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„Wir haben am Arbeitsmarkt in ein schwarzes Loch geschaut“

·Lesedauer: 11 Min.

Daniel Terzenbach ist Mitglied des Vordenker-Jahrgangs 2020. Der 39-Jährige ist im Vorstand der Bundesagentur für Arbeit und gilt als Manager des Lockdowns.

Zum neuen Vordenker-Jahrgang 2020, einer Initiative des Handelsblatts und der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG), zählt nun auch Daniel Terzenbach. Die Jury ist überzeugt: „In seiner Funktion als Mitglied des Vorstands der Bundesagentur für Arbeit war er operativ für 250 Arbeitsagenturen verantwortlich, die in der Coronakrise mit der Bearbeitung der Anträge auf Kurzarbeitergeld beschäftigt waren.“ Der 39-Jährige ist seit 2019 im Vorstand der größten deutschen Sozialbehörde und gilt als der Manager des Lockdowns.

Terzenbach studierte in Dortmund Social Management und heuerte nach seinem Diplom beim Jobcenter im Märkischen Kreis an – er ist damit das einzige Eigengewächs der 100.000-Mitarbeiter-Behörde. Später wechselte er in die Nürnberger Zentrale, wo er ab 2015 auch für die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten verantwortlich war. Bis 2019 leitete der 1980 im hessischen Vogelsbergkreis geborene Terzenbach den Bereich „Qualität – Umsetzung – Beratung“.

Als Terzenbach im vergangenen Jahr die Amtsgeschäfte übernahm, war er der jüngste Vorstand, den die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg je hatte. Gerade mal ein Jahr im Amt, beginnt die Coronakrise. „Ich habe in den ersten Wochen des Lockdowns wirklich schlecht geschlafen. Und ich habe auch heute noch manchmal unruhige Nächte“, erzählt er im Gespräch. „Es ist schlimm zu sehen, wie viel gerade weltweit an Existenzen und Jobs vernichtet wird.“

Im Interview spricht Daniel Terzenbach darüber, wie er die Coronakrise erlebt und was ihm nachts manchmal den Schlaf raubt, über den Missbrauch von Kurzarbeitergeld – und ob er einen zweiten Lockdown fürchtet.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Terzenbach, seit März 2019 sitzen Sie im Vorstand der Bundesagentur für Arbeit. Die ersten zwölf Monate waren vermutlich eher business as usual – dann kam Corona! Ist das Jahr 2020 das schlimmste oder das spannendste in Ihrer Karriere?
Ich finde die Kategorie „spannend“ im Kontext der Pandemie schräg – es ist schlimm zu sehen, wie viel gerade weltweit an Existenzen und Jobs vernichtet wird. Als im März 2020 Corona über uns hereingebrochen ist, hat das alles durcheinandergeworfen. Von einem Tag auf den anderen haben wir am Arbeitsmarkt in ein schwarzes Loch geschaut. Es ging von da an Tag und Nacht darum, Unternehmen und Menschen, die ihren Job zu verlieren drohten, so schnell und unbürokratisch wie möglich zu helfen. Allerdings war auch das letzte Jahr nicht so richtig business as usual ...

Warum das nicht?
Die Rahmenbedingungen am Arbeitsmarkt haben sich in den letzten 15 Jahren ja stark verändert – Auswirkungen der Digitalisierung und der Demografie dominieren immer mehr unsere Arbeit. Kurz und knapp formuliert: Der Fachkräftemangel war vor Corona und wird auch nach Corona wieder die größte Wachstumsbremse sein. Unter anderem deshalb hat sich Deutschland im letzten Jahr nach einer langen politischen Debatte als Einwanderungsland für Fachkräfte bekannt. Da hat die Bundesagentur für Arbeit künftig eine zentrale Rolle.

Was ging Ihnen in den ersten Tagen nach dem Lockdown durch den Kopf? Konnten Sie überhaupt noch gut schlafen?
Es war – und ist es immer noch – eine Zeit, in der wir Außergewöhnliches leisten müssen, aber das spornt wahnsinnig an. Und ja: Ich habe in den ersten Wochen des Lockdowns wirklich schlecht geschlafen. Und ich habe auch heute noch manchmal unruhige Nächte.

