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Auto, Energie und Chemie: Was der Green Deal für Deutschlands wichtigste Branchen bedeutet

Von der Leyens Green Deal ist ein Billionen-Vorhaben für Europa. Viele Branchen stehen in Deutschland vor großen Herausforderungen – der Druck wächst. Ein Überblick.

De deutsche Autoindustrie wird sich besonders schwer tun, die neuen Klimaziele zu erreichen. Foto: dpa

Der Green Deal soll laut EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Europas neue Wachstumsstrategie sein und die Art und Weise ändern, wie die Europäer wirtschaften und konsumieren. „Es wird nicht leicht werden und wir haben noch nicht alle Antworten“, kündigte die CDU-Politikern bereits an.

Die am Mittwoch vorgestellten Green-Deal-Pläne reichen beispielsweise von dem Ausbau Erneuerbarer Energien, möglicher strengerer CO2- und Abgasgrenzwerte für Autobauer, der Förderung der Elektromobilität, einer Ausweitung des Europäischem Emissionshandelssystems (ETS), einer CO2-Abgabe für Importe, dem Nullschadstoff-Ziel für die Industrie, einer neuen Kreislaufwirtschaft bis hin zu Aufforstung und einer grüneren Landwirtschaft.

Es sind die Puzzleteile für das große Ganze: Klimaneutralität bis 2050 und eine Verschärfung des Ziels für das Jahr 2030 auf eine Reduktion von 50 bis 55 Prozent der Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 1990. Bislang hatte das EU-Ziel bei 40 Prozent Reduktion bis 2030 sowie bei 80 bis 95 Prozent bis 2050 gelegen.

Die nötigen Investitionen dafür werden in den mehrstelligen Billionen-Bereich gehen. Lesen Sie nachfolgend, was dies für einzelne Branchen bedeutet:

Automobilindustrie

Die deutschen Autobauer und Zulieferer bekennen sich zwar unisono zu den Pariser Klimazielen, der Green Deal der EU-Kommission bereitet ihnen aber Sorgen. Die Branche fürchtet, Brüssel könnte im Rahmen des neuen Klimapakets abermals die Verbrauchs- und Umweltvorgaben für Pkw und Nutzfahrzeuge verschärfen.

Die Kommission hat angekündigt, sich die Vorgaben im Rahmen des Green Deals noch einmal anzusehen. Bernhard Mattes, scheidender Präsident des Verbands der deutschen Automobilindustrie (VDA) warnt: „Der European Green Deal darf nicht zum Hebel für noch schärfere CO2-Ziele 2030 werden.“

Der oberste Autolobbyist hierzulande verweist darauf, dass erst vor einem Jahr neue Vorgaben beschlossen wurden. Demnach müssen die Hersteller ab 2020 den Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) in ihren Flotten im Schnitt auf 95 Gramm drücken, andernfalls riskieren sie hohe Strafzahlungen.

Aktuell klafft aber noch eine große Lücke in den Umweltbilanzen der Konzerne. In Deutschland lag der CO2-Flottenausstoß der Branche im November noch bei mehr als 155 Gramm.

Nur durch einen deutlich höheren Absatz an Plug-in-Hybriden und reinen Elektrofahrzeugen lassen sich die Ziele einhalten, selbst Schwergewichte wie Daimler drohen an der Hürde zumindest im ersten Anlauf zu scheitern. Dass die Kommission angekündigt hat, die CO2-Flottengrenzwerte im Sommer 2021 erneut prüfen zu wollen, missfällt der Branche.

„Damit besteht die Gefahr, dass diese weltweit schärfsten Flottengrenzwerte ein weiteres Mal verschärft werden könnten“, rügt VDA-Präsident Mattes. Die Politik müsse sich bewusst sein, dass bereits die bestehende Pläne, den CO2-Ausstoß bis 2030 um 37,5 Prozent zu reduzieren, für die Industrie „sehr kritisch sind“, konstatierte Mattes.

Seine Branche befinde sich in einem Transformationsprozess, der Konzerne wie Beschäftigte vor nie dagewesene Herausforderungen stelle. Mattes fordert stellvertretend für die deutsche Autoindustrie Planungssicherheit statt stetig neuer Vorgaben.

Energiebranche

Während die Automobilbranche meckert, dürften bei einigen Unternehmen der Energieindustrie die Korken knallen. Für die New Player der Branche sind die Ankündigungen der neuen EU-Kommissionspräsidentin eine große Freude.

