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„Wir haben viel vor im Jahr 2021“: EU sichert sich weitere 300 Millionen Impfdosen von Biontech

Siebenhaar, Hans-Peter
·Lesedauer: 6 Min.

Über eine neue Bestellung bei Biontech und eine geringe Dosierung kann in der EU mehr geimpft werden. Der Druck auf die Arzneimittelagentur EMA ist trotzdem weiterhin groß.

Die EU-Kommission verbessert weiter die Versorgung mit Impfstoffen für die 27 Mitgliedsländer. Die EU-Exekutive hat sich 300 Millionen zusätzliche Dosen des Corona-Impfstoffs von Biontech und Pfizer gesichert.

Damit verdoppelt sich die Bestellmenge auf insgesamt 600 Millionen Dosen. „Wir haben viel vor im Jahr 2021“, sagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Freitag. „Wir müssen so viele Europäerinnen und Europäer so früh wie möglich impfen.“

Die Kommission teilte am Freitag mit, weitere 200 Millionen zusätzliche Dosen des Mittels zu kaufen mit einer Option auf 100 Millionen weitere Dosen. Nähere Angaben zum Vertrag mit den beiden Pharmaunternehmen machte die EU-Exekutive wie bereits zuvor allerdings nicht. Der Vorschlag braucht noch die Zustimmung der Mitgliedsstaaten.

Die Lieferung der zusätzlich bestellten Dosen soll im zweiten Quartal beginnen. Die EU hat sich mittlerweile nach eigenen Angaben bis zu 2,3 Milliarden Dosen der Impfstoffkandidaten für die Mitgliedsstaaten und Nachbarländer gesichert.

Diese Zahl dürfte durch einen ebenfalls am Freitag bekannt gegeben Beschluss der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) noch einmal erhöhen: Ärzte in der Europäischen Union können nun sechs Dosen aus einer Ampulle des Coronavirus-Impfstoffs von Biontech und Pfizer entnehmen, womit die verfügbaren Dosen in der EU schlagartig um 20 Prozent erhöht werden.

Die EMA erklärte, ihr Komitee für Humanmedizin habe eine aktualisierte Produktinformation empfohlen, wonach jede Ampulle sechs Dosen enthält. Bislang wurden aus einer Ampulle fünf Dosen genommen. Die Unternehmen hatten im Dezember darum gebeten, dass die Anzahl erhöht wird.

Zuspruch für Kooperation von Curevac und Bayer

In der EU findet unterdessen die am Donnerstag verkündete Allianz zwischen Curevac und Bayer für die Entwicklung eines Impfstoffes gegen Covid-19 viel Zuspruch. „Ich begrüße die Bündelung der Kräfte, um eine schnellere Produktion eines weiteren Impfstoffes zu erreichen. Bayer kann bei der zukünftigen Entwicklung und Bereitstellung des Curevac Impfstoffs einen großen Beitrag leisten“, sagte Europaabgeordnete Tiemo Wölken (SPD) dem Handelsblatt in Brüssel.

„Durch die Zusammenarbeit von Curevac und Bayer könnte ein weiterer aussichtsreicher Impfstoffkandidat in der EU schneller verfügbar sein”, hofft der Europaabgeordnete und Mediziner Andreas Glück (FDP).

Die Zusammenarbeit zwischen Curevac und Bayer sei eine gute Nachricht. Denn dadurch werde sich die Impfsituation in der EU nachhaltig verbessern, lobte auch der CDU-Europaabgeordnete und gesundheitspolitischer Sprecher der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament, Peter Liese, die jüngste Entwicklung.

In Brüssel wird nun eine Entspannung in der Versorgung mit Vakzinen erwartet. „Nach meiner Einschätzung wird es jetzt jede Woche mehr Impfstoff für die Menschen in Deutschland geben. Dafür arbeite ich und daran glaube ich“, sagte Liese. In diesem Jahr will nach Unternehmensangaben Curevac bis zu 300 Millionen Dosen produzieren.

Die EU-Kommission hatte Mitte November mit Curevac einen Vertrag über 225 Millionen Impfdosen und einer Option auf weitere 180 Millionen Impfdosen abgeschlossen. Der deutsche Pharmahersteller wurde im Juli von der Europäischen Investitionsbank mit einem Darlehen von über 75 Million Euro für die Entwicklung und Herstellung von Vakzinen gefördert.

Druck auf die EMA

Der Curevac-Impfstoff basiert, genau wie bei den zugelassenen Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna, auf der neuartigen mRNA-Technologie. Am Mittwoch hatte die EMA den Impfstoff von Moderna bedingt zugelassen.

