Werbung
Deutsche Märkte schließen in 4 Stunden 17 Minuten
  • DAX

    18.479,29
    +6,00 (+0,03%)
     
  • Euro Stoxx 50

    4.970,01
    +6,81 (+0,14%)
     
  • Dow Jones 30

    38.441,54
    -411,32 (-1,06%)
     
  • Gold

    2.361,10
    -3,00 (-0,13%)
     
  • EUR/USD

    1,0818
    +0,0011 (+0,10%)
     
  • Bitcoin EUR

    62.745,29
    +57,50 (+0,09%)
     
  • CMC Crypto 200

    1.454,77
    -1,10 (-0,08%)
     
  • Öl (Brent)

    79,00
    -0,23 (-0,29%)
     
  • MDAX

    26.711,23
    +122,08 (+0,46%)
     
  • TecDAX

    3.356,06
    -6,34 (-0,19%)
     
  • SDAX

    14.998,24
    +112,32 (+0,75%)
     
  • Nikkei 225

    38.054,13
    -502,74 (-1,30%)
     
  • FTSE 100

    8.207,12
    +24,05 (+0,29%)
     
  • CAC 40

    7.954,88
    +19,85 (+0,25%)
     
  • Nasdaq Compositive

    16.920,58
    -99,30 (-0,58%)
     

Eine große Party – mehr nicht? So nutzen 7 Gründer das OMR-Festival jenseits des Trubels

Wie viel Startup-Business passt zwischen „Maximum Rizz“ und „Dornige Chancen“?  - Copyright: OMR / Getty Images / Dominiki Schmitt für Gründerszene
Wie viel Startup-Business passt zwischen „Maximum Rizz“ und „Dornige Chancen“? - Copyright: OMR / Getty Images / Dominiki Schmitt für Gründerszene

Ich habe eine Zeit lang auf St. Pauli gelebt – hier ist das OMR-Festival eher unbeliebt: zu konsumverliebt, zu unpolitisch, zu uncool. Für mich war die OMR ein knalliges Mega-Event in dunklen Hallen, für das Menschen weiße Sneaker mit bunten Hosenanzügen kombinieren. Jetzt besuche ich es das erste Mal, als Startup-Reporterin. Und bin mir immer noch nicht ganz sicher, hier richtig zu sein.

Für die OMR reisen Kreativ-Guru Rick Rubin und Selbstvermarktungs-Göttin Kim Kardashian in die Hamburger Messehallen. Auch Köpfe aus der Startup-Szene wie Aleph Alpha-CEO Jonas Andrulis und Startup-Verbandschefin Verena Pausder bekommen hier eine Bühne. Finanzminister Christian Lindner adressiert bei seinem Talk vor 7.000 Menschen explizit die deutsche Gründerszene.

Millionen nimmt OMR-Gründer Philipp Westermeyer für seine Promi-Speaker in die Hand – und lockte dieses Jahr 67.000 Menschen an. Pro Kopf kostet das Ticket zwischen 500 und 800 Euro. Für Westermeyer ein lohnendes Business. Bloß: Was ist bei all dem drin für Startups?

1. Neue Kunden, alte Partnerschaften

Startups stellen auf der OMR aus. Lohnt sich das? - Copyright: Julian Huke
Startups stellen auf der OMR aus. Lohnt sich das? - Copyright: Julian Huke

In Halle A4, der Startup-Halle herrscht eine klassische Startup-Poster- und Pitch-Atmosphäre. Ich spreche mit Alexander Brunst, dem früheren Deutschlandchef von Gorillas. Ich will wissen: für wen lohnt sich die OMR?

WERBUNG

Inzwischen ist Brunst CEO von Ecommerce One, einem drei Jahre alten SaaS-Startup, B2B, spezialisiert auf Handelskunden mit über fünf Millionen Euro Jahresumsatz. Er sagt: E-Commerce-Startups sollten hier „auf jeden Fall“ Präsenz zeigen. Für seine Branche sei das Festival Standard; ein Treffpunkt, den man am Ende des Tages auch aufsuche, um beim Durch-den-Linkedin-Feed-Scrollen keine „Fomo“ („Fear of missing out“) zu haben.

