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„Ein Hai, der Blutstropfen riecht“: So tickt der neue Amazon-Chef Andy Jassy

·Lesedauer: 7 Min.
Andy Jassy wird Amazon künftig führen.
Andy Jassy wird Amazon künftig führen.

Es war eine Nachricht, die im Februar die Wirtschaftswelt beben ließ: Amazon-Gründer Jeff Bezos gibt die Geschäftsführung des Konzerns ab und will sich künftig um andere Projekte seines Firmenimperiums kümmern, darunter etwa das Weltraumunternehmen Blue Origin.

Sein Nachfolger an der Spitze ist seit heute Andy Jassy, bisher CEO von Amazon Webservices (AWS), der inzwischen wohl wichtigsten Sparte des Unternehmens, die ihr Geld mit Cloud-Lösungen verdient. Der Stabwechsel findet genau am 27. Jahrestag der Gründung von Amazon statt.

Doch wer ist Andy Jassy und wie tickt er?

Wenn Jassy eine große Entscheidung zu treffen hat, dann kommt sie normalerweise im „Chop“. Dieser Name hat sich unter Jassy als Sammelbegriff für die Meetings eingebürgert, in denen er seine wichtigsten Brainstorming- und Planungssitzungen abhält. Das Chop ist auch der Ort, an dem große Ideen – und manchmal auch Mitarbeiter – zurechtgestutzt werden, sagen Insider aus dem Unternehmen.

„Wenn Sie zu einem Chop-Meeting mit Andy gehen, sollten Sie besser vorbereitet sein“, sagte ein ehemaliger leitender Angestellter. „Er hat ein enormes Vertrauen in sein Team, aber man muss auf höchsten Niveau für jedes Treffen mit ihm bereit sein. Er ist ein Hai, der einen Blutstropfen aus 100 Meilen Entfernung riecht, wenn man nicht vorbereitet ist.“

Obwohl er eine der dienstältesten Führungskräfte bei Amazon und ein enger Vertrauter von CEO Jeff Bezos ist, ist Jassy außerhalb von Tech-Kreisen immer noch relativ wenig bekannt. Die Menschen, die mit dem 53-Jährigen zusammengearbeitet haben, beschreiben ihn als einen aufrichtig netten Menschen, der dennoch hohe Erwartungen an seine Mitarbeiter stellt und von ihnen erwartet, dass sie den Herausforderungen gewachsen sind.

Sein oftmals zurückhaltendes Auftreten täuscht über das ganze Ausmaß seiner Leistungen hinweg. Nachdem er 1997 zu Amazon kam, dem Jahr, in dem das Unternehmen an die Börse ging, stieg Jassy schnell auf und diente irgendwann als Bezos' erster „Schatten“-Berater, ein Quasi-Stabschef, der an jedem Meeting des CEOs teilnimmt. Jassy ist einer der bestbezahlten Führungskräfte bei Amazon und hat in den letzten drei Jahren mehr als 20 Millionen Dollar an Gesamtvergütung verdient.

Jassy war schon bei Microsoft im Gespräch

Aber es ist seine Zeit bei AWS, durch die Jassy als eine der etabliertesten und einflussreichsten Figuren in der Welt der Unternehmenstechnologie auszeichnet. In weniger als zwei Jahrzehnten ist AWS zu einem riesigen Unternehmen herangewachsen, das einen Jahresumsatz von über 40 Milliarden US-Dollar (rund 33 Milliarden Euro) erwirtschaftet und mit einem Marktanteil von über 30 Prozent de facto der Marktführer im Bereich Cloud Computing ist. Es ist auch eine wichtige Quelle für Amazons Profitabilität: AWS ist für über 60 Prozent des operativen Gewinns von Amazon verantwortlich, obwohl der Umsatz nur 13 Prozent des Gesamtumsatzes beträgt. Zuletzt gab es auch Spekulationen darüber, ob Amazon AWS ausgliedern würde, was Jassy zum wahrscheinlichen Leiter eines massiv mächtigen und wertvollen, eigenständigen Unternehmens machen würde. Es kam anders.

Während viele Unternehmen während der Pandemie zu kämpfen hatten, florierte AWS weiter, da die durch die Abriegelung verursachte Nachfrage nach mehr Online-Diensten den Bedarf an Cloud-Computing erhöhte.

Jassys Arbeit bei AWS hat auch den Respekt anderer Branchenführer auf sich gezogen. Der ehemalige CEO von Microsoft, Steve Ballmer, hatte Jassy schon einmal als seinen Nachfolger ins Gespräch gebracht, bevor das Unternehmen schließlich Satya Nadella ernannte, wie eine mit den Gesprächen vertraute Person berichtet. Es wurde auch gemunkelt, dass Jassy im Rennen um den CEO-Posten von Uber war, kurz nachdem Travis Kalanick 2017 zurückgetreten war.

Meetings beginnen oft mit einer halben Stunde Stille

Zurück zum Meetingraum „Chop“. Besprechung unter der Leitung von Jassy laufen oft folgendermaßen ab: Wenn es an der Zeit ist, den Vorschlag zu präsentieren, versammeln sich bis zu 50 Leute aus Teams wie der Rechtsabteilung, der Produktabteilung und der Finanzabteilung im Chop und sitzen in völliger Stille, manchmal bis zu 30 Minuten lang, während jeder im Raum das Dokument durchgeht. Wenn Jassy den Vorschlag durchgeht, zieht er es vor, erst zu sprechen, nachdem alle anderen ihre Gedanken mitgeteilt haben, so wie es die meisten leitenden Angestellten bei Amazon tun.

