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90 Gebiete geologisch geeignet als Atomendlager - Gorleben vom Tisch

·Lesedauer: 10 Min.

2022 geht das letzte deutsche Atomkraftwerk vom Netz. Der Müll aber bleibt, nur wohin damit? Einem Bericht zufolge kommen dafür viele Gebiete in Deutschland in Frage - ganz generell. Der politische Streit geht wieder los.

Große Teile Deutschlands sind für ein Atomendlager nach geologischen Kriterien grundsätzlich geeignet - der lange heftig umkämpfte Salzstock Gorleben aber ist nicht darunter.

Insgesamt weisen nach Erkenntnissen der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) 90 Gebiete günstige geologische Voraussetzungen auf. Die Suche fängt aber nun erst richtig an, es gibt keine Vorentscheidung für einen Standort. In der nächsten Phase sollen die Gebiete eingegrenzt werden. Nach der Vorlage des Zwischenberichts am Montag ging der politische Streit los. Kritik kam vor allem aus Bayern.

Etwa die Hälfte des Landes kommt in Frage

Nach dem Bericht ist ein Anteil von 54 Prozent der Landesfläche als Teilgebiet ausgewiesen. Darin ist die Überlagerung einiger Gebiete berücksichtigt. Teilgebiete sind laut BGE Gebiete, die eine günstige geologische Gesamtsituation für die Lagerung hochradioaktiver Abfälle erwarten lassen. Die Teilgebiete verteilen sich auf alle Bundesländer mit Ausnahme des Saarlands. Sie liegen vor allem in Bayern, Niedersachsen, Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Auch in den Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin sind Teilgebiete ausgewiesen.

Dem Zwischenbericht zufolge gibt es sehr kleine Teilgebiete, beispielsweise Salzstöcke - aber auch sehr große Teilgebiete, etwa große Tonformationen. Diese könne sich über mehrere Landkreise oder auch Bundesländergrenzen hinweg erstrecken.

Stefan Studt (r.), BGE-Vorsitzender und Steffen Kanitz, Mitglied der Geschäftsführung der BGE, zeigen eine Landkarte mit Teilgebieten für die Endlagersuche (Bild: dpa)
Stefan Studt (r.), BGE-Vorsitzender und Steffen Kanitz, Mitglied der Geschäftsführung der BGE, zeigen eine Landkarte mit Teilgebieten für die Endlagersuche (Bild: dpa)

Faktoren wie etwa die Bevölkerungsdichte wurden in der ersten Phase der Endlagersuche noch nicht beachtet - das erfolgt in weiteren Schritten. Gesucht wird der beste Ort, um hochradioaktiven Atommüll eine Million Jahre lang möglichst sicher zu lagern. Das Endlager soll unterirdisch in Salz, Ton oder Kristallin, also vor allem Granit, entstehen. 2031 soll der Standort gefunden sein, ab 2050 sollen Behälter mit strahlendem Abfall unterirdisch eingelagert werden.

Nach Ansicht der BGE erlaubt die Geologie in Deutschland in jedem Fall den Bau eines Endlagers. “Die Geologie ist von Nord bis Süd und Ost bis West so günstig, dass sich ein Standort wird ermitteln lassen”, sagte BGE-Geschäftsführer Stefan Studt am Montag in Berlin. Die nun ausgewählten Regionen seien aber noch lange kein Endlagerstandort.

Langjähriger Kandidat Gorleben ist vom Tisch

Aus dem Rennen ist der Salzstock Gorleben in Niedersachsen. Gorleben war zu einem Symbol der Anti-Atomkraft-Bewegung geworden. Nach langem Ärger um Gorleben war die Endlager-Suche komplett neu gestartet worden, das Gesetz dazu gibt es seit 2013.

