Deutsche Märkte schließen in 12 Minuten

Griechen fliehen aus Angst vor dem Virus auf die Inseln

Immer mehr Griechen suchen Zuflucht auf einer der Inseln. Aber dort sind die Städter nicht willkommen. Jetzt schränkt die Regierung den Fährverkehr drastisch ein.

Immer mehr Griechen zieht es zurzeit auf die Ägäis-Inseln. Foto: dpa

Viel ist im Frühjahr nicht los, auf der kleinen griechischen Insel Symi in der östlichen Ägäis. Um diese Jahreszeit sind die 2500 Bewohner normalerweise unter sich. Die meisten Geschäfte und Pensionen sind geschlossen, die schmalen Gassen menschenleer. Aber jetzt kommen mehr Besucher als sonst mit der Fähre, die Symi dreimal in der Woche mit dem Hafen von Piräus verbindet.

Bürgermeister Leftheris Papakalodoukas glaubt zu wissen, warum sie die 16 Stunden lange Fahrt auf sich nehmen: Sie suchen auf Symi Zuflucht vor dem Coronavirus. „Noch haben wir auf unserer Insel keine Infektion, aber so wie es läuft, wird sich das wohl sehr schnell ändern“, fürchtet Papakalodoukas. „Wir halten uns an die Auflagen der Regierung“, berichtet der Bürgermeister in einem Handy-Video auf YouTube, „die Geschäftsleute haben ihre Läden zugesperrt, wir bleiben zu Hause, aber was hilft das, wenn das Virus eingeschleppt wird?“

Nicht nur auf Symi geht die Angst um. Auch Thodoris Tzoumas, Bürgermeister der Sporadeninsel Skiathos, möchte seine Inselgemeinde am liebsten sofort abriegeln. Skiathos ist bekannt für seine schönen Strände und das ausgelassene Nachtleben.

Im Sommer zieht die Insel Hunderttausende Touristen an. Die meisten Menschen hier leben vom Fremdenverkehr. Aber jetzt ist jeder Besucher verdächtig: Diese Woche seien zwei Italiener aus Mailand angekommen, am Tag danach zwei Briten, berichtete Bürgermeister Tzoumas der Zeitung „Kathimerini“.

Man habe die Fremden gebeten, sich nicht in der Öffentlichkeit zu bewegen, „aber sie ignorieren das“. In einem als „Eilsache“ deklarierten Schreiben an die Regierung in Athen fordert der Kommunalpolitiker jetzt, den Personenverkehr zum Festland sofort einzustellen.

Viele Inseln bisher von Infektionen nicht betroffen

Quarantäne – das Wort hört keiner gern. Aber immer mehr griechische Inselgemeinden rufen jetzt danach. Noch gibt es auf den 113 bewohnten griechischen Inseln nur wenige Infektionsfälle. Aus dem Süden der Ägäisinsel Lesbos ist ein Fall bekannt.

Auf Zakynthos im ionischen Meer gibt es einen Infektionsherd mit vier Erkrankungen. Die anderen Inseln sind offiziell bisher nicht betroffen, wenngleich die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass es nicht entdeckte Fälle gibt.

Offiziell meldet das griechische Gesundheitsministerium 495 Infizierte, so der Stand vom Freitagabend. Die Epidemiologin Athina Linou schätzt aber, dass es bereits 10.000 bis 15.000 Fälle gibt. Andere Fachleute rechnen mit 50.000.

Umso größer ist die Angst vieler Inselbewohner vor Besuchern, die das Virus einschleppen könnten. Zumal sich nun viele Städter darauf besinnen, dass sie von einer der Inseln stammen. Nicht wenige haben dort Ferienhäuser.

Normalerweise kommen sie während der Sommerferien im Juli und August. „Aber jetzt sehen wir plötzlich Leute, die sich seit Jahren nicht mehr blicken ließen“, berichtet Evanthia Papadatou von der Insel Kefalonia. Gleich vier Athener sind diese Woche in ihrem Dorf Svoronata aufgetaucht. „Zum Ausspannen“, wie sie der Rentnerin sagten. Aber bringen sie womöglich die Epidemie mit?

Auch Leftheris Karaiskos, Bürgermeister der kleinen Inselgemeinde Amorgos, ist besorgt. „In den vergangenen Tagen sind immer mehr Besucher vom Festland gekommen“, berichtet Karaiskos. Er hofft, dass alle gesund bleiben. „Denn auf unserer Insel haben wir keine Möglichkeit, schwere Erkrankungen zu behandeln“, sagt der Bürgermeister.

Praxen mit rudimentärer Ausstattung

Tatsächlich gibt es auf den kleineren Inseln oft nur eine Arztpraxis oder ein Gesundheitszentrum mit rudimentärer Ausstattung. Wer auf diesen Inseln ernsthaft erkrankt, muss zum Festland geflogen werden.

Größere Inseln wie Rhodos, Kreta oder Korfu haben zwar moderne Kliniken mit Intensivstationen und Beatmungsgeräten. Aber auch dort wäre man bei einer Epidemie schnell überfordert. Zumal auf den Inseln überdurchschnittlich viele ältere Menschen leben, die jetzt besonders gefährdet sind.

Kommunalpolitiker der Inselregionen appellieren deshalb seit Tagen an die Regierung, den Besucherstrom zu stoppen. Am Freitag reagierte der für die Handelsschifffahrt zuständige Marineminister Giannis Plakiotakis.

Ab Samstagmorgen 6 Uhr dürfen nur noch ständige Inselbewohner die Fähren benutzen sowie Besucher, die von den Inseln aufs Festland zurückkehren. Ausgenommen von den Beschränkungen sind Lastwagenfahrer, die Versorgungsgüter auf die Inseln bringen.

Die Zahl der Passagiere auf den Fähren wird außerdem drastisch eingeschränkt: Je zehn Quadratmeter Fläche in den Aufenthaltsräumen der Schiffe darf nur noch ein Fahrgast an Bord. „Wir schützen mit diesen Maßnahmen unsere Mitbürger auf den Inseln“, erklärt der Marineminister. Den Inselbewohnern rät er Minister, „nur in ganz dringenden Notfällen“ Schiffsreisen anzutreten. Plakiotis appelliert: „Wir zeigen soziales Verantwortungsbewusstsein, wir bleiben zu Hause!“

Spanische Inseln riegeln sich ab

Die spanischen Inseln haben sich bereits abgeriegelt: Kanaren und Balearen blockieren seit dem vergangenen Donnerstag Ein- und Ausreisen und haben dafür ihre Häfen und Flughäfen größtenteils geschlossen. Ausnahmen gibt es nur für Insulaner, die nachhause zurückkehren wollen oder für Touristen, die die Inseln verlassen möchten. Gütertransporte sind von der Regelung ausgenommen.

Die Inseln selbst wollen sich damit vor importierten Infektionen schützen. Die Ausreisesperre wiederum soll verhindern, dass Infizierte das Virus von der Insel in andere Landesteile tragen. In ganz Spanien gilt seit der Nacht zum vergangenen Sonntag eine Ausgangssperre. Das Land ist nach Italien am stärksten betroffen in Europa.

Mitarbeit: Sandra Louven