Ein ehemaliger Mitarbeiter beschreibt ihn ein als „bodenständig“, scheue sich aber nicht jeden zurechtzuweisen, der unvorbereitet in Meetings auftritt. „Er duldet keine Dummheiten“, sagte Scott Chancellor, ein ehemaliger AWS-Direktor. „Leute, die in diesen Meetings nicht ihr Bestes geben, bekommen keine zweite Chance, zumindest nicht für lange Zeit.“

Jassy interessiert sich auch für Besonderheiten, die für eine Führungskraft seiner Ebene nicht üblich sind, mit hohen Standards und einer feinen Aufmerksamkeit für Details.

So überprüft er jede Pressemitteilung für AWS, bevor sie veröffentlicht wird. Er gibt auch seine Zustimmung zu fast jeder größeren Änderung bei der Namensgebung und dem Branding der AWS-Services – ein ungewöhnliches Maß an Beteiligung am Tagesgeschäft für einen großen CEO. Wenn ihm gefällt, was er sieht, sagt er oft: „Auf geht's, lasst uns loslegen.“

Dieser Ansatz hat auch seine Nachteile. Jassy hat jeden Tag sieben oder acht Meetings. Einige Mitarbeiter sagen, dass sie sich untereinander absprechen müssen, um freie Termine zu tauschen, um dringende Entscheidungen zu priorisieren.

„Religiöse Bekehrung“ für neue Angestellte

Bei AWS hat Jassy auch einige eigene Rituale eingeführt: So gibt es für leitende Angestellte, die neu zu AWS kommen ein Programm namens „Escape Velocity“. Das dreitägige Programm, das von einem ehemaligen Mitarbeiter als „religiöse Bekehrung“ beschrieben wurde, soll neue Mitarbeiter von ihren bisherigen Gewohnheiten am Arbeitsplatz befreien.

Als Harvard-Absolvent mit begrenzter Programmiererfahrung genießt Jassy dennoch Respekt für die Art und Weise, wie er die Cloud-Einheit leitet, und zwar in einem Maße, dass selbst Bezos ihm große Freiheiten einräumt.

Das liegt zum Teil daran, dass AWS mit völlig anderen Industrienormen und einem anderen Kundenstamm zu tun hat als Amazons Kerngeschäft Einzelhandel. Es ist auch ein Beweis für Bezos' uneingeschränktes Vertrauen in Jassy, der 2016 vom Senior Vice President von AWS zum CEO befördert wurde.

„Jeff hat Andy erlaubt, seinen Job zu machen, ohne dass ihm jemand über die Schulter schaut“, sagte ein ehemaliger leitender Angestellter. „Es ist zu 100 Prozent Andys Sache. Jeff sagt Andy nicht, was er zu tun hat.“

Andere bestätigen das. „Ich glaube, dass Andy bei AWS sehr freie Hand hat, vor allem, weil er so großartige Ergebnisse erzielt hat“, sagte Ex-Mitarbeiter Tim Bray.

Aber Bezos wird konsultiert, wenn es um große Entscheidungen zur Unternehmensentwicklung und Akquisitionen geht, etwa als es um einen Deal zwischen AWS und Salesforce ging. Da gab Bezos dem Deal den letzten Schliff.

Jassy pflegt einen eigenen Kommunikationsstil – wie Jeff Bezos

Wie Bezos hat auch Jassy seinen ganz eigenen E-Mail-Kommunikationsstil. Wo Bezos dafür bekannt ist, auf E-Mails mit einem bloßen Fragezeichen zu antworten, ist Jassys Schlagwort ein einfaches „Nice“.

Wenn AWS E-Mails über Start-Updates oder Geschäftsabschlüsse an seine Mitarbeiter verschickt, antwortet Jassy typischerweise mit einem einzigen Wort, „nice“, mit einer unterschiedlichen Anzahl von Ausrufezeichen. Diese E-Mails sind in der Belegschaft berühmt. Manche vermuten, dass Jassy einen Bot eingerichtet hat, um sie automatisch zu verschicken.

Im Büro ist Jassy für gewisse Marotten bekannt. Jassy bestand lange Zeit darauf, ein BlackBerry-Telefon zu benutzen, und neckte oft AWS-Führungskräfte, weil sie sich weigerten, irgendwelche Dienste zu entwickeln, die dieses Gerät unterstützen. Er ist auch für seine Vorliebe für Beef Jerky, Trockenfleisch, bekannt.

Außerhalb der Arbeit ist Jassy dafür bekannt, ein großer Sportfan zu sein. Er hat eine große Sportsbar im Keller seines Hauses, in der Tickets für große Sportereignisse, wie den Super Bowl, ausgestellt sind. Letztes Jahr kaufte er Anteile an dem Eishockeyteam Seattle Kraken.

Amazon droht Ärger durch Regulierungsbehörden

Trotz des Erfolgs von Amazon hatten AWS und Jassy in den letzten Jahren mit einigen Reibereien zu kämpfen. Politiker haben wegen Amazons wachsender Marktmacht eine stärkere Regulierung gefordert, wobei einige die Idee ins Spiel brachten, das Unternehmen zu zwingen, AWS abzuspalten. In dem im Oktober veröffentlichten Bericht des Repräsentantenhauses zur Kartellgesetzgebung in der Tech-Industrie hat der Kongress verschiedene Geschäftspraktiken hervorgehoben, die AWS einen unfairen Wettbewerbsvorteil verschafft haben sollen, wie etwa die Möglichkeit, Kunden an sich zu binden und auf deren vertrauliche Daten zuzugreifen.

Auch Amazon wird immer wieder wegen seiner marktbeherrschenden Stellung angegriffen. Zudem zieht das Unternehmen wegen der Arbeitsbedingungen in der Logistikzentren Kritik auf sich. Diesen Herausforderungen muss Jassy sich nun stellen.

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt. Das Original findet ihr hier.

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