Der Salzstock ist aufgrund von geologischen Mängeln aus dem Suchverfahren ausgeschlossen. “Gorleben ist nicht der bestmögliche Standort”, sagte BGE-Geschäftsführer Steffen Kanitz. Unter anderem weise der Salzstock ein nicht intaktes Deckgebirge vor, auch die Gewässerchemie spreche gegen den Standort. Allerdings gehört Gorleben zu einem großen Tongestein-Gebiet, das generell geeignet erscheint für ein Endlager.

Politiker von Grünen, Linke und SPD bewerteten das Aus für den Salzstock Gorleben als Atomendlager als Erfolg für die Anti-Atomkraft-Bewegung. Dagegen kritisierte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), dass der Salzstock aus dem Verfahren herausgenommen wurde.

Polizisten lösen vor der Ankunft eines Castor-Transports einen angeketteten Atomgegner vom Gleis (Bild: Reuters/Kai Pfaffenbach)
Polizisten lösen vor der Ankunft eines Castor-Transports einen angeketteten Atomgegner vom Gleis (Bild: Reuters/Kai Pfaffenbach)

Der Zwischenbericht stieß bei Söder auf große Skepsis. Von Bayern gebe es im Verfahren jetzt “keine Totalblockade”, der Freistaat werde das Verfahren aber “sehr konstruktiv und kritisch begleiten”, sagte er in München. Söder betonte, die Vorgabe, ein Endlager für eine Million Jahre sicherstellen zu können, erlaube keine Alternative zu geologischen Barrieren. Dies sei für den zerklüfteten Granit in Bayern etwa nicht ohne technische Maßnahmen machbar. Söder kritisierte ausdrücklich, dass der Salzstock Gorleben aus dem Verfahren herausgenommen wurde.

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung wies Kritik aus Bayern zurück. “Wir arbeiten rein wissenschaftlich”, sagte Studt. Dass Bayern die Auswahl von zerklüftetem Granitgestein nun kritisiere, sei überraschend, immerhin habe auch Bayern dem bundesweiten Suchverfahren zugestimmt.

Weil: Keine Extrawurst für Bayern

Auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hat die bayerische Kritik am Verfahren zurückgewiesen. “Es gibt in diesem Auswahlverfahren keine Extrawürste für niemanden”, sagte Weil am in Hannover. “Voraussetzung für das Gelingen dieses Prozesses ist, dass sich alle an die Regeln halten und kein Land meint, es könnte sich aus dieser Diskussion herausstehlen.” Die niedersächsische Landesregierung werde den weiteren Auswahlprozess sehr eng und kritisch, aber auch konstruktiv begleiten.

Das Ausscheiden von Gorleben aus dem Auswahlverfahren habe bei vielen Menschen in der Region und darüber hinaus große Erleichterung ausgelöst, sagte Weil. “Gorleben war das Symbol für eine Atompolitik, die existenzielle Entscheidungen ohne fachliche Expertise im Hinterzimmer ausgekungelt hat.” Nun sei offiziell bestätigt worden, dass schon die geologischen Voraussetzungen für ein atomares Endlager in Gorleben nie vorgelegen hätten. “Das zeigt die fatalen Fehler, die viele Jahrzehnte lang gemacht worden sind”, so Weil. “Gorleben war auch ein Symbol für jahrzehntelangen Widerstand gegen eine willkürliche Atompolitik mit Scheuklappen und Ignoranz gegenüber Risiken und Nebenwirkungen.”

Castorbehälter in Gorleben (Bild: Reuters/Christian Charisius)
Castorbehälter in Gorleben (Bild: Reuters/Christian Charisius)

Da es in Niedersachsen prinzipiell geeignete geologische Strukturen für ein Endlager gebe, sei es nach wie vor möglich, dass eines Tages ein Atomendlager in Niedersachsen entstehen könnte. “Sollte wider Erwarten der bestgeeignetste Standort in Niedersachsen liegen, würden wir dieses Ergebnis akzeptieren, das erwarte ich aber auch von allen anderen Ländern.”

