Deutsche Märkte öffnen in 1 Stunde 19 Minute

Gucci-Mutter Kering kämpft mit Emma Watson gegen den Umsatzschwund

Das Wachstum des französischen Luxusriesen Kering wurde jäh ausgebremst. Neues Personal im Verwaltungsrat soll für eine rasche Wende sorgen.

„Luxus geht immer“, hieß es jahrelang. Luxusgüter trafen weltweit auf eine ständig wachsende Nachfrage. Nichts konnte sie erschüttern, nicht die Finanzkrise und auch nicht die Euro-Krise. Doch nun wurden die Absatzrekorde durch das Coronavirus jäh gestoppt. Die Luxusindustrie ist seit dem Ausbruch der Pandemie in der Krise und muss sich neu erfinden.

Das trifft auch den 1963 in Paris gegründeten französischen Luxuskonzern Kering, trotz seiner Größe immer noch ein Familienunternehmen, das seit 2005 von François-Henri Pinault, Sohn des Gründers François Pinault, geführt wird. Der 58-jährige Pinault-Sohn richtete die Gruppe vom klassischen Einzelhandel zunehmend auf die Luxusbranche aus, womit er bis Corona auch Erfolg hatte.

Kering mit dem Zugpferd Gucci ist die weltweite Nummer zwei des Luxus hinter der heimischen Konkurrenz LVMH (Moët Hennessy – Louis Vuitton). Außerdem gehören unter anderem die Marken Saint Laurent, Bottega Veneta, Balenciaga und Boucheron zu dem Unternehmen mit rund 38.000 Mitarbeitern.

Der Firmenchef kürzt sein Gehalt um ein Viertel

Für dieses Jahr hat Kering-Chef Pinault sein Gehalt von April bis Dezember um 25 Prozent gekürzt auf 960.000 Euro. Pinault, der Mann von Schauspielerin Salma Hayek und vorher Freund von Topmodel Linda Evangelista, ist äußerst diskret, setzt eher auf Taten als große Worte.

Dass man mit Pinault und Kering immer noch rechnen muss, zeigen aber einige neue Personalien aus dem Unternehmen. Jean Liu, Tidjane Thiam and Emma Watson treten Kerings Board of Directors bei, wurde kürzlich bekannt. „Ihr jeweiliges Wissen und ihre Kompetenzen“, sowie die Vielfalt ihrer Hintergründe und Perspektiven, seien für Kering von unschätzbarem Wert, betont Pinault.

Vor allem mit Emma Watson landete Kering einen Mediencoup. „Die Marken müssen in Zukunft auch Aktivisten sein, denn die Menschen wollen Wert im Luxus wiederfinden“, sagte dazu Fabrice Pelosi vom Kommunikationsberater Apco Worldwide. Dazu müssten die führenden Personen authentisch wirken, was bei Watson der Fall sei.

Die britische Schauspielerin, die Hermine aus „Harry Potter“, soll sich bei Kering um das Thema Nachhaltigkeit kümmern. Das Unternehmen will in Zukunft verstärkt darauf setzen, Watson gilt als Pionierin in diesem Bereich. Die Britin sei „eine der beliebtesten Schauspielerinnen und eine der berühmtesten Aktivistinnen der Welt“, so Kering.

Seit Jahren engagiert die 30-Jährige sich nicht nur für ökologische Themen, sondern auch für Frauenrechte. Am Tag nach der Amtseinführung von US-Präsident Donald Trump beteiligte sie sich am „Women’s March on Washington“, einem der weltweiten Protestmärsche für Frauen- und Menschenrechte.

Mit den neuen Aufsichtsräten setzt Pinault auf bekannte Influencer

Die 42-jährige Chinesin Jean Liu machte das Start-up Didi Chuxing zu einem der weltgrößten Fahrdienstanbieter und Konkurrenten von Uber. Sie kennt sich im Tech-Bereich bestens aus und tauchte auf der Liste von „Time Magazine“ als eine der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt auf. Sie ist wichtig für den chinesischen Markt von Kering.

Tidjane Thiam, 57, der von der Elfenbeinküste stammt, ist der ehemalige Chef der Schweizer Bank Credit Suisse und wird Vorsitzender des Prüfungsausschusses. Im April wurde er Sondergesandter der Afrikanischen Union für Covid-19. Alle drei haben in ihren jeweiligen Bereichen viel Gewicht als Influencer. Die Digitalisierung soll vorangebracht werden.