Brunst sagt, er generiere an seinem Stand auf der OMR um die 20 Kunden-Leads am Tag. Zusätzlich vereinbart er Treffen mit Partnern und geht auf Side-Events. Ein Deep-Tech dagegen müsse "hier nicht unbedingt aufkreuzen“, ergänzt Brunst, der seit über zehn Jahren in der Szene ist. Employer Branding mache ebenfalls nur für diejenigen Sinn, die einen Sitz in Hamburg hätten. Und: "Wer Investoren sucht, wird hier wahrscheinlich enttäuscht."

Die OMR als "einmal-hin-alles-drin"-Festival

„Es ist jeder hier – also lohnt es sich auch“, sagt ein Unternehmer über die OMR. - Copyright: Tommy Halfter
„Es ist jeder hier – also lohnt es sich auch“, sagt ein Unternehmer über die OMR. - Copyright: Tommy Halfter

Brunst besucht sonst auch die K5 Konferenz und die Dmexco. Fabian Platzen dagegen ist im Jahr nur noch auf einer Messe, es ist die OMR. Platzen ist General Manager bei Iwoca, einem internationalen Scaleup, das Kredite an Kleinunternehmen vergibt.

Anders als Brunst hat er keinen Stand – sondern huscht von einem Termin zum nächsten: Partner und Kunden, alle seien sie hier. Das Festival müsse sich schon lohnen, sagt der Manager, auch für ein profitables Scaleup wie seines. Immerhin sei sein Team, sobald auf der OMR, für zwei Tage weitestgehend blockiert.

Für wen lohnt sich die OMR? „Etablierte D2C-Brands, die alte und neue Partner treffen wollen“, sagt Platzen und, „junge D2Cs, die sehen wollen, was die Etablierten machen“. Für ihn sei vor allem der Finance Forward-Bereich spannend, 800 Euro zahlt er, um beide Festivalbereiche besuchen zu können (ein Ticket nur für die FF-Konferenz gibt es nicht).

Das sei ungefähr der gleiche Betrag, als würde er „einmal mit dem ICE durch Deutschland fahren, um alle persönlich zu besuchen“, summiert Platzen. So könne er viele Treffen auf einen Schlag unterbringen. Und „ein bisschen Sehen und gesehen werden“ sei natürlich auch mit dabei.

2. Das OMR-Festival als Teamevent ...

Wer den Aperol-Stand auf der OMR als Treffpunkt wählt, muss wissen: es gibt zwei.  - Copyright: Julian Huke
Wer den Aperol-Stand auf der OMR als Treffpunkt wählt, muss wissen: es gibt zwei. - Copyright: Julian Huke

Das kann sich auch für Startups lohnen, die remote-first arbeiten, so wie Neuroflash. Für das KI-Startup ist die OMR eines von vier in-Person-Events im Jahr. „Wir machen ein Teamevent daraus“, sagt Co-Founder Henrik Roth.

Sein Startup hat einen Stand auf der OMR – und auf diesem Weg schon wichtige Klienten generiert, darunter Statista. Neuroflash hat ein Software Interface entwickelt, das mit KI zum Beispiel SEO-Texte erstellt – schon vor dem großen ChatGPT-Hype.

Seit drei Jahren stellt Neuroflash auf der OMR aus. Er träfe hier immer „ein, zwei Big Shots“, die man sonst nicht kennenlernen würde, sagt Roth. Da sei auch viel Zufall dabei.

Startups, die einen Stand buchen, empfiehlt er, einen Screen anzubringen, um ihr Produkt möglichst anschaulich zu präsentieren. Das habe man letztes Jahr so gemacht – und deutlich mehr Leads gesammelt, sagt Roth. Immerhin: 30 bis 40 potenzielle Kunden-Kontakte sammele Neuroflash an einem Tag OMR immer noch.

3. ... und als Inhalte- und Lead-Fabrik

Die OMR-Veranstalter kennen die Vorurteile gegen das Festival – hier Beweisstück A.  - Copyright: Julian Huke
Die OMR-Veranstalter kennen die Vorurteile gegen das Festival – hier Beweisstück A. - Copyright: Julian Huke

Dazu kommt: „Wir generieren hier auch viel Content“, sagt Roth. Gestern habe man eigens einen Videografen dabeigehabt, Kundeninterviews und das Team gefilmt – dabei entstünden genug Video-Snippets, um vor allem Instagram für drei bis vier Monate zu bespielen, sagt der CEO.