Die BGE will in der nächsten Phase im Rahmen einer übertägigen Erkundung Standorte ermitteln, die sie dann zur untertägigen Erkundung vorschlägt. Dies kann Jahre dauern. Nach Abschluss der untertägigen Erkundung wird für 2031 ein Vorschlag für einen Standort angestrebt. Entscheiden muss am Ende der Bundestag.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) bezeichnete die Suche nach einem Endlager als gesamtgesellschaftliche Aufgabe: “Von allen Politikerinnen und Politikern erwarte ich, jetzt zur gemeinsamen Verantwortung zu stehen und dem Verfahren Rückhalt zu geben.”

Hintergrund: Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Endlagersuche

Warum wird überhaupt ein Endlager gesucht?

Spätestens Ende 2022 geht in Deutschland der letzte Atomreaktor vom Netz. Was übrig bleibt, sind unter anderem hochgefährliche Abfälle, die noch viele tausend Jahre strahlen - und zwar etwa 1900 Behälter oder 27.000 Kubikmeter. Wo dieser Müll hin soll, ist offen. Es braucht ein Endlager, und es soll in Deutschland unterirdisch entstehen, 500 Jahre lang soll der Atommüll wieder geborgen werden können, falls das notwendig oder sinnvoll ist. Weltweit suchen viele Länder nach Standorten und verfolgen Endlager-Projekte, fertig ist noch keines damit.

Wie läuft die Suche ab?

Der Zeitplan klingt großzügig, ist aber eng. 2031 soll der Standort gefunden sein und 2050 soll das Endlager in Betrieb gehen. Ausgehend von einer “weißen Landkarte”, auf der erst mal jeder Ort grundsätzlich in Frage kommt, wird nach und nach eingegrenzt. Es gibt Ausschlusskriterien, notwendige Bedingungen und Abwägungskriterien. So will man sich langsam ran tasten - wissenschaftsbasiert und transparent. Am Ende soll der Bundestag die endgültige Entscheidung für einen Standort treffen. Teilgebiete festzulegen ist der erste Schritt. Aus diesen werden Standortregionen ausgewählt. Sie werden übertägig erkundet, einige davon dann untertägig in Bergwerken.

Welche Regionen kommen in Frage, wie soll es da aussehen?

Wirtsgesteine können Salz, Ton und Kristallin wie etwa Granit sein. 300 Meter Gestein sollen es sein zwischen Erdoberfläche und Endlager. Gibt es da Bergwerke, Erdbeben-Risiken, vulkanische Aktivitäten, junges Grundwasser? Dann ist der Standort ungeeignet. Aber auch die Besiedlung und andere Kriterien an der Oberfläche spielen eine Rolle. In der ersten Phase wurden nur Daten ausgewertet, die man schon hat. In der zweiten Phase wird an möglichen Standorten dann auch gebohrt und gemessen - dabei werden weitere Regionen ausgeschlossen. In einer dritten Phase werden dann Erkundungsbergwerke gebaut, um noch gründlicher zu prüfen, welches der beste Ort sein könnte.

Was steht in dem Zwischenbericht?

Nach Erkenntnissen der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) weisen 90 Gebiete in Deutschland günstige geologische Voraussetzungen auf. Ein Anteil von 54 Prozent der Landesfläche ist als Teilgebiet ausgewiesen, darin ist die Überlagerung einiger Gebiete berücksichtigt. Teilgebiete sind laut BGE Gebiete, die eine günstige geologische Gesamtsituation für die Lagerung hoch radioaktiver Abfälle erwarten lassen. Die Teilgebiete verteilen sich auf alle Bundesländer mit Ausnahme des Saarlands. Laut Bericht gibt es sehr kleine Teilgebiete, beispielsweise Salzstöcke - aber auch sehr große Teilgebiete, etwa große Tonformationen. Diese können sich auch über Bundesländergrenzen hinweg erstrecken.

Die BGE ist operativ für die Suche verantwortlich. Das neue Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) hat die Aufsicht und ist dafür verantwortlich, dass es gesetzeskonform zugeht. Das Amt bindet auch die Öffentlichkeit ein. Die Oberaufsicht liegt beim Bundesumweltministerium.