Denn wenn die Mitgliedsstaaten bis 2050 wirklich klimaneutral werden wollen, verheißt das schon jetzt einen Boom für Windräder, Solaranlagen, Bioenergie und Zukunftstechnologien wie Power-To-X, also die Herstellung von grünem Wasserstoff. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) rechnet mit „enormer Unterstützung“ für die Green-Tech-Industrie.

Im kommenden Jahr strebt die EU-Kommission außerdem eine „Offshore-Initiative“ an, um mehr Windkrafträder in europäischen Küstengebieten zu errichten. Andreas Kuhlmann, Chef der deutschen Energieagentur (dena) nannte von der Leyens Ankündigungen gar „historisch“.

Bei den Vertretern der „alten“ Energiewelt – sprich Kohle, Öl und Gas – fällt die Reaktion über den European Green Deal dagegen naturgemäß verhalten aus. Während die deutsche Kohleindustrie schon lange vor der europäischen abdankt, stellte Kerstin Andreae als Vorsitzende der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) schon einmal klar, dass Strom aus erneuerbaren Quellen „nicht die einzige Option ist“, um den CO2-Ausstoß im Wärme- und Verkehrssektor zu reduzieren.

Die Verbandschefin plädierte vor allem für eine besondere Rolle im Umgang mit Erdgas. „Durch eine intelligente Sektorkopplung kann Erdgas langfristig durch dekarbonisiertes und grünes Gas substituiert werden“, sagt Andreae. „Bei allen geplanten Maßnahmen müssen die Kriterien einer jederzeit sicheren Energieversorgung und die Bezahlbarkeit für die Verbraucher ebenfalls im Mittelpunkt stehen.“

Strittig ist nun noch der Punkt der Atomenergie. Einige EU-Staaten bezweifeln, dass sich das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 ganz ohne Atomstrom realisieren lässt. Während die Energieform in Deutschland verschrien ist, wird sie in vielen anderen Ländern der Welt als erneuerbare Energie gesehen.

Chemie

Auch die deutsche Chemieindustrie unterstützt den Plan, im Jahr 2050 Treibhausgas-Neutralität zu erreichen. Sie stellt im Gegenzug aber einige politische Forderungen, die sie für das Erreichen dieses Ziels für notwendig hält.

„Der Green Deal kann funktionieren, wenn Brüssel die Industrie als Partner und Lösungsanbieter für die großen Herausforderungen mit ins Boot holt. Kommt stattdessen nur eine Flutwelle neuer Regulierungen, geht es schief“, sagt Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie VCI.

Viele Chemiekonzerne haben sich ohnehin bereits eigene ambitionierte Ziele gesetzt: So will die Bayer schon im Jahr 2030 zum klimaneutralen Unternehmen werden, der Kölner Chemiekonzern Lanxess will dies 2040 erreichen. BASF will bis 2030 zumindest klimaneutral wachsen.

Rein technisch wäre es möglich, die gesamte deutsche Chemieindustrie bis 2050 klimaneutral zu machen. Allerdings müssen die Firmen dazu Milliardenbeträge etwa in neue Verfahrenstechnologie investieren.

Wichtigster Hebel aber sind die Energiekosten: Bisher laufen die meisten Großanlagen in der Chemie mit Öl und Gas. Eine Umstellung auf erneuerbare Energie wäre machbar, doch dafür braucht die Industrie große, und vor allem stabil lieferbare Mengen an grünem Strom zu niedrigen Preisen.

Aber nicht nur preiswerten Strom fordert die Industrie von der Politik: Die Chemieindustrie versteht sich als Teil der Lösung beim Abbau von Emissionen, etwa durch innovative Produkte. Deswegen stemmt sich die Branche gegen zusätzliche Regulierungen auf EU-Ebene und fordert die Berücksichtigung des Innovationsprinzips für den Green Deal.

Der besagt, dass politische Entscheidungen nicht nur auf Risiko- und Vorsorge-Prinzipien beruhen sollten. Sie müsse auch an den Chancen gemessen werden, die sich durch neue Technologie ergibt. Die EU-Kommission steht diesem Innovationsprinzip positiv gegenüber, wie interne Präsentationen zeigen.

Wichtiges Element im Green Deal der EU-Kommission ist die Förderung der Kreislaufwirtschaft: Wertvolle Stoffe sollen nicht auf dem Müll landen oder in die Luft geblasen, sondern wiederverwertet werden. Das gilt für Kunststoffe ebenso wie für Kohlendioxid – aus dem in dem Gas enthaltene Kohlenstoff können neue Chemikalien entstehen.

