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„Ein Grundeinkommen würde Deutschland besser machen“: 3 Menschen, die 1000 Euro im Monat bekommen, berichten über ihre Erfahrungen

·Lesedauer: 7 Min.

Was würde sich für euch ändern, wenn ihr ein Jahr lang jeden Monat 1.000 Euro erhalten würdet – ohne jede Gegenleistung?

Das ermöglicht der Verein "Mein Grundeinkommen" regelmäßig seit 2014. Das Geld wird per Crowdfunding gesammelt und Grundeinkommen für jeweils 12 Monate verlost, um die Idee weiterzuverbreiten. Business Insider hat mit drei Menschen gesprochen, die derzeit Grundeinkommen bekommen, und sie nach ihren Erfahrungen gefragt.

Das sind ihre Geschichten:

Hannelore, 73, Rentnerin

Eigentlich ist Hannelore mit ihrem Leben sehr zufrieden. Sie lebt mit ihrem großen Hund in den Weinbergen bei Ludwigsburg und verbringt gerne Zeit mit ihren Enkeln. Nur das Geld war oft knapp bei der 73-Jährigen. "Wenn ich sehr spare, komme ich zurecht", sagt sie im Gespräch mit Business Insider.

Doch dann bekam sie im Sommer 2020 die Nachricht, dass sie ein Jahr lang jeden Monat 1.000 Euro Grundeinkommen erhalten wird. Hannelore ist durch eine Freundin auf das Projekt aufmerksam geworden. Seitdem hatte sie den Verein auch finanziell unterstützt – ebenso wie die anderen beiden Protagonisten in diesem Artikel. "Ich konnte es zuerst gar nicht glauben", erzählt die Rentnerin.

"Das Geld hat vieles entspannter gemacht", sagt sie. Von dem Grundeinkommen konnte sie Reparaturen und Renovierungsarbeiten in ihrer Wohnung bezahlen und einige neue Möbel kaufen. "Jetzt sieht alles heller und freundlicher aus und ich fühle mich noch wohler", sagt Hannelore. "Das hätte ich mir ohne das Grundeinkommen nicht leisten können."

"Ich habe tolle Freunde. Ich denke oft, das ist mehr wert als alles Geld dieser Welt"

Als sie eine junge Frau war, starb ihre Mutter. Sie musste sich um die Bäckerei der Familie und ihre sieben Geschwister kümmern. Bis heute setzt sie sich gerne für andere ein. Und auch jetzt sagt sie: "Ich möchte etwas zurückgeben."

Neid wegen des unverhofften Gewinns habe sie nicht erlebt. "Viele haben gesagt: 'Da hat es mal die Richtige erwischt'", sagt sie lachend. "Ich habe tolle Freunde. Ich denke oft, das ist mehr wert als alles Geld dieser Welt." Beim Anruf von Business Insider hat sie gerade ein Buch des niederländischen Autors Rutger Bregman gelesen, "Utopien für Realisten". Das Buch plädiert unter anderem für die 15-Stunden-Woche und das bedingungslose Grundeinkommen.

Nach ihren eigenen Erfahrungen glaubt Hannelore, dass das Grundeinkommen jenen helfen würde, die durch die Corona-Pandemie plötzlich ihren Job verloren haben oder als Sozialhilfeempfänger ohnehin in einer schwierigen Situation sind. "Ich bin fest davon überzeugt, dass das Grundeinkommen Deutschland oder auch die Welt besser machen würde", bekräftigt sie. "Die Menschen würden nicht fauler, sondern aktiver werden. Es gäbe weniger Kriege und die Menschen würden nicht aus Not die Wälder abholzen."

Sie hofft, dass vielleicht die Corona-Krise eine Chance zur Veränderung bietet, gerade auch im Hinblick auf die Umwelt, auf Müll und Konsum. So seien in ihrer Kindheit heutige Alltagsprodukte wie Wurst, Schokolade oder Kaffee etwas Besonderes gewesen. "Der Luxus ist heute selbstverständlich geworden. Es wäre gut, wenn wir wieder auf einen normalen Weg kämen", sagt sie. Auch Zeit mit der Familie und guten Freunden schätzen gerade jungen Menschen wieder mehr wert. "Ich denke, wir sind im Wandel. Andere Werte werden wieder wichtiger."

Holger, 29, Fitnesstrainer

Zu Beginn des vergangenen Jahres war Holger froh, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. Parallel zu seinem Studium der Sportökonomie arbeitete er als Fitnesstrainer, sowohl angestellt in einem Hotel als auch selbstständig. Doch dann musste er wegen der Corona-Pandemie in Kurzarbeit gehen und hatte nur noch ein Drittel seines Einkommens zur Verfügung.

"Ich war wieder darauf angewiesen, meine Eltern um Unterstützung zu bitten. Das war mir sehr unangenehm", sagt Holger im Gespräch mit Business Insider. Das änderte sich jedoch, als er im März das Grundeinkommen für ein Jahr gewann. Schon seit mehreren Jahren ist er für die Initiative als sogenanntes Crowdhörnchen aktiv: Wer das Projekt regelmäßig mit einem kleinen oder großen Geldbetrag unterstützt, nimmt automatisch an der Verlosung des Grundeinkommens teil.

Fitnesstrainer Holger
Fitnesstrainer Holger

"Das Grundeinkommen war für mich eine große Erleichterung", sagt der Freiburger. Das Geld ermöglicht es ihm, sich auf sein Masterstudium zu konzentrieren, bevor sein Job hoffentlich bald wieder losgeht. So bietet es ihm sowohl Sicherheit als auch Freiheit. Auch an seine Zukunft denkt der 29-Jährige: "Ich kann jetzt wieder Geld für die Altersvorsorge zurücklegen. Als Freiberufler ist das wichtig."

