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Griechenland droht der Corona-Notstand – Regierung beschlagnahmt Privatkliniken

Höhler, Gerd
·Lesedauer: 4 Min.

Im Frühjahr stand das Land für erfolgreiches Pandemie-Management. Jetzt explodieren die Neuinfektionszahlen. Wie konnte die Entwicklung so außer Kontrolle geraten?

Seit zwei Wochen ist Griechenland im Corona-Lockdown. Gastronomie und Einzelhandel sind geschlossen. Es gilt ein nächtliches Ausgehverbot von 21 Uhr bis 5 Uhr morgens. Auch tagsüber dürfen die Griechen nur mit triftigem Grund und nach vorheriger elektronischer Anmeldung ihre Wohnungen verlassen.

Die Beschränkungen ziehen das chronisch krisengeplagte Land immer tiefer in die Rezession. Aber beim Kampf gegen das Virus zeigen sie bisher keine Wirkung.

Die Zahlen sind alarmierend: Allein von Montag bis Donnerstag dieser Woche wurden in Griechenland 11.056 Neuinfektionen gemeldet. Das waren innerhalb von vier Tagen mehr als doppelt so viele Fälle wie im ganzen Monat August. Von den 85.261 Infektionen, die seit dem Beginn der Pandemie Ende Februar in Griechenland festgestellt wurden, entfällt mehr als die Hälfte auf die ersten drei November-Wochen.

Der Lockdown sollte ursprünglich bis Ende November gelten. Aber an eine baldige Lockerung ist nicht zu denken. Regierungssprecher Stelios Petsas erklärte am Freitag, die geplante Aufhebung der Maßnahmen Anfang Dezember sei „mittlerweile unrealistisch“. Das Virus verbreitet sich immer schneller. Die Kliniken kommen an ihre Grenzen.

Seit in Griechenland am 26. Februar die erste Covid-Infektion gemeldet wurde, hat die Regierung das Gesundheitssystem zügig ausgebaut. Die Zahl der Intensivbetten wurde binnen acht Monaten von 557 auf 1220 mehr als verdoppelt. Tausende Pfleger und Ärzte wurden neu eingestellt.

Dennoch sind die Kapazitäten mittlerweile nahezu erschöpft. Vor allem in Nordgriechenland, wo das Virus derzeit besonders aggressiv wütet, ist das Gesundheitssystem am Limit.

Private Kliniken in staatlicher Hand

In Thessaloniki gab es am Freitag nur noch acht freie Betten auf den Intensivstationen. Das Gesundheitsministerium ordnete daraufhin die Beschlagnahmung von zwei Privatkliniken an. Damit geht die Leitung dieser Krankenhäuser auf das staatliche Gesundheitswesen über. Sie sollen ab Montag Covid-Patienten aufnehmen.

Die Zwangsmaßnahme wurde durch ein erst kürzlich verabschiedetes Gesetz möglich. Gesundheitsminister Vassilis Kikilias ordnete sie an, nachdem sich die neun privaten Krankenhäuser der Stadt geweigert hatten, Covid-Patienten aufzunehmen.

Ein Sprecher des Verbandes der Privatkliniken begründete die Weigerung damit, man habe nicht genug Zeit zur Vorbereitung gehabt. In den privaten Krankenhäusern fehle es an Isolationsmöglichkeiten und an Erfahrung im Umgang mit Covid-19.

Das Vorgehen der Regierung bei den Privatkliniken zeigt, wie dramatisch die Lage ist. Im Frühjahr hatte Griechenland noch international viel Anerkennung für sein erfolgreiches Corona-Management erhalten. Dank frühzeitiger Kontaktbeschränkungen gelang es, die Ausbreitung des Virus schnell einzudämmen.

Doch nun wird das Land von der zweiten Welle umso heftiger getroffen. Im August und September stiegen die Neuinfektionen langsam an, seit Ende Oktober explodieren die Zahlen förmlich.

Experten führen das vor allem auf die wachsende Sorglosigkeit vieler junger Leute zurück, die im Sommer an den Stränden, in den Beach-Bars und Nachtlokalen sowie bei privaten Partys die Abstandsregeln missachteten. Inzwischen ist die Entwicklung außer Kontrolle. Bei täglich rund 3.000 neu gemeldeten Fällen, wie diese Woche, ist die Verfolgung der Infektionsketten nahezu unmöglich.

Fachleute wie der Mikrobiologe Alkibiades Vatopoulos, der zum Corona-Sachverständigenrat der Regierung gehört, fordern deshalb noch striktere Maßnahmen nach dem Vorbild Chinas. Wie im chinesischen Wuhan müsse die gesamte Wirtschaftstätigkeit heruntergefahren werden, empfahl Vatopoulos am Freitag. Die Menschen sollen nur noch einmal pro Woche ihre Wohnung verlassen dürfen, um Lebensmittel einzukaufen. Nur so lasse sich die Ausbreitung des Virus stoppen, meint der Mediziner.

Die Pandemie hat massive Folgen für die ohnehin angeschlagene Wirtschaft des Landes. Wenn nach der Tourismus-Flaute vom Sommer nun auch das Weihnachtsgeschäft wegfällt, droht Tausenden Wirten und Händlern die Pleite. Gerade erst begann Griechenland, sich von der längsten und tiefsten Rezession der Nachkriegszeit zu erholen. Jetzt zeichnet sich ein schwerer Rückschlag ab.

Das ist auch im Haushaltsplan für 2021 abzulesen, den Finanzminister Christos Staikouras am Freitag dem griechischen Parlament zur Beratung vorlegte. In seinem ersten, Anfang Oktober präsentierten Budgetentwurf erwartete Staikouras für dieses Jahr einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 8,2 Prozent und für 2021 ein Wachstum von 7,5 Prozent.

Inzwischen ist der Minister deutlich pessimistischer: Für 2020 setzt er nun ein Minus von 10,5 Prozent an und für das kommende Jahr ein Plus von nur noch 4,8 Prozent.