Was treibt Sie dann um in Gedanken?
Wenn man weiß, dass so viele Existenzen in der größten europäischen Volkswirtschaft auch an der Leistungsfähigkeit unserer Organisation hängen und man dort in der Verantwortung ist, dann lässt einen das auch zu Hause nicht los. Es gehen einem da viele Gedanken durch den Kopf: Wie können wir unsere Leute in einer solch langen Ausnahmesituation an Bord halten, wie bleiben sie gesundheitlich fit und motiviert? Unsere Kolleginnen und Kollegen hatten und haben ja die gleichen Sorgen und Nöte wie alle: Infektionsangst, die Kinderbetreuung ist weggefallen, die Pflege von Angehörigen war plötzlich nicht mehr sichergestellt – trotzdem brauchten wir alle mit vollem Einsatz. Und das in Bereichen, die ihnen vorher häufig fremd waren, weil zum Beispiel eine Berufsberaterin jetzt auch Kurzarbeitergeld bearbeiten muss.

„Kein Interesse, dass Firmen künstlich am Leben gehalten werden“

Mit dem Instrument des Kurzarbeitergelds sollen an sich gesunde Unternehmen vor der Insolvenz geschützt werden – gleichzeitig werden aber auch sogenannte Zombie-Firmen künstlich am Leben erhalten, die eigentlich tot sind. Wie stellen Sie sicher, dass die richtigen Unternehmen Hilfe bekommen?
Man muss auch ehrlich sein: Viele reden gerade sehr volkswirtschaftlich theoretisch daher. Aber es geht hier um Millionen Menschen und nicht um irgendwelche Maschinen. Da alle nicht wirklich wissen, wie die Krise auch international weitergeht, handeln wir beim Thema Kurzarbeitergeld ein Stück weit auf Sicht. In meinen Augen ist es dabei aktuell wirtschaftlich und gesellschaftlich richtig und wichtig, Beschäftigung statt Arbeitslosigkeit zu finanzieren. Sobald wir wieder klarer sehen, muss aber auch jedem Unternehmen klar sein, dass das Instrument Kurzarbeitergeld endlich ist. Kaputte Firmen dauerhaft künstlich am Leben zu erhalten, daran hat niemand Interesse, und es ist auch schädlich für den Rest der Wirtschaft.

Ich habe kürzlich mit einem Wirtschaftsanwalt gesprochen, der die Vermutung äußerte, man „bewerbe“ lieber weiter das Kurzarbeitergeld, weil die Arbeitsagenturen für Firmen im Insolvenzverfahren die Gehälter zu 100 Prozent übernehmen – was natürlich für den Staat viel teurer ist! Was sagen Sie zu dem Vorwurf?
Wie gesagt: Wir haben kein Interesse, dass Firmen künstlich am Leben gehalten werden, nur damit sie nach einem langen Bezug von Kurzarbeit dann am Ende doch insolvent werden. In diesem Fall würde die Bundesagentur für Arbeit unter Umständen sogar Kurzarbeitergeld und Insolvenzgeld zahlen. Also: Nein, an dem Vorwurf ist nichts dran.
Beide Leistungen, Kurzarbeitergeld und Insolvenzgeld, sind wichtig, verfolgen aber unterschiedliche Ziele. Mit dem Kurzarbeitergeld sollen Arbeitsplätze erhalten bleiben und Arbeitslosigkeit vermieden werden. Hiervon profitiert auch der Betrieb: Er kann seine qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Zeiten von Auftragseinbrüchen weiterbeschäftigen und wird von Lohnkosten entlastet. Das Insolvenzgeld sichert hingegen das Arbeitsentgelt der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für die letzten drei Monate des Arbeitsverhältnisses vor dem Insolvenzereignis und damit deren Lebensunterhalt.

Wie finden Sie Chefinnen und Chefs, die 50 Prozent kurzarbeiten lassen, während die Mitarbeiter aber 80 Prozent im Homeoffice oder in der Werkstatt ackern müssen?
So ein Verhalten finde ich auf vielen Ebenen falsch. Einerseits ist es unfair, weil in einer absoluten Krisensituation das Solidarprinzip der Arbeitslosenversicherung missbraucht wird und zudem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für ihre Arbeit nicht gerecht entlohnt werden. Andererseits ist es kurzsichtig: zum einen, weil die Gefahr besteht, dass der Betrug bei der Schlussabrechnung, die wir machen, auffliegt, und zum anderen, weil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ja mögliche Mitwisserinnen und Mitwisser beim Missbrauch sind. Wenn man sich dann vielleicht irgendwann im Streit trennt, dann könnte der eine oder die andere „auspacken“.

