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„Die Gorillas und Zalandos werden uns nicht vor Autokraten schützen“

Ex-Soldat Florian Seibel gründete das Drohen-Startup Quantum-Systems 2015.
Ex-Soldat Florian Seibel gründete das Drohen-Startup Quantum-Systems 2015.

Während des Ukraine-Krieges beherrschen Fragen rund um Waffenlieferungen großer Rüstungskonzerne die öffentlichen Debatten. Nicht aber die Frage, welche Rolle Startups in der Verteidigung westlicher Werte einnehmen können. Und das nervt Florian Seibel, Gründer des Münchener Drohnen-Startups Quantum-Systems. Er sieht ein strukturelles Problem dahinter. „Es brauch in Deutschland mehr Investoren, die bereit sind, auch in Defense-Technologien zu investieren“, meint er im Gespräch.

Der VC-Szene wirft er Gier nach Milliarden-Bewertungen und Multiples in Sektoren vor, die Essen auf Rädern servieren, aber nicht zur Sicherheit eines Landes beitragen. „Was sind uns Gorillas und Zalandos wert, wenn wir im Krieg gegen Russland unterliegen?“, fragt er. Seiner Meinung nach gehören mehr Defense-Startups in die Portfolios renommierter VC-Firmen. Auch der Staat solle dem Gründer zufolge mehr in junge Firmen investieren, die innovative Sicherheitstechnologien entwickeln und bauen.

Der Staat weiß nicht, wie viele Aufträge sie an Startups vergibt

Zuvor eine kurze Erklärung: Defense-Startups sind Firmen, die Produkte und Lösungen entwickeln, die im Bereich der nationalen Verteidigung eingesetzt werden können. Dazu gehören beispielsweise Deep-Tech-, Weltraum- und Cyber-Startups. Jene Startups machten Medienberichten zufolge im Jahr 2020 Geschäfte mit dem US-Verteidigungsministerium im Wert von 445 Milliarden US-Dollar. Der Bund hingegen wisse nicht, wie viele Aufträge sie an Startups vergebe. Das ging aus eine Anfrage der FDP heraus, wie Business Insider im vergangenen Jahr herausfand.

Seibel, der selbst 16 Jahre bei der Bundeswehr war und sich unter anderem als Heeresflieger hat ausbilden lassen, wundert das nicht. „Es ist fast unmöglich, als Startup Geschäfte mit dem Bund zu machen.“ Er beschreibt die öffentlichen Vergabeverfahren als zu bürokratisch und zu langwierig. Amerika, England und Holland handhaben das deutlich schneller, meint der Gründer, der seine Fluggeräte längst in alle drei Länder liefere. Erst im März kaufte das US-Verteidigungsministerium Drohnen aus München im Wert von umgerechnet rund sieben Millionen Euro.

Oligarchen aus der Ukraine bestellen Quantum-Systems-Drohnen

Ukrainische Multimillionäre orderten im April ebenfalls einige Überwachungsdrohnen des Münchener Startups. Sie sollen der Ukraine im Krieg dabei helfen, großkalibrige Geschütze wie etwa Panzer in Gefechten besser steuern zu können. Die ersten Fluggeräte seien dem Gründer zufolge bereits in der ostukrainischen Stadt Dnipro im Einsatz.

Soldaten des ukrainischen Militärs mit der Drohne des Münchener Startups Quantum-Systems.
Soldaten des ukrainischen Militärs mit der Drohne des Münchener Startups Quantum-Systems.

Der Deal zwischen Quantum-Systems und den ukrainischen Oligarchen soll durch politische Kontakte zustande gekommen sein, wie Seibel erklärt. Demnach soll Reinhardt Brandl, CDU-Politiker und Mitglied des Deutschen Bundestages, sowie der ukrainische Konsul in München das Ganze eingefädelt haben.

Nach alledem zog das Verteidigungsministerium mit und bestellte vorherige Woche acht Drohnen bei dem Startup aus München.

Fluggeräte können auch in Krisengebieten eingesetzt werden

Die Hightech-Drohnen von Quantum-Systems sollen vielfältig einsetzbar sein und sowohl im zivilen als auch im militärischen Kontext verwendet werden können. In der Landschaft, im Bergbau oder in der Bauindustrie können sie eingesetzt werden, um beispielsweise Felder oder Grundstücke aus der Luft zu messen. Sie können aber auch als Überwachungsdrohne über Krisengebiete wie der Ukraine fliegen und Lagebilder erstellen, um rechtzeitig neue Gefahren wie heranrückende Panzer zu identifizieren.

Das Besondere an der Drohne ist, dass sie ein Mini-Hubschrauber und Mini-Flugzeug in einem ist. So soll sie senkrecht abheben können – und in der Luft seine Rotoren wie bei einem Propellerflugzeug nach vorne kippen können. Bis zu drei Stunden soll das Gerät mit seinen Flugträgern links und rechts in der Luft geräuschlos ausharren können. Das sei wichtig, denn in Krisengebieten will man schließlich nicht auffallen, erklärt Seibel.