Warum hat man mit der Suche noch mal von vorn angefangen?

In den 70er Jahren hatte die Politik die Entscheidung getroffen, im Salzstock Gorleben in Niedersachsen ein Endlager einzurichten. Wie es zu dieser Entscheidung kam, wurde nie so ganz geklärt. Sicher ist, dass die Anwohner - und nicht nur sie - sich jahrzehntelang wehrten. Gorleben wurde zu einem Symbol der Anti-Atomkraft-Bewegung, man denke etwa an die “Republik Freies Wendland”. Um diesen tiefen gesellschaftlichen Konflikt zu befrieden, wurde die Endlager-Suche neu gestartet, das Gesetz dazu gibt es seit 2013. Diesmal soll es streng wissenschaftlich und transparent zugehen. Die Bürger sollen genau wissen, warum welche Region am Ende ausgewählt wird.

Warum ist der Salzstock Gorleben raus?

Geologische Mängel haben den Salzstock Gorleben ausgeschlossen. Unter anderem weist der Salzstock ein nicht intaktes Deckgebirge vor, auch die Gewässerchemie spricht laut BGE-Zwischenbericht gegen den Standort. Die Entscheidung, Gorleben schon in einem frühen Stadium aus dem Suchverfahren zu nehmen, sei rein wissenschaftlich erfolgt, es habe keinen politischen Druck gegeben. Gorleben weise keine “günstige Gesamtsituation” auf.

Warum kommt Kritik vor allem aus Bayern?

Praktisch über Nacht wurden fast 42.000 Quadratkilometer des Freistaats zum zumindest geologisch geeigneten Standort eines Atommüllendlagers ausgewählt. Kein anderes Bundesland geht damit mit mehr Fläche in die weitere Endlagersuche. Obwohl man in Bayern durchaus wusste, dass die gesuchten Wirtsgesteine - Granit, Salz und Ton - auch hier vielerorts vorkommen, war sich die Staatsregierung immer sicher, dass die Geologie dennoch nicht ausreicht, um den strahlenden Müll für eine Million Jahre zu verstecken. Nachdem aber laut BGE auch eine Barriere aus Gestein und technischen Maßnahmen, also etwa Betonbunker, und spezielle Container, als ausreichend angesehen werden, sieht Bayern einen Grundsatz der Endlagersuche beschädigt. Hinzu kommt, dass CSU und Freie Wähler das Gefühl haben, das Verfahren sei nicht wissenschaftlich geführt, also fair, sondern politisch motiviert.

Können die Bürger diesmal mitreden?

Ja. Es wurde ein Nationales Begleitgremium eingesetzt, das den Behörden auf die Finger schaut - es darf auch Daten einsehen, die zunächst nicht veröffentlicht werden. Die Fachkonferenz Teilgebiete startet am 17./18. Oktober in Kassel. Bis Juni 2021 gibt es dann noch drei Beratungstermine. Sind die Standortregionen ausgewählt, gibt es dort Regionalkonferenzen, die etwa eine Überprüfung der bisherigen Such-Ergebnisse fordern können. Vertreter dieser Konferenzen bilden wiederum den Rat der Regionen. Klagen sind immer wieder möglich.

Was ist mit den Atommüll-Zwischenlagern?

An mehreren Orten in Deutschland lagern hoch radioaktive Abfälle in Zwischenlagern. Sie sind mit Sicherheitspersonal, Mauern und Stacheldraht gesichert - aber längst nicht so sicher wie das geplante Endlager in der Tiefe. Die Genehmigungen für diese Zwischenlager laufen ab der zweiten Hälfte der 2030er-Jahre aus. Das wird wegen des Neustarts der Endlager-Suche nicht ausreichen. Über Verlängerungen wird schon beraten. Zentrale Zwischenlager gibt es in Gorleben und Ahaus, dazu kommen zahlreiche dezentrale Zwischenlager an Atomkraftwerken sowie Lager in Jülich und Lubmin.