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Gratis-Nahverkehr macht die Luft nicht sauberer – Andere Schritte versprechen mehr Erfolg

Delhaes, Daniel
·Lesedauer: 6 Min.

Der Bund versucht seit 2019, den Schadstoffausstoß in den Städten zu reduzieren. Die Luft ist nun tatsächlich besser – aber nicht wegen Projekten wie kostenlosem Nahverkehr.

Die Ruhrmetropole hat mit Förderung vom Bund mehr Busse und Bahnen auf stark genutzten Strecken eingesetzt und zudem 13 Kilometer Fahrradstraßen gebaut. Foto: dpa
Die Ruhrmetropole hat mit Förderung vom Bund mehr Busse und Bahnen auf stark genutzten Strecken eingesetzt und zudem 13 Kilometer Fahrradstraßen gebaut. Foto: dpa

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Es war ein Versprechen, das mancher Bürgermeister als Karnevalsscherz verstand: Während vor drei Jahren in der Republik die Rosenmontagszüge durch die Straßen zogen, sicherte die Bundesregierung der EU-Kommission zu, in fünf Modellstädten kostenlosen Nahverkehr einzuführen. Bonn, Essen, Herrenberg, Mannheim und Reutlingen sollten Autofahrer zum Umsteigen auf Bus und Bahn animieren, die Luft sollte sauberer werden, und Strafen aus Brüssel oder Fahrverbote wären überflüssig.

Drei Jahre lang hat der Bund die Modellstädte und ihre Projekte mit 131 Millionen Euro unterstützt, damit der Grenzwert von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid (NO2) endlich eingehalten wird. Tatsächlich kann sich das Ergebnis sehen lassen, nicht nur in Essen oder Mannheim, sondern bundesweit. Doch hat dies nichts mit der Idee des kostenlosen Nahverkehrs zu tun.

Im vergangenen Jahr haben „voraussichtlich weniger als zehn Städte“ die Grenzwerte überschritten, wie das Umweltbundesamt auf Nachfrage erklärte. Dazu gehören etwa Hamburg, München und Stuttgart. „Die NO2-Konzentrationen zeigen weiterhin einen Rückgang, der gegenüber 2019 noch einmal etwas deutlicher ausfällt“, erklärte eine Sprecherin. 2019 lagen noch 25 Städte über dem Grenzwert. Im Jahr 2018 sogar 57.

Die genauen Ergebnisse zur besseren Luftqualität wird das Amt am 16. Februar präsentieren. Die Behörde erläutert dann zudem, welche Rolle die Pandemie dabei gespielt hat.

Gründe für den positiven Trend gibt es viele. So erklärt etwa das Landesumweltamt im Autoland Baden-Württemberg, in dem drei der fünf Modellstädte liegen, dass neue Autos emissionsärmer als alte seien und ebenso die Software-Updates bei Dieselfahrzeugen dafür sorgten, die Stickoxide zu reduzieren. Hinzu kämen „weitere Maßnahmen“.

Der kostenlose Nahverkehr indes spielt keine Rolle. Schon 2018 hatten sich die Kommunen umgehend dagegen verwahrt. Der Verband der Verkehrsunternehmen rechnete damals vor, dass dafür bundesweit zwölf Milliarden Euro fehlen würden. Was blieb, war die Idee, zumindest den Nahverkehr für einen Euro am Tag anzubieten, als 365-Euro-Ticket wie in Wien. Das Handelsblatt hat bei den Modellstädten nachgefragt, was daraus geworden ist.

Bonn und Reutlingen probierten das 365-Euro-Ticket aus

Bonn: In der Bundesstadt war die Jahreskarte durch das 365-Euro-Ticket 60 Prozent preiswerter als regulär im Verkehrsverbund der Region. Kaufen durfte es allerdings nur, wer Einwohner von Bonn war und auch nur jene, die nicht schon ein Abo besaßen. Ansonsten hätten die anderen Verkehrsbetriebe im Verbund ebenfalls Einnahmen verloren. 8438 der 330.000 Bürger nutzten das Angebot in den zwei Jahren der Förderung.

„Auch wenn die Fördermittel noch für mehr Tickets gereicht hätten: Die Maßnahme wertet die Stadt Bonn als Erfolg“, erklärt eine Sprecherin der Stadt. Bonn setzt sich nun für eine „grundsätzliche Tarifstrukturreform“ ein. Der Verkehrsverbund hat Anfang des Jahres die Tarife allerdings erst einmal erhöht.

Reutlingen: Die frühere Reichsstadt im Herzen Baden-Württembergs testet für ihre 115.000 Einwohner das 365-Euro-Ticket. Circa 2600 Jahrestickets mehr als zuvor wurden 2019 verkauft, davon circa 1500 an Neukunden. Auch die Tagestickets und die Schülermonatskarte verbilligte die Stadt und lockte so nach eigenen Angaben 89 Prozent mehr Erwachsene und 131 Prozent mehr Kinder in die Busse.