Trotz der Kooperation mit Bayer werde Curevac laut Liese selbstständig bleiben. „Ich habe die Information von CEO Franz-Werner Haas, dass sich Curevac nicht an Bayer verkaufen wird. Es handelt sich lediglich um einen Produktionsauftrag. Er geht davon, dass sein Impfstoff funktionieren wird“, sagte Liese.

Derzeit prüft die EMA die Zulassung des Medikaments von Curevac. Der Impfstoff CVnCoV befindet sich in der dritten Phase. In Unternehmenskreisen wird davon ausgegangen, dass Ende des ersten Quartals die nötigen Daten für einen Antrag auf eine bedingte Zulassung in der EU vorliegen werden. Somit könnte eine bedingte Zulassung in der EU theoretisch gegen Ende des ersten oder Anfang des zweiten Quartals erfolgen. Der Druck auf eine schnelle Prüfung durch die Amsterdamer Behörde ist daher groß.

„Gerade während des derzeitigen Mangels an den bereits zugelassenen Impfstoffen von Biontech und Moderna innerhalb der EU, haben wir ein großes Interesse daran, weitere Impfstoffe zeitnah, aber zugleich patientensicher marktreif zu machen“, sagte der Europaabgeordnete und Arzt Andreas Glück dem Handelsblatt.

„Ich erwarte, dass der Impfstoff CVnCoV von Curevac noch im Laufe des Frühjahrs durch die EMA zugelassen wird. Dann können Curevac und Bayer den Impfstoff schnell im großen Stil herstellen“, sagte Liese. Im Gegensatz zu Biontech habe Curevac nie auf einen Haftungsausschluss gegenüber der EU bestanden. „Ich habe Informationen, die darauf schließen lassen, dass Curevac die Haftungsklausel der Kommission anstandslos unterschrieben hat", berichtete Liese.

Sicherheit vor Geschwindigkeit bei der Zulassung

Mittlerweile werden trotz der Freude über die zügige Genehmigung von bislang zwei Impfstoffen auch kritische Stimmen laut. „Die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger hat immer Vorrang. Wir brauchen Vertrauen in die zugelassenen Impfstoffe. Vertrauen gewinnen wir aber nur durch Gründlichkeit und nicht durch politischen Aktionismus. Daher ist der eingeschlagene Weg, eine ordentliche Zulassung vorzunehmen, der richtige“, sagte SPD-Europapolitiker Wölken.

Ähnlich äußerte sich der FDP-Europaabgeordnete Glück: „In der jetzigen Situation ist natürlich Geschwindigkeit gefragt, aber für mich stand von Anfang an fest, dass wir keine Abstriche bei der Patientensicherheit machen dürfen. Daher ist es richtig, dass die EU auf die reguläre Marktzulassung setzt, anders als zum Beispiel Großbritannien, welches das Verfahren der Notzulassung anwendet.“

Bei der Zulassung des Impfstoffes von Biontech habe die EMA ihre Effektivität unter Beweis gestellt: Nachdem Biontech die Impfstoffzulassung am 1. Dezember beantragt hatte, gab die EMA diesen bereits am 21. Dezember frei. „Bei drei Wochen kann man in meinen Augen nicht von einer zu langen Zeit sprechen, die die EMA für die sichere Zulassung benötigt hat“, sagte Glück.

Die EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides hat unterdessen im Europäischen Parlament die Einkaufsstrategie der Kommission verteidigt. „Meine persönliche Erfahrung ist, dass es so eine Gesundheitskrise einmalig ist. Daher ist es unmöglich darauf vorbereitet sein“, sagte die gebürtige Zypriotin.

„Unsere Ziele waren Fairness, Gerechtigkeit und nicht alles auf eine Karte zu setzen. Das wurde von allen Mitgliedsstaaten unterstützt.“ Kyriakides ergänzte zuversichtlich: „Wir hoffen, dass weitere Impfstoffe bald zugelassen werden. Der Engpass liegt in der Produktion“ Man habe von Anfang an die Produktion von Biontech unterstützt. Keine einzige Dose dürfe verloren oder verschwendet wird, appellierte die Gesundheitskommissarin an die Mitgliedsländer.

Schützenhilfe bekommt die in der Kritik stehende Gesundheitskommissarin von der EVP. „Da ist Feuer unterm Dach und der Löschvorgang, das heißt die Reaktionen der EU auf die Diskussion ist nicht optimal.

Allerdings bin ich schon der Meinung, dass diejenigen, die das Feuer entfacht haben, nämlich einige Journalisten und Politiker, eine größere Verantwortung haben, da sie viele wichtige Informationen weggelassen haben und einseitiges EU-Bashing betreiben“, sagte CDU-Europapolitiker Liese.

Mehr: Bayer soll Curevac bei der Impfstoff-Aufholjagd helfen