Geld weltweit. Um das Risiko breiter zu streuen, empfiehlt es sich, Fonds statt Einzeltitel zu kaufen. Dabei versprechen aktiv gemanagte Fonds häufig bessere Ergebnisse oder zumindest einen höheren Risikoschutz, halten aber dieses Versprechen nur selten ein. Einfacher und kostengünstiger sind an der Börse gehandelte Fonds (ETF), die nur passiv einen Aktienindex abbilden.

Aktien erfordern manchmal Geduld und die Fähigkeit, Kursverluste auszusitzen. Aber nach einer Auswertung der Daten aus früheren Jahren des bankennahen Deutschen Aktieninstituts werfen die Aktien aus dem deutschen Leitindex Dax nach elf Jahren beinahe sicher eine positive Rendite ab.

Fast immer setzt sich trotz aller Schwankungen im Endergebnis ein langjähriger Aufwärtstrend durch. Historisch gesehen gab es weltweit nur selten Aktienverluste, die nie mehr oder erst nach Jahrzehnten aufgeholt wurden. Die Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre ist ein Beispiel dafür sowie der „Neue Markt“ in Deutschland, wo kurz vor der Jahrtausendwende gehypte Zukunftstitel gehandelt wurden.

Der Renditevorsprung ist aber nicht der einzige Vorteil der Aktien. Ein großer Pluspunkt der Dividendenpapiere ist auch ihre Flexibilität. Sie können jederzeit über die Börse verkauft werden.

Finanzberater empfehlen heute mehr denn je Aktien, obwohl deren Kurse in den vergangenen Jahren schon recht weit gestiegen sind. Das hat einen Grund: Andere Anlageklassen haben ihre Funktionen verloren, wie Hintze sagt. Anleihen, also festverzinsliche Wertpapiere, bringen kaum noch Ertrag, es sei denn, sie sind mit relativ hohem Ausfallrisiko behaftet.

Sie bergen zurzeit auch ein relativ hohes Kursrisiko. Denn sollten die zurzeit sehr niedrigen, zum Teil unter null liegenden Zinsen eines Tages wieder anziehen, dann erleiden Zinspapiere deutliche Kursverluste, weil sie im Vergleich zu neuen, besser rentierenden Papieren unattraktiv werden.

Jörg Ludewig, Generalbevollmächtigter der Hamburger Sparkasse Haspa, empfiehlt jungen Menschen zu 60 Prozent internationale Aktien mit Schwerpunkt auf Unternehmen, die an langfristigen großen Trends wie Gesundheit, Technologie und Nachhaltigkeit verdienen.

Dazu sollte ein Anteil aus Immobilien, Anleihen und Gold kommen, um Stabilität ins Depot zu bringen (siehe Grafik). Mit zunehmendem Alter verschiebt der Berater die Quoten Richtung Sicherheit. „Je älter die Menschen werden, desto wichtiger wird es ihnen, ihr Vermögen schlicht zu erhalten“, sagt Ludewig. Viele Ältere brauchen einen Teil des Vermögens zur Finanzierung ihres Lebens. Und „mit einer hohen Aktienquote kann ein massiver Börseneinbruch zur Bedrohung werden“.

Hintze empfiehlt jungen Menschen, rund ein Fünftel des Geldes in eine Lebens- oder Rentenversicherung einzuzahlen – auch, um das sogenannte Langlebigkeitsrisiko abzumildern: Einer Studie des Versicherungsverbands GDV zufolge lebt jede Generation etwa fünf Jahre länger als die vorhergehende – und braucht entsprechend mehr Geld im Alter.

Die Branchenanalyse Map-Report nennt für 2019 bei Rentenversicherungen mit zwölf Jahren „Aufschub“ – also Anlagezeitraum vor Rentenbeginn – eine Durchschnittsrendite von 2,21 Prozent, bei 20 Jahren von 3,59 Prozent. Dass heute abgeschlossene Verträge in Zukunft noch so viel bringen werden, ist angesichts der sehr niedrigen Zinsen zweifelhaft. Außerdem haben viele Versicherer dem Map-Report auf Anfrage keine Daten geliefert.

Mittleres Alter

Ein Vierzigjähriger hat in der Regel andere Wünsche als ein junger Mensch. Viele stehen dann fest im Berufsleben, haben Kinder, schon etwas angespart und wollen sesshaft werden. Wer in dem Alter plötzlich reich wird, will das Geld häufig in eine Immobilie anlegen, ist die Erfahrung von Berater Friess.

„500.000 Euro Eigenmittel helfen dann, entspannt ein Darlehen aufzunehmen“, sagt er. Wer bereits ein Haus gekauft hat, kann auch einen guten Teil des Geldes für Sondertilgungen des Kredits verwenden – ob sich das lohnt, hängt von den Vertragskonditionen ab. Im Alter von 40 haben viele Menschen ohnehin schon Kapital gebildet. Je nach Risikoempfinden kann bis zu 100 Prozent des Zusatzvermögens in Aktien gesteckt werden.

Für manche Vermögensbesitzer passt auch eine sogenannte Rürup-Rente, wie Hintze sagt. Zwar bindet sich Jahrzehnte, wer eine solche geförderte Rentenversicherung kauft. Doch der Steuervorteil ist immens, bis zu rund 24.000 Euro im Jahr sind von der Steuer abzusetzen, bei Ehepaaren ist es das Doppelte. Allerdings eignet sich die Police nicht, um Hinterbliebene zu versorgen – das Kapital ist nicht vererbbar. Für Selbstständige ist die Rente oft eine der wenigen Möglichkeiten, gefördert vorzusorgen.

