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„Ich habe keine Berührungsangst“: Diese Informatikerin baut das „Onlyfans für Audio“

Pauline Schmiechen hat Informatik studiert, als Model gearbeitet und wurde nach einem Pivot ihres ersten Startups zur Sex-Tech-Gründerin. - Copyright: Adrian Serini
Pauline Schmiechen hat Informatik studiert, als Model gearbeitet und wurde nach einem Pivot ihres ersten Startups zur Sex-Tech-Gründerin. - Copyright: Adrian Serini

Für einen Moment sieht es so aus, als würde der Mann zwei Tische weiter aufhorchen. Pornos? Hat sie gerade gesagt, sie macht Pornos? „Ich stehe da voll dazu“, sagt Pauline Schmiechen mit ihrer sehr sanften Stimme. „Mit meinem Namen und mit meinem Gesicht. Und ich will das auch nicht hinter irgendwelchen Begriffen wie Sexual Wellbeing oder so verstecken. Wir machen Audio-Porno mit den größten Porno-Stars der Welt. Punkt.“ Da war es wieder. Und dieses Mal schaut er auf jeden Fall von seinem Handy auf und die junge Frau in adrettem Kleid und weißer Bluse an, die da auf einem Barstuhl am Fenster eines schick-minimalistischen, neuen Cafés in Berlin-Kreuzberg sitzt. Die macht Pornos?

Nicht direkt, nein. Sie macht was MIT Pornos. Pauline Schmiechen ist Co-Gründerin und CTO von Voiyal, einer Audio-Social-Media-Plattform für explizite Inhalte – wenn man es hinter irgendwelchen Begriffen verstecken wollte. Was Schmiechen aber ja nicht will. Also: Voiyal ist Porno für die Ohren. Oder wie sie es sagt: „Onlyfans für Audio“.  Creators, nein, wieder direkt: Pornostars laden hier Sprachnachrichten hoch, für die Nutzer bereit sind zu bezahlen. Dafür gibt es auf der Plattform eine eigene Währung, die sogenannten Drops. Denn: „Im Pleasure-Bereich ist Bezahlen meist eine schwierige Sache, weil es ein Abtörner ist - außer natürlich, es geht um bestimmte Fetische, wie Financial Domination“, sagt Schmiechen. So müsse der Nutzer beim Anhören und im Eifer des Was-auch-immers nicht über Geld nachdenken, sondern eben nur über Drops. Die Creators bekommen 60 Prozent der Einnahmen, sagt die Gründerin. Das ist etwas weniger als beim Video-Wettbewerber Onlyfans, der laut eigenen Angaben nur 20 Prozent für sich behält und entsprechend 80 Prozent der Umsätze davon abgibt.

Voiyal sei offen für alles

„Unsere Inhalte sind sehr vielfältig“, erklärt die Gründerin. „Das geht von 'Girlfriend-Experience', also intime Nachrichten, die man so auch von seinem Partner bekommen könnte, bis hin zu 'Jerk-Off-Instructions' und richtig 'Spicy Stuff'.“ Sie sagt das alles so ungerührt, fast ein bisschen gelangweilt, als würde sie über wissenschaftliche Studien zum Thema Leadership-Qualitäten sprechen oder Lieferketten-Software. „Ich setze da keine Grenzen – solange es jemandem Spaß macht und legal ist“, sagt Schmiechen. Als CTO der Firma arbeite sie gerade an einer Spracherkennung, die helfen soll, nicht-legales noch besser herauszufiltern. „Wir sind offen für jeden Kink. Creator wissen am besten, was ihren Fans gefällt.“

Letztlich war das Motto „wie es euch gefällt“ auch der Startschuss zu Voiyal. Tatsächlich ist die Audio-Porno-Plattform das Ergebnis eines Pivots des ersten Startups von Pauline Schmiechen und ihrem Mitgründer Florian Pontalti. 2020 hatten sie direkt aus der Uni heraus Audienz gegründet, eine Social-Media-App für Audio. „Wir haben den Erfolg der neuen Devices gesehen, von Apple Airpods und Smart-Home-Speakern. Klassische Social-Media-Plattformen wie Instagram oder Tiktok funktionieren nicht auf diesen Geräten“, sagt sie. Zugleich hätten aber doch viele „die ganze Zeit Airpods im Ohr“, seien also stets auf der Audio-Frequenz verbunden.

Nutzer wollen Liebe, Sex und Dating

„Wir waren die ersten, noch vor Clubhouse“, sagt Schmiechen. Aber wie Clubhouse scheitern auch Schmiechen und Pontalti. Die Idee zündet nicht, die Leute seien zu verwirrt gewesen, sagt sie. Was soll ich denn da erzählen? Wer hört mir eigentlich zu? Und was höre ich mir an? „Die einzigen Themen, die voll abgegangen sind, waren Liebe, Sex, Dating.“ Na, dann eben das.