In der Krise müssen die Konzerne für Imagepflege sorgen und sich neu erfinden. Bei Kering gab es im ersten Quartal ein Umsatzminus von 15,4 Prozent. Pinault erklärte dazu: „Die Pandemie Covid-19 hat uns schwer getroffen.“ Besonders Gucci, die sonst einträglichste Marke, stürzte um 23,2 Prozent beim Umsatz ab. Kering insgesamt liegt damit aber im Trend. Auch Konkurrent LVMH machte im ersten Quartal ein Umsatzminus von 15 Prozent.

Wo sonst die Kunden auf den Luxusmeilen Avenue Montaigne und Champs-Élysées vor den Geschäften von Gucci oder Louis Vuitton Schlange stehen, herrscht gähnende Leere. Die reichen Touristen aus aller Welt, allen vorweg die chinesischen Reisenden, fehlen.

Experten der Unternehmensberatung Bain & Company gehen davon aus, dass die Luxusbranche ein Umsatzminus von 20 bis 35 Prozent im Gesamtjahr 2020 verzeichnen wird. Sie rechnen erst im Jahr 2023 mit einer Erholung und einer Rückkehr auf das Niveau von 2019. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Kering einen Umsatz von rund 15,8 Milliarden Euro – 16,2 Prozent mehr als im Vorjahr.

Doch Pinault muss auch den Aktienkurs im Blick haben. Analysten sind sich unsicher, wie die Zukunft von Kering aussieht. In den letzten fünf Jahren hatte sich die Marktkapitalisierung vervierfacht, seit dem Krisenjahr 2009 sogar verzwanzigfacht.

Analysten sind unentschieden

Die Auswirkungen der Pandemie in den wichtigen Märkten USA, China und Hongkong haben Spuren hinterlassen. Allerdings konnte Pinault die Verluste von Februar und März zum Teil schon wieder ausgleichen. Die ersten Zahlen in China nach dem Shutdown gehen bereits wieder hoch und die Aktie stieg in den vergangenen drei Monaten um mehr als 20 Prozent, auch wenn sie mit rund 500 Euro immer noch 15 Prozent unter dem Wert von Anfang des Jahres liegt. Aber das macht die Aktie dennoch recht teuer.

Zahlreiche Analysten halten eine weitere Steigerung des Kurses um acht Prozent innerhalb von drei Monaten für möglich. Einige befürchten allerdings auch, dass an der Börse in Zukunft günstigere Aktien wie solche von Banken und Öl vorgezogen werden – zum Nachteil der Luxuswerte, so Christophe Machinot, Analyst des unabhängigen französischen Büros AFATE. (Association Française des Analystes Techniques).

Das Bankhaus Oddo ist sogar besonders pessimistisch und glaubt der Kurs könnte eher fallen, weil es nicht auszuschließen sei, dass der Umsatz bei Kering im zweiten Halbjahr um die Hälfte einbricht.

Nun will Pinault mehr auf das Onlinegeschäft setzen und hofft, das lokale Geschäft anzukurbeln, auch wenn das nicht ausreichen dürfte, um das Ausbleiben der ausländischen Touristen auszugleichen. Mit LVMH liegt Kering im Wettstreit um das Thema Nachhaltigkeit. Das ist der bestimmende Trend aktuell. Immer wieder veröffentlichen die beiden Konzerne Nachrichten darüber, dass sie besonders umweltbewusst agieren.

Laut Spezialisten in dem Bereich für nachhaltige Entwicklung dürfte Kering derzeit vorn liegen, so das Magazin „Capital“, das das grüne Engagement der beiden verglich. Die Positionierung bei dem Thema ist wichtig. Die Konsumenten werden die Welt nach Corona anders sehen als vorher. Wer den „Zeitgeist“ am besten interpretiere und dabei seiner Markengeschichte treu bleibe, habe die besten Chancen, betonte Claudia D´Arpizio von Bain & Company.

Das Bewusstsein für Ökologie und Nachhaltigkeit hat sich in der Coronakrise verstärkt. Pinault und Kering kommt das zugute.