Im mittleren Alter beginnen Menschen auch darüber nachzudenken, sich das „Geschenk“ eines vorzeitigen Ruhestands zu machen, wie Friess sagt. Jemand, der mit 60 aufhören möchte zu arbeiten und im Monat 4000 Euro benötigt, braucht für sieben Jahre insgesamt 336.000 Euro.

Um das Geld dann sicher parat zu haben, rät Friess zu einer Zyklusstrategie: Bis zum Alter von 50 investiert der Anleger das Kapital vor allem in Aktien. Danach schichtet er zehn Jahre lang jeweils zehn Prozent der benötigten Summe in wenig im Wert schwankende Anlagen wie Immobilien oder Anleihen hoher Qualität um.

Den Ruhestand vor Augen

Im Alter von 60 Jahren ändert sich spätestens die Wahrnehmung. Jetzt kommt der Gedanke auf, wie der Ruhestand zu gestalten ist. Immer mehr Menschen bleiben lange gesund, haben Freude an ihrer Arbeit und möchten möglichst lange berufstätig sein, was ja auch finanziell Vorteile hat. In dieser Altersklasse versuchen aber auch viele, mithilfe einer höheren Geldsumme früher aus dem Berufsleben auszusteigen, ohne Abschläge bei der gesetzlichen Rente zu kassieren.

„Oft finanzieren sich vor allem Frauen mit einer Erbschaft die Zeit zwischen 60 und 67 Jahren“, weiß Hintze. Dafür müssen sie genau ausrechnen, wie viel sie brauchen, und das Geld möglichst gut verfügbar anlegen. Hintze glaubt, dass hier auch ein Anteil an Unternehmensanleihen bester Bonität sinnvoll sein kann. Sie schwanken weniger im Kurs als Aktien und bringen manchmal wenigstens noch einen kleinen Zins. Im heutigen Umfeld müssen Anleger allerdings schon auf riskantere Papiere zurückgreifen, um tatsächlich noch eine spürbare Rendite zu bekommen.

Berater Friess rät in dem Fall zu einer Etappenstrategie, die darauf abzielt, ein Vermögen über unterschiedliche Strategien zu erhalten. Dafür werden für eine Zusatzrente von 1000 Euro zehn Jahre lang 120.000 Euro relativ schwankungsarm angelegt und verbraucht. Die restlichen 380.000 Euro werden ohne Entnahme am Kapitalmarkt angelegt. Bei einer Rendite von 3,3 Prozent werden nach zehn Jahren wieder rund 500.000 Euro erreicht, wie Friess vorrechnet.

  • Aber auch mit 60 Jahren ist die Lebenserwartung heute noch sehr hoch. Ein Alter von 80 Jahren ist alles andere als selten, und mehr und mehr werden auch 90 Jahre und mehr. Das bedeutet: Es müssen noch 20 bis 30 im Extremfall sogar 40 Jahre finanziert werden.

Die alte Regel, im Ruhestand das Vermögen in sichere Anleihen umzuschichten, ist deshalb aus zwei Gründen obsolet: erstens, weil sichere Anleihen keine Rendite mehr bringen, und zweitens, weil wir heute im Schnitt sehr viel länger leben. Deswegen ist auch in diesem Lebensabschnitt die Aktie wichtig. Die konkrete Aktienquote wird vom Risikoempfinden bestimmt. Viele Senioren denken aber ohnehin langfristig bei der Geldanlage, weil sie ihr Vermögen vererben wollen.

Vor einer Anlagestrategie kommt in diesem Alter aber eine Klärung der Rentensituation. Wer danach weiß, wie viel er im Moment bekommt, muss abschätzen, wie viel das Vermögen an laufendem Ertrag im Durchschnitt etwa abwirft, ohne dass der Wert angegriffen wird.

Wenn Rente plus laufendem Vermögensertrag ausreichen, um ein gutes Leben zu finanzieren, besteht kein großer Änderungsbedarf. Wenn nicht, empfiehlt sich eine Sofortrente, die zumindest den Grundbedarf bis ans Lebensende abdeckt. Aber die Kosten sind nicht zu unterschätzen. Außerdem bleibt bei einer Rente, außer bei einem früheren Tod, nichts für die Erben übrig.

Kosten und Risiken

Anleger müssen die Kosten im Auge behalten. Wer sein Geld einem Vermögensverwalter anvertraut, zahlt je nach Höhe des Vermögens eine Gebühr zwischen 0,7 und 1,5 Prozent im Jahr. Kosten für das Management von Fonds kommen hinzu. Wer sein Kapital selbst managt, zahlt ein Beratungshonorar von typischerweise 200 Euro pro Stunde, dazu kommen Kosten fürs Depot und Wertpapiere oder Fonds. Bei Versicherungen fallen Kosten für die Absicherung der Risiken, Verwaltung und oft für den Abschluss an. „Gute Beratung, Service und solide Anlagen kosten Geld“, sagt Beraterin Hintze. Aber sie sollten nicht aus dem Ruder laufen.

Mit ein paar Daumenregeln lassen sich Fehler vermeiden, mahnen die Berater: Die Strategie bestimmt 80 Prozent des Anlageerfolgs, lautet eine Weisheit. Wer sein Kapital zu wenig auf verschiedene Anlagearten verteilt, riskiert große Verluste. „Heiße Tipps mit vier Prozent sicherer Rendite im Jahr in einer Welt mit Negativrenditen bei Staatsanleihen können nicht seriös sein“, mahnt Hintze. Und Ludewig warnt: Nach Bauchgefühl der Masse am Markt nachzurennen, statt in Ruhe systematisch anzulegen, zahlt sich selten aus. Vor allem gilt es, sich nicht unter Druck setzen zu lassen, wie Friess betont: „Das frisch geerbte Kapital liegt auch nach vier Wochen noch auf dem Konto.“