Über einen Minicomputer lassen sich die Bilder der Drohne in Echtzeit und verschlüsselt übertragen. Und die Drohne lässt sich steuern. Die dafür notwendige Software habe Quantum-Systems selbst entwickelt.

Kostenpunkt pro Drohne: zwischen 150.000 und 180.000 Euro. Die Kosten variieren je nachdem, wie die Fluggeräte ausgestattet sind. Dabei spielt beispielsweise die Qualität der eingebauten Kamera eine Rolle. Oder ob die Drohne mit einem Laserpointer bestückt ist, um Stellen auf dem Boden markieren zu können.

Mit im Preis enthalten ist die Software und auch die Drohnen-Schulungen. Bei Militärkunden seien die Kurse umfangreicher, sodass extra Gebühren anfallen. In der Regel dauert das Training zwei Wochen. „In der Ukraine haben wir das auch an einem Tag durchgezogen“, erzählt Seibel. Ob Startup-Mitarbeiter dafür in die Ukraine gereist sind, will der Gründer nicht verraten.

WWF oder das Welternährungsprogramm sind auch Kunde

Im letzten Jahr habe Quantum-Systems dem Gründer zufolge einen Umsatz in Höhe von zehn Millionen Euro erwirtschaftet. Auch und mit überwiegend nicht-militärische Kunden wie der Natur- und Umweltschutzorganisation WWF oder dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen.

Das Startup mit Sitz im oberbayrischen Gilching wurde 2015 von Florian Seibel, Frank Thieser, Tobias Kloss und Armin Busse gegründet und zählt heute 120 Mitarbeiter. Das Gründerteam lernte sich an der Universität der Bundeswehr kennen. Mit der Idee, Aufklärungsdrohnen zu bauen, seien sie zu Beginn auf Ablehnung gestoßen. So sei ihnen ein Exist-Gründerstipendium verwehrt geblieben und auch Unterstützung seitens ihrer Universität habe gefehlt, erklärt Seibel. Die ersten Jahre habe sich Quantum-Systems unter anderem mit Aufträgen einer chinesischen Firma über Wasser gehalten.

Bekannte Szeneköpfe ernten Shitstorm für ein Investment in ein Militär-Startup

2021 erhielt das Münchener Startup Unterstützung von außen: Über 10x Group investierten die Szeneköpfe Felix Haas, Jan Becker, Andreas Etten und Robert Wuttke einen mittleren einstelligen Millionenbetrag in Quantum-Systems. Ebenfalls investiert ist laut dem Handelsregister das Rüstungsunternehmen ESG mit Sitz im bayrischen Fürstenfeldbruck. Die Elektronikfirma arbeitet eng mit der Bundeswehr zusammen.

Ein anderes Startup, das im Fokus prominenter Investoren steht, ist das Militär-Startup Helsing aus München. Im letzten Jahr erhielt die Software-Firma ein 100-Millionen-Euro-Investment vom Spotify-Gründer Daniel Elk. Das Programm des Startups soll dazu dienen, mit künstlicher Intelligenz militärische Aufklärung zu unterstützen, indem sie Daten von Sensoren an Panzern und Aufklärungsflugzeugen auswertet. Helsing gab bekannt, die Technologie nur an demokratische Staaten zu übergeben.

Dennoch erntete der Spotify-Gründer reichlich Kritik für sein Investment in das Militär-Startup. Künstler und Nutzer der Musikplattform gaben bekannt, aus Protest und unter dem Hashtag #BoycottSpotify ihre Spotify-Abos zu kündigen. Elk investierte nicht allein: Auch der Zalando-Gründer Robert Gentz und sein ehemaliger Co-Chef Rubin Ritter sowie der Flink- und Foodora-Gründer Julian Dames und Parity-Gründerin Jutta Steiner steckten Geld in Helsing.

Defense-Startups haben in Deutschland ein Image-Problem

Die Empörung über solche Partnerschaften stammt nicht von irgendwo. In Deutschland haben Startups, die Militärtechnologien entwickeln, ein Imageproblem, konstatiert Seibel. Anders als beispielsweise in den USA oder Israel, wo das Verhältnis zwischen der Zivilbevölkerung, dem Militär und Startups ein engeres ist. Besonders in Israel hat so gut wie jeder Gründer eine militärische Ausbildung mitgemacht.

Und Deutschland? „Steht blank da“, zitiert Seibel einen LinkedIn-Beitrag des Generalleutnant Alfons Mais und Inspekteur des deutschen Heeres. Währenddessen investiert das US-Verteidigungsministerium tatkräftig Millionen in Startups wie zuletzt in die Raketenfirma Space X von Elon Musk oder Peter Thiels Datenanalysefirma Palantir.

„Mich ärgert es dermaßen, dass wir unsere Sicherheit in den letzten Jahrzehnten so sehr vernachlässigt haben“, erzählt der Gründer. „Durch unser Zögern haben wir uns international ins totale abseits gestellt.“ Auch was die Entwicklung von Deep-Tech-Technologien angeht, meint er. „Gorillas und Zalandos werden uns nicht vor Autokraten schützen. Sicherheitstechnologien schon.“

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