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Großbritannien will ab 2030 Neuwagen mit Verbrennungsmotor verbieten

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Das ehrgeizige Ausstiegsdatum Großbritanniens ist eine Herausforderung für die Autobauer. Experten empfehlen der Bundesregierung, dem Beispiel zu folgen.

Großbritannien setzt mit einem neuen Ausstiegsdatum für den Verbrennungsmotor die Autobranche unter Druck. Ab 2030 dürfen im Königreich keine neuen Benziner oder Diesel mehr verkauft werden. Hybride sind noch bis 2035 erlaubt. Das ehrgeizige Ziel verkündete der konservative Premierminister Boris Johnson am Mittwoch im Rahmen eines Zehn-Punkte-Plans für die „grüne industrielle Revolution“.

Die Umweltorganisation Greenpeace sprach von einem „historischen Wendepunkt“ im Klimaschutz. Doch kam sogleich die Frage auf, wie das Ziel erreicht werden kann. Der Chef der britischen Automobilvereinigung AA, Edmund King, nannte es „unglaublich ehrgeizig“. Aktuell sind rund zehn Prozent der verkauften Neuwagen in Großbritannien elektrisch oder hybrid.

Johnson versprach insgesamt 2,8 Milliarden Pfund für den Ausbau der Ladeinfrastruktur, Kaufanreize für E-Autos sowie die heimische Batterieproduktion. Der Branchenverband SMMT forderte weitere Unterstützung, um den Strukturwandel zu begleiten.

„Diese neue Deadline, die um zehn Jahre vorgezogen wurde, ist eine riesige Herausforderung“, sagte Verbandschef Mike Hawes. Der Erfolg werde davon abhängen, ob die Verbraucher sich die neuen Technologien leisten könnten und ob man die elektrischen Autos genauso leicht aufladen könne, wie man bisher tanken konnte. Man werde zusammen mit der Regierung nun an den Details des Plans arbeiten.

Experten begrüßten den Schritt. „2030 ist machbar“, sagte Professor Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research in Duisburg. Für die Autobauer gelte: „Wer bis 2030 nicht auf E-Mobilität umgestellt hat, hat eh verloren.“

Mögliches Vorbild für Deutschland?

Der Professor empfahl Bundeskanzlerin Angela Merkel, dem Beispiel Johnsons zu folgen und das gleiche Ziel festzulegen. „Die britische Regierung hat den richtigen Ansatz“, sagte er. „Es ist besser, die Veränderungen richtig anzugehen, als mit einem Fuß in der Vergangenheit zu stehen.“ Die Bundesregierung stopfe immer nur die neuesten Schlaglöcher, statt die Straße neu zu bauen. Das habe sich beim Autogipfel diese Woche erneut gezeigt.

Die klare Weichenstellung in Großbritannien werde dazu führen, dass Unternehmen schneller ein funktionierendes Ladenetz aufbauen werden, prognostizierte Dudenhöffer. Auch David Bailey, Autoexperte an der Universität Birmingham, erwartet einen Investitionsschub. Britische Infrastrukturfirmen könnten nun leichter Investoren überzeugen, sagte er. Deshalb sei es wichtig, ein klares Zieldatum zu haben.

Johnsons Plan sei bisher allerdings weder ausreichend durchdacht noch finanziert, sagte Bailey. Mindestens zehnmal so viel Geld sei nötig. Allein die Kaufprämie, aktuell 3000 Pfund pro Neuwagen, werde schnell mehrere Milliarden kosten, wenn die Verkaufszahlen stiegen. Beim Aufbau des Ladenetzes müsse die Regierung mit den Kommunen zusammenarbeiten und eine neue Straßenarchitektur erfinden. So könnten Laternenmasten mit Ladebuchsen ausgerüstet werden.

Auch technologisch müsse Großbritannien zum Rest Europas aufholen, sagte Bailey. Das Land hinke etwa bei der Batterieproduktion stark hinterher. Während in anderen europäischen Ländern Gigafabriken geplant würden, gebe es in Großbritannien nur eine winzige Batteriefabrik beim Nissan-Werk in Sunderland.

Der Abschied vom Verbrennungsmotor könne einen Neuanfang für die britische Autobranche bedeuten, sagte Bailey. Neben den Milliardeninvestitionen der deutschen Autobauer in die E-Mobilität wirkten die britischen Bemühungen bisher jedoch noch bescheiden. Die Grundvoraussetzung für eine blühende E-Autobranche sei ohnehin ein Freihandelsabkommen mit der EU. „Wenn es keinen Deal gibt, wäre dies das Ende der Auto-Massenproduktion in Großbritannien“, sagte Bailey.

Neben der Förderung der E-Mobilität kündigte Johnson neue Investitionen in Atomkraft, Offshore-Windenergie, Wasserstoff und CO2-Abscheidung an. Insgesamt will er zwölf Milliarden Pfund investieren. Inmitten der Coronakrise und wenige Wochen vor dem erwarteten Brexit-Chaos will der Premier mit seinem Klimaplan ein Aufbruchsignal senden.

Großbritannien werde weltweit zur „Nummer eins für grüne Technologie und Finanz“, kündigte er an. Als Gastgeber der Weltklimakonferenz COP26 in Glasgow im kommenden Jahr will er mit gutem Beispiel vorangehen.

Aus Sicht der Labour-Opposition gehen die Pläne nicht weit genug. Johnsons Plan verblasse neben den Dutzenden Milliarden, die Deutschland und Frankreich in grüne Technologien investierten, sagte der wirtschaftspolitische Sprecher Ed Miliband.