„In einer Krise muss man zusammenrücken“

Haben Sie Angst vor einem zweiten Lockdown?
Nein, Angst nicht. Ich glaube, dass die überwiegende Zahl der Menschen gelernt hat, verantwortungsvoll mit der Situation umzugehen – und wir lernen mehr und mehr über das Virus. Daher wird es hoffentlich erst gar nicht zu einem zweiten Lockdown kommen, sondern mehr zu lokaleren Maßnahmen. Trotzdem mache ich mir natürlich Sorgen: Ein zweiter Lockdown würde, so meine Einschätzung, sowohl die Wirtschaft als auch den Arbeitsmarkt noch härter treffen als der erste. Die bisherigen milliardenschweren Hilfen müssten wohl teilweise abgeschrieben werden, weil dann viele Betriebe ihre finanziellen Polster endgültig aufgebraucht hätten.

Sie haben einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Darin steht: „Er setzt sich verstärkt für neue Denkansätze bei der Vermittlung in Arbeit ein.“ Wie kann ich mir das konkret vorstellen?
Bisher geht man doch noch – wenn wir ganz offen und selbstkritisch sind – zur Arbeitsagentur oder zum Jobcenter mit einer eher niedrigen Erwartungshaltung. Häufig kommt man nur, wenn es nicht anders geht. Wir versuchen natürlich auch heute schon, jeder Kundin und jedem Kunden individuell gerecht zu werden, die Werdegänge zu berücksichtigen und gemeinsam Ideen für die Rückkehr in den Job zu entwickeln. Dabei sind wir – unter anderem aufgrund von recht statischen Prozessen und sehr lenkender IT aus Zeiten der Massenarbeitslosigkeit – oft noch nicht so flexibel, wie wir es sein könnten. Ich arbeite an einer Zukunft, in der wir uns mehr zum Coach entwickeln und noch mehr Mut zur Kreativität haben – und das für Menschen und Unternehmen gleichermaßen. Dabei leiten mich Fragen wie etwa: Ist immer unser Büro der beste Ort, um gemeinsame Ideen für die berufliche oder unternehmerische Zukunft zu finden? Sind vielleicht Peergroup-Ansätze hilfreicher, um Stärken von Kundinnen und Kunden herauszuarbeiten? Ist die persönliche Begleitung zum Vorstellungsgespräch als „Mutmacher“ für Menschen, die bislang viele Misserfolge hatten, nicht wirksamer? Müssen wir nicht noch mehr auf den Kunden oder die Kundin zugehen und bei Bedarf auch zu ihm oder ihr kommen? Wie können uns Unternehmen jenseits der klassischen Öffnungszeiten erreichen und trotzdem ihr Anliegen sofort erledigt bekommen? Wer nicht zu uns in die Agentur oder ins Jobcenter fahren kann, weil der Weg zu weit ist und die Kinderbetreuung just an diesem Tag nicht klappt – warum sollten wir den oder die nicht auch mal per Video beraten? Ich bin der festen Überzeugung, wir würden nicht nur besser für Bürgerinnen und Bürger und Unternehmen werden, sondern auch effizienter als Organisation.

Bitte ergänzen Sie den Satz: In Konfliktsituationen oder Krisensituationen bin ich …?
In persönlichen Konfliktsituationen kann ich schon mal auf stur schalten und mit dem Kopf durch die Wand wollen – nicht immer hilfreich, ich weiß. In beruflichen Krisensituationen wie jetzt in der Corona-Pandemie dagegen werde ich eher ruhig und teamorientiert. Für mich gilt: Konflikte muss man aushalten, da kann es auch mal krachen – aber in einer Krise muss man zusammenrücken und fokussiert sein.