Und so stieg Pauline Schmiechen in das Geschäft mit Liebe, Sex und Dating ein. Von außen gesehen auch ein persönlicher Pivot: Schmiechen wächst im nobleren Westberlin auf, als sie 15 ist, beginnt sie als Model zu arbeiten. Nach dem Abitur studiert sie Informatik, jobbt parallel bei Foodora und im Axel-Springer-Verlag, zu dem auch Business Insider und Gründerszene gehören, als Programmiererin. In einem Interview aus dieser Zeit spricht sie über den vermeintlichen Gegensatz, zugleich Model und Nerd zu sein. Dass sie dazu nun aber auch noch eine Unternehmerin in der Pornobranche ist – das ist neu. Auch für ihre Mutter, erzählt sie. Die habe etwas Zeit gebraucht, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Inzwischen aber sei sie sehr stolz auf ihre Tochter.

nina-julie-femtasy
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Ihr selbst sei der Einstieg in das Feld nicht schwergefallen, betont Schmiechen. Sie fühle sich da sogar sehr wohl. Man merkt, wie sie das schon oft sagen musste, auch in anderen Interviews: „Ich bin in Berlin aufgewachsen, der vielleicht liberalsten Stadt der Welt. Vermutlich habe ich deshalb keine Berührungsangst.“ Ob man aber in dieser Branche nicht bisweilen auch ganz schönen Creeps begegne? „Als ich neulich auf der Venus war“ – der europaweit größten Messe für Erwachsenenunterhaltung in Berlin – „und auf vielen Fotos getaggt wurde, habe ich danach in meinem Spam-Ordner ordentlich Nachrichten von Männern bekommen. Aber ich kann das ganz gut wegstecken.“ Social-Media-Präsenz bringe so etwas mit sich, auch als Model habe sie schon gelernt, sich davon nicht beeinflussen zu lassen.

Unterwegs in einem Multimilliardenmarkt

Nun ist Sextech ja auch ein Wachstumsmarkt: Statista schätzte in einer Studie aus dem Jahr 2017, dass der globale Markt für „Sexual Wellness“ 2022 mehr als 35 Milliarden US-Dollar umsetzen würde. Tatsächlich dürften die Zahl für dieses Jahr aber deutlich darüber liegen, denn Corona hat dem Thema einen immensen Schub gegeben. Zum einen, weil die Menschen mehr Zeit zu Hause – und so eben auch im Bett – verbrachten und zum anderen auch, weil digitale Lösungen für das unschöne Gefühl der Einsamkeit sehr gefragt wurden. Darüber hinaus gehen Experten davon aus – und die Erfahrung vergangener Krisen habe das bereits gezeigt – dass Sex-Tech von Wirtschaftskrise und möglicher Rezession vermutlich relativ unbeschadet bleiben wird.

Große Hürde: Fundraising

Bestens, damit lässt sich doch mit Voiyal und der Idee, „den Telefonsex zu revolutionieren“, wie Schmiechen sagt, ein Venture-Case aufbauen – immenser Wachstumsmarkt, krisensicher. Allerdings gibt es da noch das Problem mit den expliziten Inhalten. „Wir closen gerade die nächste Fundraising-Runde“, betont Schmiechen im Gespräch zwar immer wieder. Denn: In Deutschland läuft es schleppend. Die beiden Business Angels ihres ersten Startups Audienz sind den Pivot mitgegangen. Jetzt müssen aber noch mehr Geldgeber an Bord kommen. Schmiechen setzt deshalb vor allem auf den US-Investorenmarkt und hat große Erwartungen an mehrere Sex-Messen in den USA, zu denen sie in den kommenden Wochen reisen wird – und an Janice Griffith.

Janice Griffith ist eine der bekanntesten Pornodarstellerinnen dieser Tage in den USA. Wer ihren Namen bei Google eingibt, findet mehr als 41 Millionen Treffer – und einige Bilder, die man sich nicht bei der Arbeit ansehen sollte. Griffith sitzt als Advisorin bei Voiyal. Und war eine der ersten Audio-Content-Creators auf der Plattform. Laut Pauline Schmiechen sei alles auf einen riesengroßen, glücklichen Zufall zurückzuführen: „Ich habe sie auf einer Party kennengelernt“, erzählt sie. „Wie das in Berlin eben so ist: Die wichtigsten Leute lernst du hier auf Partys kennen.“ Sie habe ihr von ihrer Idee der Plattform für intime Sprachnachrichten von Creatoren erzählt und Griffith sei begeistert gewesen. „Seitdem unterstützt sie uns mit ihrem gigantischen Netzwerk und ihrer Erfahrung aus neun Jahren in der Branche.“

Sie und Pontalti seien ja noch neu in dem Business und deshalb orientieren sie sich an den Großen. Als ihr Unternehmer-Vorbild nennt die Berlinerin Fabian Thylmann, den Gründer von Pornhub. Den würde sie gern einmal treffen, bisher habe er aber auf ihre Anfragen noch nicht reagiert. Vielleicht muss Schmiechen also einfach auf die nächste Berliner Party hoffen. Und selbst wenn Thylmann nicht da ist, wird sie als die Gründerin, die was mit Porno macht, auch da wieder den einen oder anderen erstaunt aufblicken lassen.