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Wer bei Gorillas bestellt, betrügt sich selbst

·Lesedauer: 3 Min.
Gorillas fördert die Bewegungsarmut der Menschen und ist nicht mal ökologisch.
Gorillas fördert die Bewegungsarmut der Menschen und ist nicht mal ökologisch.

An Schnell-Lieferdiensten wie Gorillas, Flink oder Getir lässt sich viel aussetzen: Von prekären Arbeitsverhältnissen bis hin zu überzogenen Unternehmensbewertungen. Doch bei all dem Shitstorm, den die Unternehmen abbekommen, wird eine Sache gern übersehen: das scheinheilige Mindset der Kundinnen und Kunden. Wer sich jetzt ertappt oder vielleicht sogar ungerecht behandelt fühlt, möge sich mal zehn Minuten Gedanken machen – also nur so lange, bis der nächste Lieferant an der Haustür klingelt.

Ja, es ist bequem, online zu bestellen und nach Hause liefern zu lassen. Wer mag schon auf Amazon, Zalando und andere Lieferdienste verzichten? Sie sind zeitsparend, weil man nicht mehr ins Geschäft rennen und anstehen muss. Anfänglich haben sie uns ein schlechtes Gewissen beschert, weil der stationäre Einzelhandel das Nachsehen hatte und viele kleinere Läden schließen mussten. Dafür tümmeln sich jetzt tausende Lieferanten auf Fahrrädern in den Städten. Durch die Umstellung unseres Konsumverhaltens sind quasi viele neue Jobs geschaffen worden.

Auch ökologisch scheint das Konzept auf den ersten Blick sinnvoll zu sein. Statt mit Dieselkarren fahren jetzt Fahrräder und E-Bikes durch die Stadt, um Menschen in stylischen Büros, im gemütlichen Homeoffice, beim Netflix-Abend oder für die Prosecco-Sause schnell noch ein paar Snacks und Getränke zu bringen. Da fällt dann auch schon mal das Trinkgeld spendabel aus. Vor allem wenn's sehr schnell ging.

Drei Gründe, die gegen Schnell-Lieferdienste sprechen

Doch mit diesem Verhalten verarschen wir uns selbst – und andere gleich mit. Und zwar dreifach:

1. Man bekommt noch weniger Bewegung und hat noch mehr Möglichkeiten, ungesundes Zeug zu bestellen. Den Hintern von der Coach hochzukriegen, um am Späti eine Tüte Chips zu holen, setzt mehr Hürden, als das Smartphone in die Hand zu nehmen. Gut, man könnte einwenden, dass sich ja auch gesunde Lebensmittel mit wenig Plastik und vielen grünen Siegeln bestellen lassen.

2. Schließlich kommt ja alles in der Papiertüte. Ja genau, aber was denn? Eine Hand voll Dinge, die man mal so eben haben will, aber nicht wirklich braucht. Drei Mini-Lieferungen in der Woche bedeuten mehr Ressourcen-Aufwand als einen Wocheneinkauf zu tätigen. Auch E-Bikes müssen erst produziert und dann geladen werden. Ökologisch ist das Geschäftsmodell nicht.

3. Aber immerhin gibt man den Fahrerinnen und Fahrern Trinkgeld für ihre Mühen. Das erleichtert das Gewissen, wenn man im Pyjama die Tür öffnet, nachdem der Lieferant fünf Stockwerke hochgelaufen ist. Wir geben auch deshalb Trinkgeld, weil wir wissen, dass die Lieferanten zu wenig verdienen. Aus dieser Tradition heraus wurden Trinkgelder eingeführt. Das ist in der Bar nicht anders als bei Lieferdiensten. Ohne das Trinkgeld wären die Jobs unattraktiv. Sollte es nicht Aufgabe der Arbeitgeber sein, faire Löhne zu zahlen? Jein. Dafür müssten auch wir bereit sein, mehr für einen guten Drink oder eine Lieferung auszugeben. Aber dafür müsste man seine Schnell- und Billig-Mentalität überdenken.

Trinkgeld zu geben ist auch eine Machtgeste. Hier, für dich! Passt so! Das unterstreicht nochmal das Gefälle zwischen denen, die es sich leisten können, mal eben Sachen zu bestellen, und jenen, die die Arbeit für ein paar Euros die Stunde machen. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Trinkgeld geben ist besser als kein Trinkgeld.

Es könnte insgesamt anders laufen. Wenn wir, die privilegierte Kreativ- und Digitalwirtschaft, Technologien nutzen würde, die sinnvoll und nachhaltig sind. Nicht alles, was technologisch möglich ist, ist auch sinnvoll. Im Fall von Schnelllieferdiensten wird nichts besser, sondern einfach nur bequemer, schmutziger und ungerechter. Sorry, Gorillas. Aber es gibt zu viele Startups mit guten Ideen und Jobs, die einen Betrag zum Gemeinwohl leisten, anstatt auf Kosten der Umwelt und Menschen zu wirtschaften.

Mein Kollege Georg Räth hat sich ebenfalls Gedanken zu den Lieferdiensten gemacht. Seinen Pro-Kommentar findet ihr hier.

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