Noch einen weiteren Hack verrät er uns: über Meta-Werbeanzeigen könne man die Messebesucher während der OMR auf einen Kilometer genau auswählen – und ihnen auf Instagram gezielt Videos ausspielen lassen. 12.000 Menschen habe man so erreicht. Eigentlich interessant seien die, die bei einem solchen Video mehr als drei Sekunden dranblieben, in Neuroflashs Fall 5.000 Personen. Die habe man jetzt zu einer eigenen Targetgroup hinzugefügt, so Roth. Es sind potenzielle Neukunden für seine KI-Software.

Er empfiehlt die OMR allen Startups, die ein Software Tool verkaufen und ein fertiges Produkt haben: „Man muss etwas zeigen können“, sagt Roth, aber eben digital. „Eine Seife würde ich hier nicht verkaufen“.

Nichts für Startups, die klassische Hardware verkaufen?

Keine Seife, aber auch klassisch „was zum Anfassen“ verkauft Tohya Diebel – und zwar Unterwäsche. Sind sie damit hier fehl am Platz? Diebel findet: nein. Sie hat vor einem Jahr ihr Label Buttz gegründet, will damit „nachhaltig eine Brand aufbauen“. Dafür schaut sie sich auf der OMR um, wie andere Marken sich inszenieren, holt sich Inspiration, schleicht sich auf die Party vom Konkurrenten Snooks. „Das ist ja interessant zu sehen, wer da so rumläuft“, sagt Diebel.

Sie sei einigermaßen planlos unterwegs, lasse sich vom Zufall leiten. Als wir uns begegnen, hat sie gerade die Assistentin des Co-CEO von Zalando getroffen – und steckt ihr eine Visitenkarte zu. Läuft ja. Jemanden hier ein Sample zustecken, ginge nicht: um hier sein Produkt zu verteilen, müssen Marken 15.000 Euro an die OMR zahlen, dafür reiche das Geld bei Buttz noch nicht.

Schon die Besuchertickets für die OMR sind mit 500 Euro nicht ohne, zumal, wenn man Hotel und Zugtickets obendrauf kommen. Das kommt nicht für jeden infrage, zumal, wenn er oder sie aus eigener Tasche zahlt. Die Startup-Stände sollen zwischen 5.000 und 10.000 Euro kosten – sind vernehmbar aber Verhandlungsbasis.

Es gibt allerdings Mittel und Wege, um die hohen Festival-Preise herumzukommen – auch für junge Startups ohne Konzernstruktur im Rücken. Einer davon ist Reichweite: Tohya Diebel von Buttz erzählt, sie habe dem Festival einfach geschrieben, Buttz sei eine junge Marke, habe wenig Cash – sie, die CEO aber mit über 100.000 Followern auf Instagram eine hohe Reichweite. Sie bekam zwei Tickets umsonst.

4. „Hab entweder den größten Stand – oder gar keinen“, rät ein Gründer, der auf Masterclasses setzt

Das Premium-Expo-Gelände der OMR. Aussteller wie TikTok und Würth lassen sich das Event nicht entgehen.  - Copyright: Julian Huke
Das Premium-Expo-Gelände der OMR. Aussteller wie TikTok und Würth lassen sich das Event nicht entgehen. - Copyright: Julian Huke

Daniel Heer hat sich gegen einen Stand entschieden, allerdings nicht aus finanziellem Zwang: Er lebe nach dem Motto: „Hab entweder den größten Stand – oder gar keinen“, sagt der CEO von Zeotap. Das Scaleup betreut große Kunden – McDonald’s ist darunter genauso wie Douglas – und hab bereits über 100 Millionen Euro geraised, so Heer.

Die OMR "macht für uns absolut Sinn", sagt der CEO. Er verabrede sich hier mit Partnern und Kunden, einmal zur Kontaktpflege, zum anderen generiert Zeotap hier auch neue Leads: Dieses Jahr richtet das Scaleup gemeinsam mit Rewe eine Masterclass aus, darin geht es um „Maximizing Value through First-Party Data“, das Erfolgsversprechen von Zeotap. Für die Ausrichtung dieser Masterclasses bezahlen Unternehmen wie Zeotap zwischen 15.000 und 25.000 Euro.

Jede OMR-Masterclass müssen Interessierte vorher buchen – mit Namen und Daten. „Das hören sich ja nur die an, die denken, ah sowas wie Zeotap macht, das bräuchten wir eigentlich auch in der Company“, sagt Heer. Ein Event kann damit gut mal 200 neue Leads versprechen.

