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Händler, Mitarbeiter und die Politik proben den Aufstand gegen Amazon

Der Onlinehändler sah wie ein Gewinner der Coronakrise aus – doch nun häufen sich die Probleme. Die Kritik an dem Onlineriesen wächst und auch der Gewinn bricht ein.

Als Markus Winterscheidt kurz vor Ostern auf die Bestseller in seinem Amazon-Shop für Geschenkartikel schaute, bekam er „Schnappatmung“. Die Lieferzeiten für seine Produkte waren plötzlich um einen Monat verlängert. „Das kam für mich völlig aus dem Nichts, Amazon hatte mich darüber nicht informiert“, ärgert sich der Händler.

Weil in der Coronakrise die Logistikkapazitäten nicht ausreichten, hat Amazon nach eigenen Aussagen lebensnotwendige Waren priorisiert und nach eigenem Gutdünken Lieferzeiten für ganze Artikelkategorien um Wochen verlängert – was de facto einem Lieferstopp für viele Händler auf dem Amazon-Marketplace gleichkommt.

In den Verkäuferforen liegen die Nerven blank, doch nur wenige Händler trauen sich offen Kritik an Amazon zu üben – aus Angst vor der Rache des Onlineriesen. Händler Winterscheidt jedoch wird deutlich: „Nach welchen Kriterien Amazon entscheidet, ist überhaupt nicht nachvollziehbar, die Kommunikation ist miserabel.“ Der Marktplatzbetreiber nutze seine Machtposition aus, „wie ich als Händler überlebe, interessiert die nicht.“

Wie Markus Winterscheidt kritisieren derzeit viele den weltgrößten Onlinehändler – Mitarbeiter in seinen Warenlagern, Händler auf seiner Plattform, Politiker. Wirkte Amazon kürzlich noch wie der größte Profiteur der Coronakrise, ist das Bild inzwischen gemischter.

Zwar sind Verbraucher und Händler noch mehr auf Amazon angewiesen, seit physische Läden an vielen Orten der Welt schließen mussten. Der Umsatz des Digitalkonzerns aus Seattle stieg im ersten Quartal um 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf mehr als 75 Milliarden Dollar, so stark wie seit Mitte 2018 nicht mehr. Aber die Macht Amazons wird vielen unheimlich.

Amazon hat seit Corona alleine in den USA 175.000 neue Mitarbeiter für seine Warenlager und Lieferdienste eingestellt, doch in der Belegschaft regt sich Widerstand. Als nach Coronafällen in mehreren Fulfillment Centern in den USA Lagerarbeiter gegen die aus ihrer Sicht mangelhaften Hygienemaßnahmen protestierten, verspottete die Amazon-Führung erst einen Protestführer und entließ dann mehrere von ihnen.

Doch inzwischen sind es nicht mehr nur Arbeiter, die sich auflehnen: Am Montag erklärte Tim Bray, Vizepräsident bei Amazons Cloud-Tochter AWS, dass er wegen dem Umgang mit den Arbeitern gekündigt habe und dafür auf Millionen Dollar in Aktienoptionen verzichte.

Laut Amanda Bourlier, Leiterin für Einzelhandel beim Marktforscher Euromonitor International, nehmen die Berichte über die Behandlung der Amazon-Mitarbeiter seit Jahren zu und sind in der Krise eskaliert. „Die sozial bewussteren Shopper könnten ihre Einkäufe nun kurzfristig bei anderen Einzelhändlern tätigen“, sagt Bourlier.

Corona-Infektionen in den Warenlagern

Auch Justiz und Politik nehmen Amazon ins Visier: In Frankreich verpflichtete ein Gericht das Unternehmen zu so strengen Auflagen, dass es die Auslieferungen vorübergehend komplett stoppte und die Mitarbeiter nach Hause schickte. Amazon sei nicht ausreichend den Verpflichtungen nachgekommen, seine Mitarbeiter zu schützen, urteilte das Gericht im Pariser Vorort Nanterre, bei weiteren Verstößen drohte eine Geldstrafe von einer Million Euro pro Tag.

Ähnliche Probleme könnten auf Amazon auch in Deutschland zukommen. Die Gewerkschaft Verdi forderte eine Schließung des Lagers in Winsen an der Luhe bei Hamburg, nachdem es dort eine größere Zahl von Coronafällen gegeben hatte. Amazon dagegen verweist auf die aus eigener Sicht weitgehenden Sicherheitsmaßnahmen, verteilt beispielsweise Masken an die Mitarbeiter und überwacht die Einhaltung von Abständen mit Kameras.

Doch all das hat seinen Preis: So investiert Amazon nach eigenen Angaben rund 800 Millionen US-Dollar weltweit in Maßnahmen zum Schutz gegen Covid-19. Im nächsten Quartal, hat Amazon-Chef Jeff Bezos angekündigt, will der Konzern die eigentlich erwarteten vier Milliarden Dollar operativen Gewinn komplett in Maßnahmen im Umgang mit Corona stecken – um Mitarbeiter regelmäßig zu testen, höhere Löhne zu zahlen oder Warenlager häufiger zu reinigen. Bezos stellt seine Aktionäre bereits darauf ein, fürs Erste nicht mit Gewinnen zu rechnen: „Wenn Sie Amazon-Aktionär sind, sollten Sie Platz nehmen. Wir denken hier nicht klein“, schrieb er in einem Brief an Investoren.

Noch raten die meisten Analysten zum Kauf der Amazon-Aktie. Scott Mushkin von der Boutique-Beratung R5 Capital dagegen hat seine Bewertung kürzlich von „Kaufen“ auf „Verkaufen“ gesenkt und erwartet einen Kursrutsch von 20 Prozent. „Beim allem, womit Amazon Geld verdient, verlangsamt sich das Wachstum“, sagt Mushkin.