Auch damit rennt die Kommission bei der Chemie praktisch offene Türen ein: Denn dort ist der Umstieg auf eine Kreislaufwirtschaft schon länger eines der Hauptthemen. Chemiefirmen wie Covestro arbeiten mit Hochdruck an der Wiederverwertung von CO2. Ob und wann eine solche Technologie aber im großen industriellen Maßstab eingesetzt werden kann, ist offen.

Schiffsverkehr

Auf Deutschlands Reeder werden durch den Green Deal neue Kosten zukommen: Das ETS soll auf die Schifffahrt ausgeweitet werden, sodass die Branche zukünftig für ihren CO2-Ausstoß bezahlen muss.

Dementsprechend sehen sie reichlich Diskussionsbedarf. „Ein auf Europa limitierter Emissionshandel für die Schifffahrt bewirkt erst einmal nur, dass dort regional Emissionen teurer werden“, warnt Ralf Nagel, Geschäftsführendes Präsidiumsmitglied beim Verband Deutscher Reeder (VDR) in Hamburg.

Er drängt deshalb die EU-Kommission, ihr Programm weltweit durchzusetzen, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden. Auf globaler Ebene hat die International Maritime Organization (IMO) bislang lediglich das Ziel vorgegeben, bis 2050 den CO2-Ausstoß der Seeflotte zu halbieren, während die EU bis dahin eine Klimaneutralität vorgeben will.

Ungelöst bleibt jedoch weiterhin das Problem eines dafür geeigneten Treibstoffs. Der Ersatz von Schiffsdiesel durch Flüssiggas (LNG) verringert den CO2-Ausstoß lediglich um 25 Prozent – und ist zum Erreichen der Klimaziele deshalb langfristig ungeeignet.

Schlimmer noch: Die ab 2020 vorgeschriebenen Abgaswäscher („Scrubber“) auf den Schiffen sorgen zwar dafür, dass weniger Schwefeloxid in die Luft gepustet wird, weil sie den Treibstoffverbrauch aber um etwa zehn Prozent erhöhen, vergrößert dies sogar die CO2-Emission. „Wir brauchen schlicht einen neuen Brennstoff“, sagt ein VDR-Sprecher.

Landwirtschaft

Die Bauern gehören zu den Hauptleidtragenden des Klimawandels. Durch die Dürren fallen viele Ernten magerer aus.

Der Green Deal erhöht nun den Druck auf ökologische Reformen in der Landwirtschaft noch einmal extrem. Seit Monaten demonstrieren die deutschen Bauern bereits mit ihren Traktoren lautstark gegen das geplante „Agrarpaket“ der Bundesregierung.

Dabei soll der Einsatz von Unkraut- und Schädlingsgiften stark eingeschränkt werden – unter anderem, um Insekten zu schützen. Die Bauern fühlen sich vom Reformtempo überrollt und befürchten geringere Ernten und Einnahmen.

Brüssel will nun die „grüne Landwirtschaft“ noch stärker in den Mittelpunkt rücken, um die Biodiversität zu sichern. Der Einsatz von Pestiziden, Antibiotika und Düngemitteln soll erheblich gesenkt werden.

Damit kommen große Umstellungen und Investitionen auf die Mehrheit der Bauern zu. Denn 2018 betrieben erst 11,7 Prozent der deutschen Agrarbetriebe ökologischen Landbau.

„Der Green Deal muss auch für Bauern eine wirtschaftliche Perspektive bieten“, fordert der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied. Er warnt vor neuen Regulierungen und Auflagen.

Der hohe umweltpolitische Anspruch der EU-Kommission sei nicht im Rahmen der bestehenden EU-Agrarförderung zu erfüllen, betont er. Ackerbaubetreibe können ihre starken dürrebedingten Ernteeinbußen derzeit nur zum Teil durch die deutlich gestiegenen Erzeugerpreise ausgleichen.

Deutsche Bauern wollen durch den Green Deal weltweit nicht noch mehr ins Hintertreffen geraten. Deshalb müssten die geforderten höheren Umwelt- und Sozialstandards der EU auch für Agrarimporte gelten, so Rukwied.

Gleichzeitig warnte er vor nationalen Alleingängen in der EU und voreiligen Verboten: „Die europäischen Bauern müssen weiter Pflanzenschutzmittel nutzen können, deren Zulassung auf wissenschaftlicher Basis erfolgt. So wird der Schutz unserer Ernten genauso berücksichtigt wie der Schutz unserer Umwelt.“