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„Wir haben hier drei Währungen“

Was der Brexit in Irland auslösen dürfte, wird in der Karibik seit 1648 praktiziert: eine offene Grenze zwischen zwei Wirtschaftsräumen. Unternehmer Jan Thoelke über seine Erfahrungen auf der Karibikinsel St. Martin.

Grenze zwischen dem französischen und dem niederländischen Teil der Insel St. Maarten. Foto: dpa

Wie lebt es sich auf einer Insel, auf der mehrere Währungen im Gebrauch sind, die eine durchlässige Grenze hat, ganz ohne Kontrolle von Personen und Waren, und die zu einem Teil politisch zu Europa gehört? Einer Insel also, die genau jene Einschränkungen und Besonderheiten aufweist, die Irland und Nordirland nach einem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU bevorstehen?

Für Jan Thoelke ist all das seit drei Jahrzehnten Alltag. Der ehemalige deutsche Rennfahrer und Sohn von ZDF-Sportmoderator und Showmaster Wim Thoelke (Der große Preis) lebt seit 1991 auf St. Martin. Die Karibikinsel, rund eine Flugstunde von Venezuela entfernt, ist rund 95 Quadratkilometer klein und zählt etwa 72.000 Einwohner. Zwei Drittel der Insel sind französisches Hoheitsgebiet, mit allen Privilegien der EU. Der Süden gehört zum Niederländischen Königreich und ist kein EU-Gebiet.

Die Teilung geht zurück auf den Vertrag von Concordia aus dem Jahr 1648 zwischen den damaligen Seemächten Frankreich und den Niederlanden, einer der ältesten internationalen Verträge. In ihm ist festgeschrieben, dass die Grenze zu beiden Inselteilen offenbleiben muss und die Bewohner ungehindert Handel treiben dürfen, egal ob im französischen oder niederländischen Teil. Es führt allerdings zu einigen Absurditäten, wie Thoelke aus eigener Erfahrung als Bewohner und Unternehmer weiß. Der 63-Jährige betreibt unter anderem St-Maarten.com, das populärste Webportal für Touristen und Einheimische.


WirtschaftsWoche: Herr Thoelke, wie hat es Sie aus dem heimischen Dortmund in die Karibik verschlagen?
Jan Thoelke: Ich bin 1985 wegen meiner Rennfahrer-Karriere nach Miami gegangen. Dort habe ich mit Immobilien gehandelt, war einer der ersten Investoren in South Beach, bevor es hipp wurde. Ende der Achtzigerjahre war ich den ganzen Rummel und Stress leid, bin oft mit meinem Boot in der Karibik unterwegs gewesen und dann auf St. Martin hängengeblieben.

Warum gerade dort?
Es ist das wirtschaftliche Zentrum der Region. Und es war auch die Liebe zu einer Frau, die ich dort kennengelernt habe.

Sie machen die Teilung der Insel seit fast dreißig Jahren mit. Wie äußert sich das im Alltag?
Wir haben hier unterschiedliche Standards auf der Insel. Der niederländische Teil hat beispielsweise wie in den USA 110 Volt, auf der französischen Seite 220 Volt. Man braucht also unterschiedliche Elektrogeräte beziehungsweise Adapter. Obwohl die Insel relativ klein ist, hat jede Seite einen eigenen internationalen Flughafen. Dann haben wir hier drei Währungen. Wir haben den Antillen-Gulden, der an den US-Dollar gekoppelt ist. Und natürlich den Euro auf der französischen Seite. Der US-Dollar wird in beiden Teilen akzeptiert.

Wie wirkt sich das auf den Handel aus?
Es ist gerade für Unternehmer schon umständlich. Man kann beispielsweise einen niederländischen Scheck nicht auf einer Bank im französischen Teil einlösen und umgekehrt. Das führt dazu, dass wir viel mit Bargeld operieren.

Das wäre ja zu verkraften.
Ja, aber wenn der Kurs stark schwankt, kann es schon Probleme bereiten. Wenn plötzlich die Pizza 13 Euro kostet und im niederländischen Teil wesentlich günstiger ist. Was beispielsweise für Restaurantbetreiber herausfordernd ist.


Es gibt keine Zollkontrollen auf der Insel?
St. Martin erhebt keinerlei Zollgebühren, alle Waren können ungehindert importiert werden. Was ich am Montag bei Amazon bestelle, halte ich spätestens am Freitag in der Hand, ganz ohne Formulare ausfüllen zu müssen. EU-Sorgen, dass jede Art von Waren, also auch minderwertige, über die holländische Seite auf den EU-Teil der Insel kommen können, sind also berechtigt.

Wird das ausgenutzt?
Container kommen über die holländische Seite auf die Insel, werden nicht kontrolliert und können theoretisch über die französische Seite in die EU weitergeschickt werden. Also, genau das Irland-Dilemma. Ich kenne Leute, die haben jahrelang gutes Geld mit Zigarettenschmuggel gemacht: Eine Kiste Marlboro auf der holländischen Seite für sieben Dollar kaufen und dann mit regulärer Post nach Frankreich schicken. Die Franzosen haben nun Kontrollen eingeführt für Waren aus St. Martin, die nach Frankreich oder auf die anderen französischen Inseln gehen. Allerdings erst am Bestimmungsort.