Trotz der finanziellen Unterstützung fehlen ihm sein Job und seine Kollegen. "Es ist blöd, wenn man seit einem Jahr arbeiten will und nicht darf." Der Fitnesstrainer glaubt, dass sich mit einem Grundeinkommen mehr Leute trauen würden, sich selbstständig zu machen. Er selbst würde in so einem Fall vielleicht ein eigenes kleines Fitnessstudio eröffnen. Das Grundeinkommen könnte seiner Meinung nach auch viel bürokratischen Aufwand bei staatlichen Leistungen wie der Erwerbsminderungsrente sparen. "Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch eine Beschäftigung sucht", sagt Holger.

Almut, 30, Tanzlehrerin

Auch die Tanzlehrerin Almut kann wegen der Corona-Pandemie nur sehr eingeschränkt arbeiten, derzeit nur zu zehn Prozent. Das Grundeinkommen, das sie seit März erhält, kam für sie deswegen genau zum richtigen Zeitpunkt. "Ich bin ausgerastet vor Freude, als ich davon erfahren habe", erzählt die Freiburgerin. Ihr Bruder hatte die Gewinnzahlen überprüft und sie noch in der Nacht angerufen.

Nun hilft ihr das Geld in einer schwierigen Zeit. "Letztes Jahr wäre mein bisher bestes Jahr gewesen", sagt Almut. Doch ihre Tanzprojekte sind allesamt ausgefallen. Während sie sich im vergangenen Jahr noch gut vom Staat unterstützt gefühlt hat, kamen dieses Jahr kaum noch finanzielle Hilfen hinzu.

"Ich habe Glück gehabt. Ich weiß, wie es auch anderen geht", sagt die Tanzlehrerin. Am Telefon spricht sie oft mit verzweifelten und weinenden Kollegen und Freunden. Deswegen plagt sie auch wegen des Grundeinkommens ein wenig das schlechte Gewissen. Trotzdem: "Die meisten haben sich für mich gefreut."

Tanzlehrerin Almut
Tanzlehrerin Almut

Das Geld ermöglichte es ihr, zusammen mit ihrem Freund einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen und in eine größere Wohnung umziehen. In Freiburg sei es nicht leicht, etwas Bezahlbares zu finden. Zudem hat Almut einen gemeinnützigen Verein gegründet. "Das war mehr Aufwand als gedacht. In der normalen Arbeitszeit hätte ich das nicht hingekriegt", sagt sie.

Sie liebt das Tanzen und Choreografieren, ein Jobwechsel kam für sie deswegen auch nicht infrage. "Mein Beruf ist meine Berufung", stellt Almut klar. Das regelmäßige Grundeinkommen verschafft ihr nun die nötige Sicherheit und Ruhe, um an Fortbildungen teilzunehmen und Projekte vorzubereiten. Wenn es wieder losgehe, könne sie mit 100 Prozent starten.

Mit Sorge beobachtet sie, dass die hohen Mieten in ihrer Stadt zu einer finanziellen Spaltung führen: Bis zu 40 Prozent ihres Einkommens müssen die Freiburger für die Miete ausgeben – eine hohe Belastung. "Ich kenne viele, die gerne in der Kunst und Kultur oder auch in der Pflege arbeiten möchten, aber sich das nicht leisten können." Mit einem Grundeinkommen wären viele eher dazu bereit, glaubt sie. Doch die Politik traue sich zu wenig, in Projekte zu investieren: "Ich finde, das Geld wird viel zu viel in die falschen Dinge gesteckt, beispielsweise in die Rettung einer Fluglinie."

Was hinter der Idee des Grundeinkommens steckt

Das bedingungslose Grundeinkommen hat Befürworter und Gegner. Die Unterstützer versprechen sich davon mehr Freiheit und Sicherheit für die Empfänger, die befreit von den schlimmsten Geldsorgen ein glücklicheres Leben führen können, sozial und unternehmerisch tätig sein können.

Kritiker erinnern an die hohen Kosten, die mit einer Einführung des Grundeinkommens verbunden sind. Allein eine Auszahlung von monatlich 1.000 Euro an alle Erwachsenen summiert sich im Jahr auf mehr als 800 Milliarden Euro – rund 300 Milliarden Euro mehr, als der Bundeshaushalt 2021 umfasst.

Aber hätte Deutschland beispielsweise allen 495.000 selbstständigen Kulturschaffenden vom Beginn der Pandemie im März 2020 bis August 2021 (also 18 Monate) ein Grundeinkommen von 1.000 Euro pro Monat gezahlt, wären Kosten in Höhe von 8,91 Milliarden Euro entstanden – und damit weniger Geld, als Staatshilfe allein an die Lufthansa zugesagt wurde.

Auch der Verein "Mein Grundeinkommen" hält die Rechnung für die Kosten des Grundeinkommens für "grundfalsch" und verweist auf verschiedene Finanzierungsmodelle. Demnach sei das Grundeinkommen vor allem eine Steuerreform. "Je nach Finanzierungsmodell haben Menschen mit geringen Einkommen mehr Geld zur Verfügung, die sogenannte Mittelschicht etwa gleich viel und die Reichsten etwas weniger als vorher", so der Verein.

Die Idee hat auch prominente Unterstützer, wie den dm-Gründer Götz Werner. Und vor kurzem ist das "Pilotprojekt Grundeinkommen" gestartet, mit dem verschiedene Forschungsinstitute das Grundeinkommen wissenschaftlich untersuchen wollen.

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