„Jobcenter haben bis heute leider kein gutes Image“

Was waren Ihre wichtigsten drei (Arbeits-)Ergebnisse der letzten drei Jahre?
Es ist immer komisch, eigene Erfolge selbst einzuschätzen – das sollten eigentlich andere tun. Aber natürlich gibt es Themen, bei denen ich sehe, dass sie gut funktioniert haben oder die Dinge zumindest auf einem richtigen Weg sind.

Zum Beispiel?
In meiner Rolle als operativer Vorstand ist mein Spielfeld das Innenleben der Organisation – von außen ist das nicht immer oder erst sehr zeitverzögert sichtbar. So bauen wir gerade ein wettbewerbsfähiges Qualitätsmanagement auf, das uns künftig die Möglichkeit gibt, sich mit erfolgreichen Unternehmen und anderen öffentlichen Dienstleistern zu messen und uns kontinuierlich zu verbessern. Das ist erheblich komplexer, als es sich vielleicht anhört, und kostet Kraft, Nerven und Durchhaltewillen.
Sichtbar ist aber beispielsweise die erfolgreiche Unterstützung von geflüchteten Menschen auf dem Weg in den Arbeitsmarkt. Die Integration dieser Menschen ist – bis vor Corona – besser gelaufen als von vielen erwartet. Andererseits natürlich die schnelle und flexible Leistung der Gesamtorganisation in der Pandemie. Wir haben zum Beispiel komplexe Prozesse wie die Anzeige und Bearbeitung von Kurzarbeit sehr schnell in kleine Häppchen zerteilt und mit den Kolleginnen und Kollegen aus den Agenturen fast stündlich auf Umsetzbarkeit rückgekoppelt. So konnten auch Ungeübte sofort in der Sachbearbeitung helfen – und das zum Teil unter 100-facher Last gegenüber dem Normalzustand. Neben dem Prozessmanagement ist aber eine andere Sache mindestens genauso wichtig und bislang gut gelaufen: Es ist für mich das erste Mal in meinem Berufsleben, dass man wirklich ehrlich priorisiert und nicht in einem Nebensatz noch nachschiebt: „Aber der Rest muss auch noch irgendwie laufen.“ Ansonsten würden uns die Kolleginnen und Kollegen – berechtigterweise bei einer solch langen Ausnahmesituation – von der Fahne gehen.

In den nächsten drei Jahren: Was wollen Sie lernen, was Sie heute noch nicht können?
Ich möchte mir gern ein paar mehr Kenntnisse im Programmieren aneignen. Ich hoffe, dass ich so das Thema Digitalisierung besser verinnerlichen kann, als es über Bücher möglich ist, dass es also noch mehr Herzens- als Kopfsache wird.

Was ist Ihr langfristiges Ziel beziehungsweise Ihre Vision?
Arbeitsagenturen und Jobcenter haben bis heute leider kein gutes Image. Ich arbeite mit allem, was ich habe, dafür, dass die Arbeitsagenturen und Jobcenter in Zukunft mitten in der Gesellschaft und ein anerkannter Teil unserer Sozialen Marktwirtschaft sind. Wenn es dann um Job und Personal geht, haben Bürgerinnen und Bürger und Unternehmen selbstverständlich die Agenturen und Jobcenter positiv und zuversichtlich im Kopf. Ja, zugegebenermaßen ist das ein langfristigeres Ziel, da sind wir noch nicht gleich morgen.

Wenn Sie ein Buch schreiben müssten: Wovon würde es handeln?
Mich nervt regelmäßig, dass ganz besonders in Deutschland Unternehmen auf die öffentlichen Dienstleister schimpfen und umgekehrt. Wenn ich ein Buch schriebe, würde ich versuchen, dem nachzugehen, warum das so ist, und zu erklären, dass das keinem hilft. Ich würde gerne Wege suchen, wie man dieses gegenseitige Misstrauen nachhaltig in den Köpfen von Entscheiderinnen und Entscheidern abbauen könnte.

Wenn ich mich bei Ihren Freunden erkundigen würde: Für welche alternativen Karriereoptionen wären Sie geeignet?
Wahrscheinlich irgendetwas mit „Bauen und Gestalten“. Eine Tätigkeit zwischen Schreiner und Architekt hätte mich sicherlich begeistert.

Herr Terzenbach, vielen Dank für das Interview.