Ob es bei den günstigen Tickets bleibt? Dies werde „maßgeblich von der Haushaltslage abhängen, die in Reutlingen, wie auch in anderen Städten, angespannt ist“, erklärte die Erste Bürgermeisterin und Leiterin des Baudezernats, Ulrike Hotz. Die Stadt müsste künftig 1,2 Millionen im Jahr zahlen anstatt derzeit 60.000 Euro. Ein kostenloser Nahverkehr hätte die Stadt nach eigenen Angaben sogar 15 Millionen Euro gekostet.

Mannheim, Essen und Herrenberg gingen andere Wege

Mannheim: Die zweitgrößte Stadt Baden-Württembergs hielt einen nahezu kostenlosen Nahverkehr „nicht für zielgerichtet“ und hat lieber über reduzierte Jobtickets und Digitaltarife versucht, „Zielgruppen direkt anzusprechen, die bisher kaum den ÖPNV nutzen“. In der 320.000-Einwohner-Metropole seien mehr als 100 Unternehmen „neu gebunden, die ihren Mitarbeitenden nun ein Jobticket anbieten“, hieß es in der Stadtverwaltung. Wie viele Beschäftigte tatsächlich ein Jobticket nutzen, teilte die Stadt nicht mit.

Angesichts der hohen Kosten wurden Tarifrabatte bereits im März 2020 eingestellt. Wichtiger seien „langjährige Investitionen in den Ausbau des ÖPNV-Netzes“, hieß es. Auch hat die Stadt sogenannte Micro-Hubs gefördert, sodass Paketzusteller mit Lastenrädern die Innenstadt beliefern. Die Anbieter finanzieren das Projekt nun in Eigenregie, da es erst Ende des vergangenen Jahres startete. 31 Millionen Euro standen der Modellstadt insgesamt vom Bund für die Projekte zur Verfügung.

Essen: Auch die Ruhrmetropole mit mehr als 500.000 Einwohnern hat mit den Bundesmitteln lieber mehr Busse und Bahnen auf stark genutzten Strecken eingesetzt und zudem 13 Kilometer Fahrradstraßen gebaut. Hinzu kommen Marketingaktionen mit Sonderangeboten etwa bei Firmentickets im Nahverkehr.

Herrenberg: Die mittelalterliche Stadt mit ihren 33.000 Einwohnern hat einen neuen Citybus ins Leben gerufen und subventioniert Einzel- und Monatstickets im Stadtgebiet. Mit den 4,3 Millionen Euro vom Bund hat die Stadt vor allem versucht, den Verkehr digital besser zu lenken, Ampeln und Verkehrsangebote zu vernetzen. Dafür diente auch eine Mobilitäts-App.

Viele andere Maßnahmen für saubere Luft in der Stadt

Die Kommunen sind sich einig, dass der Preis allein nicht darüber entscheidet, wie sich Menschen fortbewegen. Vor allem das Angebot muss stimmen. Das gilt übrigens auch für Bonn und Reutlingen mit ihren 365-Euro-Tickets: Bonn lässt Busse und Straßenbahnen öfter fahren und hält daran auch ohne Bundesförderung noch bis Ende des Jahres fest.

Reutlingen hat sogar mit Bundesmitteln ein gänzlich neues Stadtbusnetz aufgebaut, das zehn neue Buslinien und 100 Haltestellen umfasst. Dazu gehören auch sogenannte Tangentiallinien, die die Hauptachsen verbinden und so lästige Umwege ersparen.

Für bessere Luft sorgte in Reutlingen auch ein Lkw-Durchfahrverbot, Tempolimits auf belasteten Straßen und sogar eine „temporäre verkehrsmengenabhängige Fahrspurreduzierung“. Sprich: Steigen die Emissionswerte zu stark, sperrt die Stadt eine Fahrspur. Damit „können die NO2-Emissionen kurz- und mittelfristig gesenkt werden“, resümiert die Baubürgermeisterin.

Reutlingen erhält noch für zahlreiche andere Maßnahmen Landesmittel und will bis 2040 klimaneutral sein. Wie Reutlingen haben alle Städte in Deutschland umfangreiche Luftreinhaltepläne erstellt, die in der Regel mehr als 100 Einzelmaßnahmen umfassen und die meist die Länder kofinanzieren.

Wegen der drohenden Fahrverbote hatte auch der Bund 2018 nach mehreren Diesel-Gipfeltreffen im Kanzleramt 1,5 Milliarden Euro bereitgestellt. Mit dem Geld konnten bundesweit Nahverkehrsbetriebe neue Busse kaufen, Kommunen Elektroladesäulen aufbauen oder städtische Fahrzeuge und Busse umrüsten oder gleich neu kaufen. Auch konnten die Städte Verkehrssysteme digitalisieren.

Zudem fördert der Bund Kooperationsprojekte mit Arbeitgebern. So sollen Unternehmer ihre Beschäftigten zu einem anderen Mobilitätsverhalten bewegen und Arbeit so verteilen, dass nicht alle zur Hauptverkehrszeit unterwegs sind.

Bonn etwa will sein Projekt „Jobwärts“ mindestens bis Ende 2022 fortsetzen und aus eigenen Mitteln finanzieren. Daran nehmen öffentliche Arbeitgeber, Institutionen sowie die Konzerne Deutsche Telekom und Deutsche Post teil, an denen der Staat beteiligt ist. Auch Reutlingen setzt auf das sogenannte betriebliche Mobilitätsmanagement.