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Die große Unbekannte: Die meisten Unternehmen können mit Gaia-X nichts anfangen

Hoppe, Till Neuerer, Dietmar
·Lesedauer: 4 Min.

Das Cloud-Projekt ist der große Hoffnungsträger der Politik, aber eine Umfrage zeigt: Kaum ein Unternehmen in Deutschland kennt Gaia-X.

„Wenn die europäischen Vorgaben klar sind und insbesondere auch von der EU-Kommission klar kommuniziert und umgesetzt werden, spricht nichts gegen eine Beteiligung außereuropäischer Anbieter.“ Foto: dpa
„Wenn die europäischen Vorgaben klar sind und insbesondere auch von der EU-Kommission klar kommuniziert und umgesetzt werden, spricht nichts gegen eine Beteiligung außereuropäischer Anbieter.“ Foto: dpa

Es ist eines der wichtigsten digitalpolitischen Vorhaben von Bundesregierung und Europäischer Union: das Cloud-Projekt Gaia-X. Der Aufbau einer europäischen Infrastruktur für das Verarbeiten und Teilen von Daten soll den heimischen Unternehmen vertrauenswürdige Alternativen zu den dominanten Cloud-Anbietern aus den USA und China bieten. Die Firmen müssten „eine Auswahl haben“, betonte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) unlängst erneut.

Doch: Bislang weiß die große Mehrheit der Unternehmen nichts von Gaia-X. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Industrie kennen bislang nur sechs Prozent der mehr als 500 befragten Firmen das Ende 2019 von Altmaier vorgestellte Projekt. Während gut der Hälfte der Großunternehmen das Vorhaben ein Begriff ist, haben nur wenige kleine und mittelständische Betriebe davon gehört.

Für die Bundesregierung ist der geringe Bekanntheitsgrad problematisch. Der Aufbau einer sicheren Infrastruktur soll gerade zögerliche Mittelständler dazu bewegen, mehr Daten in der Cloud zu speichern und mit anderen auszutauschen. Die Bundesregierung setzt in ihrer neuen Datenstrategie große Hoffnungen auf das neue Ökosystem, um die wirtschaftliche Nutzung von Daten durch die Unternehmen in Deutschland zu steigern.

„Der Vorteil datengetriebener Geschäftsmodelle erschließt sich gerade kleinen und mittleren Unternehmen noch nicht ausreichend“, sagte Iris Plöger, Mitglied der BDI-Hauptgeschäftsführung.

In der IW-Umfrage nannten 91 Prozent der Unternehmen die Sorge über unautorisierten Zugriff Dritter auf ihre Daten als größtes Hemmnis für eine stärkere wirtschaftliche Datennutzung. 85 Prozent bezeichneten datenschutzrechtliche Grauzonen als Hürde. Immerhin ein Drittel der mit Gaia-X vertrauten Firmen gab an, eine solche Plattform werde ihre Bereitschaft zum Datenteilen erhöhen.

Zimmermann: „Altmaier muss Gaia-X zur Chefsache machen“

Die Autoren der Studie empfehlen, nun zügig marktreife Anwendungen auf Basis von Gaia-X verfügbar zu machen, um die Bekanntheit zu steigern. Der digitalpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Jens Zimmermann, sieht dabei auch den Wirtschaftsminister in der Pflicht: „Peter Altmaier muss Gaia-X zur Chefsache machen“, sagte er dem Handelsblatt. Er habe den Eindruck, der Minister habe das Interesse daran verloren, sagte Zimmermann und warnte: „Das Projekt droht gerade komplett zerredet zu werden.“

Vor allem die Beteiligung großer US-Anbieter wie Amazon, Microsoft und Google hatte zuletzt für viel Kritik gesorgt. Einige Datenschützer warnen, dadurch könnten die US-Sicherheitsbehörden Zugriff auf die Daten erhalten.

Der Beauftragte für den Datenschutz in Baden-Württemberg, Stefan Brink, hält die Beteiligung der US-Anbieter hingegen für sinnvoll – solange diese die Bedingungen erfüllen: „Wenn die europäischen Vorgaben klar sind und insbesondere auch von der EU-Kommission klar kommuniziert und umgesetzt werden, spricht nichts gegen eine Beteiligung außereuropäischer Anbieter“, sagte Brink dem Handelsblatt. „Das hat sogar den Vorteil, dass diese Anbieter Know-how gewinnen, wie sich moderne digitale Angebote datenschutzkonform umsetzen lassen – und dieses Know-how außerhalb Europas verbreiten.“

Schon jetzt gebe es etwa aus den USA immer lautere Forderungen, den US-Bürgern dieselben Rechte zu gewähren, die den EU-Bürgern nach der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) zustehen, darunter das Recht auf Auskunft, Löschung oder Schadensersatz gegen den Anbieter. „Diese Rechte lassen sich so globalisieren, und daran haben die Datenschützer natürlich ein hohes Interesse“, so Brink.

Auch der Grünen-Digitalpolitiker Dieter Janecek hält nichts davon, große Digitalkonzerne von Gaia-X auszugrenzen. „Digitale Souveränität Europas heißt nicht, dass wir außereuropäische Akteure komplett ausschließen“, sagte Janecek dem Handelsblatt. „Wir müssen aber unsere einseitige Abhängigkeit von den dominierenden US-Digitalkonzernen durchbrechen.“ Altmaier müsse daher „sicherstellen, dass eine Beteiligung von Amazon, Google und Co. nur möglich ist, wenn europäische Normen und Standards tatsächlich eingehalten und offene rechtliche Fragen geklärt sind“.

Die Kontroverse über die US-Unternehmen könnte Mittelständler verunsichern und davon abhalten, Gaia-X zu nutzen. Skeptiker warnen zudem, die aufwendigen Abstimmungsprozesse zwischen den Hunderten beteiligten Unternehmen, den EU-Staaten und der EU-Kommission bremsten das ehrgeizige Vorhaben zu sehr aus.

Die Führung des Projekts liegt inzwischen nicht mehr bei der Politik, sondern bei der Industrie. Die Mitglieder haben eine gemeinnützige Gesellschaft mit Sitz in Belgien gegründet, die Gaia-X AISBL.

Man unterstütze das Vorhaben aber weiterhin, heißt es im Bundeswirtschaftsministerium. So werde die Entwicklung konkreter Software zum Betrieb der Gaia-X-Infrastruktur mit 13,5 Millionen Euro gefördert und der Aufbau des deutschen Gaia-X-Hubs finanziert, der als erster Anlaufpunkt für die Anwenderbranchen dienen soll.