Die Gewinnmaschine AWS werde unter der Rezession leiden, weil wichtige Kundengruppen wie Startups und Kommunen ihre Budgets reduzieren müssen. Das Wachstum im Onlinehandel werde wegen der steigenden Arbeitslosigkeit in den USA abnehmen. Dazu kommt der Reputationsschaden, weil Amazon viele Versprechen nicht einhalten kann – an Kunden und an Händler.

Wie Markus Winterscheidt: Der Geschenkehändler hatte seine komplette Logistik an Amazon ausgelagert, rund 40.000 Artikel, die er gekauft und bezahlt hatte, hingen im Lager von Amazon fest. Nur, weil ihm seine Sparkasse unbürokratisch Liquidität zu Verfügung stellte, sein Lieferant die Zahlungsziele verlängerte und er nun selbst Päckchen packt, konnte er sein Geschäft überhaupt weiterbetreiben. Denn es stehen Mutter- und Vatertag vor der Tür, was für ihn fast so wichtig ist wie Weihnachten.

Ein Amazon-Sprecher räumt auf Handelsblatt-Nachfrage ein, dass das Unternehmen vorübergehend den „Eingang von Waren für den täglichen Bedarf, medizinischen Verbrauchsgütern und anderen Produkten mit hoher Nachfrage“ in den Logistikzentren priorisiere. „Uns ist bewusst, dass dies eine Veränderung für unsere Verkaufspartner bedeutet“, erklärte der Sprecher.

Bundeskartellamt nimmt Amazon ins Visier

Ob sich Amazon tatsächlich um das Wohlergehen seiner Händler sorgt, zieht ein „Wall Street Journal“-Bericht in Zweifel. Mehr als 20 Ex-Amazon-Mitarbeiter sollen der Wirtschaftszeitung belegt haben, dass das Unternehmen die Daten kleiner Händler auf seiner Plattform missbraucht, um sein eigenes Produktportfolio zu stärken – eine Praxis, die ein Amazon-Justiziar im Juli vor dem US-Kongress noch unter Eid abgestritten hat. Nun will der Justizausschuss der Repräsentantenhauses Bezos persönlich vorladen.

In Deutschland hat der Umgang mit den Dritthändlern das Bundeskartellamt auf den Plan gerufen. „Ausgelöst durch die Coronakrise erhalten wir derzeit vermehrt Beschwerden von Händlern“, berichtet Kartellamtspräsident Andreas Mundt. Das habe das Amt zum Anlass genommen, „Amazon zur Stellungnahme darüber aufzufordern, welche Kriterien das Unternehmen aktuell bei Fragen des Engpassmanagements und damit einhergehender Priorisierungsentscheidungen zu Grunde legt“. Im Moment werten die Wettbewerbshüter die Antworten von Amazon aus.

Dass Amazon in der Coronakrise eher auf den eigenen Handel setzt, schadet dem Konzern sogar finanziell. Die Margen aus dem Marketplace seien höher als die aus dem Eigengeschäft, erläutert Marktplatzexperte Mark Steier. Auch dass Amazon überhaupt Waren priorisieren müsse, werfe kein gutes Licht auf das Unternehmen. „Offenbar ist das Logistiknetzwerk von Amazon nicht so stabil, wie das Unternehmen immer behauptet hat“, sagt E-Commerce-Experte Steier. „Es ist schon erstaunlich, vor welch große Herausforderungen die Coronakrise das Unternehmen stellt.“

Auch die auf Amazon-Marketing spezialisierte Agentur Vorwärts erwartet nicht, dass sich die insgesamt gestiegenen Umsätze auf der Plattform auch in höheren Profiten niederschlagen werden. In einem Whitepaper nennt sie steigende Logistikkosten als wichtigsten Grund. Denn die zusätzlichen Umsätze verteilten sich auf eine größere Zahl von Produkten mit geringeren Durchschnittspreisen.

Für das Europageschäft von Amazon ist das ein Rückschlag, macht es doch den Weg zur Profitabilität noch schwieriger. Die gerade veröffentlichte Bilanz der luxemburgischen Amazon Europe Sarl, in der das europäische Handelsgeschäft gebündelt ist, meldet zwar einen von 27,9 auf 32,2 Milliarden Euro gestiegenen Umsatz. Doch zugleich verzeichnet das Zahlenwerk, das dem Handelsblatt vorliegt, einen Vorsteuerverlust von fast einer Milliarde Euro.

Amazons internationales Handelsgeschäft war schon vor Corona ein Verlustbringer, bislang glich der Konzern es mit Gewinnen aus seinem US-Geschäft und der hochprofitablen Tochter AWS aus. Selbst das könnte nun nicht mehr reichen: Im besten Fall rechnet der Konzern für das laufende Quartal mit einem Gewinn von 1,5 Milliarden Dollar im schlechtesten mit einem ebenso hohen Verlust.

All das muss Amazon noch nicht langfristig in die Bredouille bringen: Gewinn oder Verlust war für Amazons Erfolg nie das zentrale Kriterium, den besten Ruf als Arbeitgeber hatte das Unternehmen ohnehin nie. Seine Milliardeninvestitionen könnten sich nach Corona noch als Segen herausstellen, wenn es seine Position als Primus des Onlinehandels damit weiter zementiert. Doch eine Krise, in der seine Dienste so stark gebraucht werden wie nie zuvor, hatte man sich bei Amazon vermutlich anders vorgestellt.