5. Die Side-Events: So kommt ihr auf die richtigen Partys

Fordert OMR-Tickets für zehn Euro: Rapper Ski Aggu.  - Copyright: Julian Huke
Fordert OMR-Tickets für zehn Euro: Rapper Ski Aggu. - Copyright: Julian Huke

Die erste Bühne, an der vorbei viele Besucher auf das Festivalgelände strömen, heißt Blue bzw. Food Stage. Darum herum reihen sich die Food-Stände: Redner müssen damit rechnen, in mampfende Gesichter zu schauen, vielleicht auch ganz an ihrem Publikum vorbeizureden. Philipp Schröder, CEO von 1Komma5, scheint es zwischendurch so zu gehen, er reagiert merklich irritiert auf sein leicht abwesendes Publikum.

Irgendwo hätte man auch eine Beverage Stage vermuten können – denn zu trinken gibt es auf der OMR genug. Neben dem Stand des Weingut Dreissigacker schenkt Underberg seinen Kräuterlikör aus; Hendrick's Gin inszeniert ein Art boozy Gymnastikkurs. Das gehört wohl dazu – eine Bekannte, die sagt, sie sei auch „wegen der schönen Männer“ hier, glaubt „nach 16 Uhr ist hier nichts mehr mit Business“.

Wichtig ist, nach der OMR auf der richtigen Party zu landen – aber wie?

Das OMR-Festival ist nicht 'nur' Party. Aber es ist viel Party. Das liegt auch daran, dass die OMR so groß ist: Unter 67.000 Leuten an die richtigen Gesprächspartner zu geraten, gelingt besser, wenn man dazu den Kreis etwas enger zieht.

Das wissen Firmen wie Hanse Ventures, Finance Forward, About You und viele andere – und richten zusätzliche Events rund um die OMR aus. Dieses Jahr in aller Munde: die Techno-Party, die das DHDL-Startup Yfood per Boot in den Hamburger Hafen geschickt hat.

Wichtig ist, auf der richtigen Party zu landen. Das ist gar nicht so leicht. Denn (fast) immer gehört ein Gästelistenplatz dazu. Ich spreche mit Cephas Nbubeze darüber. Nach einer VC-Karriere hat Nbubeze Fomo gegründet, ein Netzwerk, das auf Event-Kuratierung für die Startup-Szene spezialisiert ist. „Auf welche Side-Events du gehst, ist entscheidend“, ist Nbubeze überzeugt. Er hat bei einer OMR-Preparty gerade Investor Philipp Klöckner kennengelernt.

Nur: Wie kommt man auf die richtige Party? Hier hilft ein wenig Vorbereitung. Wissen, wer was ausrichtet und schauen: Wen kenne ich bei Finance Forward? Bei About You? Bei Yfood? Diese Menschen können helfen, zur rechten Zeit im richtigen Raum zu stehen, um den spannenden Partner, Kunden oder Mentor zu finden, den man schon lange sucht.

Ist das OMR-Festival besser als sein Ruf?

Fitness-Influencerin Anna Engelschall auf der OMR 2024.  - Copyright: Josy Carstens
Fitness-Influencerin Anna Engelschall auf der OMR 2024. - Copyright: Josy Carstens

Die OMR ist ein Volksfest. Wie auf der Wiesn trifft man hier „alle“ – und niemanden. Die einen raten entsprechend zu guter Vorbereitung, die anderen dazu, sich voll auf den Zufall einzulassen – und nicht zu sehr durchzuhetzen. Das kommt darauf an, wie stark das eigene Netzwerk schon ist – und welche Ziele man verfolgt.

Für Startups auf Investorensuche ist die OMR sicher eine Enttäuschung – Kunden und Partner lassen sich hier aber sehr wohl generieren. Manche sprechen dennoch von "sehr viel Zeitverschwendung".

Wer in Totalopposition geht, liegt wahrscheinlich falsch, denke ich, als ich am Mittwochabend das Festivalgelände verlasse. Und denke an die Worte von Julian Ullrich, einem Krypto-Gründer, den ich in einem Startup-Büro am Neuen Wall besuche. Denn obwohl Ullrich ein Ticket hat, ist er wenig auf dem Gelände – Typ Side-Event, eben.

Er sagt: "Es gibt einen Grund, warum ich heute nicht auf der OMR bin – es gibt aber auch einen Grund, warum viele andere es sind." Das fasst es ganz gut zusammen.