Wie funktioniert der Einkauf auf der Insel?

Aber wie funktioniert der Einkauf auf der Insel, gerade mit den Preisunterschieden?
Auf der französischen Seite sind zum Beispiel Restaurants aufgefordert, ihre Zutaten nicht auf der niederländischen Seite einzukaufen, auch wegen der strengeren EU-Bestimmungen für Lebensmittel. Man erinnere sich an die Diskussion um die berühmten amerikanischen Chlorhühnchen. Wobei sich natürlich niemand daran hält und man so schon mal französische Gastronomen in der Schlange vor der Supermarkt-Kasse sichtet. Zu Zeiten Mitterands, der anfangs einen knallharten sozialistischen Kurs verfolgte und sogar zeitweise Devisenbeschränkungen für Franzosen einführte, war die unbewachte Landstraße zwischen dem französischen und holländischen Teil berüchtigt dafür, dass im Kofferraum von Taxis riesige Geldsummen von reichen Franzosen außer Landes geschmuggelt wurden.

Kriegt man als Besucher den Grenzverlauf eigentlich mit?
Nur optisch, etwa durch Architektur, andere Schilder und Flaggen. Am ehesten vielleicht durch den Straßenbelag.

Sind die Straßen im EU-Teil besser?
Nein, im Gegenteil (lacht). Die Franzosen haben da momentan kein gutes Händchen. Die Niederländer haben die besseren Straßen. Das spüre ich, wenn ich mit meiner Kawasaki unterwegs bin. Übrigens gelten auch unterschiedliche Verkehrsregeln, selbst bei so wichtigen Sachen wie der Vorfahrt. Rechts vor links gilt nur auf der EU-Seite.


Und das funktioniert?
Die Einheimischen sind natürlich dran gewohnt. Und die Mietautos der Touristen, vornehmlich Amerikaner, erkennt man und hält dann etwas Abstand, ist im Straßenverkehr vor- und nachsichtiger.

Sie sind Medienunternehmer, leben im französischen Teil, betreiben Internet-Portale und lassen sogar ein wöchentliches Magazin drucken, dass sich an Touristen richtet.
Ja, wir drucken jede Woche, mit Ausnahme der Hurrikan-Season, wo das Magazin pausiert. Mir liegt unsere kleine Insel und deren wirtschaftliche Entwicklung persönlich sehr am Herzen. Wir sind hier auf Offenheit angewiesen, leben vornehmlich vom Tourismus.

Die Situation mit der geteilten Insel hat viele Parallelen mit der Brexit-Herausforderung mit Irland und Nordirland, wo eine geschlossene Grenze auf der Insel politisch nicht in Frage kommt.
Ja, genau. Es ist im Grunde ähnlich. Nur, dass Irland natürlich wesentlich größer ist und bevölkerungsreicher. Wir sind hier am westlichsten Punkt der EU. Im französischen Teil ist Französisch Amtssprache, im Süden ist es Niederländisch. Aber eigentlich verständigen sich alle auf Englisch, die Kommunikation klappt also.

Kann so eine Teilung langfristig funktionieren?
Wir machen es ja vor, im Grunde läuft das schon seit über 350 Jahren so. Die wichtigsten Warenkontrollen finden auf dem Wasserweg statt. Aber es hat eben seine Umstände. Es mag hier vielleicht etwas einfacher sein, weil der Tourismus der dominierende Wirtschaftszweig ist. Und nicht etwa produzierendes Gewerbe, das auf internationale Lieferketten angewiesen ist. Aber ich glaube schon, dass die EU, Irland und Großbritannien sich hier einiges abschauen können, was funktioniert und was nicht.

Und politisch?
Da bin zu weit von Europa weg, um das beurteilen zu können. Ich bekomme hier allerdings unmittelbar mit, welche Unterschiede es macht, in welchem Land man geboren ist. Beispielsweise an den Einwanderern aus Jamaika, auf die viele hinabschauen, oder den vielen Flüchtlingen aus Venezuela. Es führt einem täglich vor Augen, wie man allein durch die Geburt in einem besser gestellten Staat Privilegien und Chancen hat, die anderen nicht offenstehen.

Ihr 1995 verstorbener Vater, der Showmaster Wim Thoelke, war ebenfalls Unternehmer. Hat er ihnen das Unternehmertum in die Wiege gelegt?
Vielleicht. Er war ja nicht nur in der Medienbranche, sondern ebenfalls im Tourismus aktiv. Er hat zwei Fluglinien gegründet, eine davon in der Karibik. Er war Anfang der sechziger Jahre kaufmännischer Leiter bei der Bavaria Fluggesellschaft. Dann wurde ihm der Chefposten bei der gerade gegründeten Fluglinie Condor angetragen und parallel vom ZDF ein Vertrag als Leiter der Sportredaktion. Er hat sich dann fürs Fernsehen entschieden. Sein letztes unternehmerisches Projekt war der Radiosender 50 plus in Berlin, aus dem Spreeradio hervorgegangen ist.