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Googles Kartenmacht bekommt Konkurrenz aus Japan


Derzeit fasziniert das Wettrennen um autonome Autos die Welt. Doch als eine der wichtigsten Etappen hin zu den Mobilitätsdiensten der Zukunft kristallisieren sich derzeit hochpräzise, dreidimensionale Straßenkarten heraus, die selbstfahrende Autos zum eigenständigen Navigieren brauchen.

Am Mittwoch kündigte das japanische Konsortium Dynamic Mapping Plattform (DMP), das von Nippons zehn Autobauern, einigen Straßenkartenherstellern und dem Technikkonzern Mitsubishi Electric gegründet wurde, an, den US-Kartendienst Ushr zu kaufen. Und Takeshi Sugiyama, als Chef von Mitsubishi Electric einer der Hintermänner von DMP, machte aus seinen großen Hoffnungen keinen Hehl.

DMP und das von General Motors unterstützte Karten-Start-up Ushr würden beide in ihren Märkten fast zentimetergenaue Straßenkarten erstellen, erklärte Sugiyama, dessen Konzern Initiator und technischer Motor des japanischen Kartendienstes ist. Der Kauf passe daher sehr gut zum eigentlichen Ziel der Schaffung eines globalen Kartenstandards für autonome Autos.

Dafür wirkt der Deal mit einem Volumen von vielleicht 160 Millionen Euro bescheiden. Aber der Wirtschaftszeitung „Nikkei“ war er so wichtig, dass sie mit durchgesickerten Details des Kaufs am Mittwoch auf der Titelseite ihren Lesern die Bedeutung klarmachte: „Japanisch-amerikanischer Kartenbund für autonomes Fahren – gegen Google“.

Tatsächlich entwickelt sich Google immer stärker zu einem großen Herausforderer der Autoindustrie. Das Roboterauto-Start-up Waymo könnte nach Fiat-Chrysler und Jaguar Land Rover den ersten großen Hersteller anlocken: Medienberichten zufolge überlegt die zweitgrößte Autoallianz der Welt aus Renault, Nissan und Mitsubishi Motors, autonome Autos und Fahrdienste gemeinsam mit der Ausgründung des Suchmaschinenriesen zu entwickeln.


Und damit einher geht auch Googles erneuter Griff nach der Kartenmacht. Schon heute vertrauen viele Kunden eher auf Google Maps als auf die Systeme der Hersteller. Selbst in Japan drängt dieser Trend große heimische Anbieter von Navigationssystemen wie Pioneer in die Krise. Die Aktie des Unternehmens ist innerhalb der vergangenen zwölf Monate um 75 Prozent abgestürzt.

Doch wer in der neuen Ära die Karten- und die Fahrdaten autonomer Autoflotten beherrscht, kann auf ein noch größeres Geschäft hoffen. Auch in Deutschland versuchen sich die Autohersteller daher gegen die drohende Umklammerung der Internetriesen zu wehren, um selbst Kasse zu machen. Audi, Daimler und BMW kauften 2015 Nokias Kartendienst Here.

Die Idee war die gleiche wie in Japan: Im Bund wollten die Autobauer Google oder andere Software- und Internetriesen schlagen und die Daten für sich behalten. Doch nirgendwo in den klassischen Industrieländern gehen Industrie und Regierung das Thema so konzertiert und langfristig an wie in Japan.

Autobahnen in Japan sind bereits vermessen

Bereits 2010 brachte die Regierung den ersten Satelliten für ein zentimetergenaues Satellitensystem ins All, das auch in den tiefen Hochhaus- und Gebirgsschluchten des Landes präzises Orten erlaubt. Seit November 2018 ist das System in Betrieb. Der Hersteller der Satelliten und des Hilfssystems am Boden ist übrigens Mitsubishi Electric, der über ein Joint Venture mit Bosch zentimetergenaues Orten auch nach Europa bringen will.

Daheim initiierte der Konzern 2016 DMP. Mitsubishi Electric lieferte die Technik, die die Welt in Echtzeit in Videobilder und Laserpunkte auflöst – und die Empfangsmodule für die Autos gleich mit. Und die Kartenhersteller vermessen seither die Straßen.

Inzwischen funktioniert die Erstellung der Karten sogar fast vollautomatisch. Die Autobahnen sind daher in Japan schon bald vermessen und damit für Roboterautos präpariert. Doch der Staat wollte DMP auch global auf die Überholspur verhelfen.


2017 übernahm der halbstaatliche Investmentfonds INCJ mit einer Kapitalspritze von Mitsubishi Electric die Rolle des Hauptaktionärs. Um den Kauf von Ushr zu finanzieren, schießen nun der INCJ 18 Milliarden Yen (144 Millionen Euro) und Mitsubishi
Electric zwei Milliarden Yen (16 Millionen Euro) in ihr Abenteuer nach.

Doch DMP ist nicht die einzige japanische Initiative: Japans größte Automarke Toyota will sich nun als Disruptor der globalen Kartendienste beweisen. Das mit 2,8 Milliarden Dollar kapitalisierte Start-up TRI-AD (Toyota Research Institute Advanced Development) wird nicht nur Künstliche Intelligenz für Autos zur Serienreife entwickeln.

Das in Tokio stationierte Mega-Start-up wirbt auch für eine Open-Source-Plattform, über die die Autobauer gemeinsam mit ihren Autos die Karten erstellen und sie vor allem in Echtzeit auf dem neuesten Stand halten können.Der zuständige Manager ist für Kenner der Kartenszene in Deutschland vielleicht ein alter Bekannter.

Mandali Khalesi hat früher für TomTom gearbeitet und später das Asien-Pazifik-Geschäft von Nokia Here geleitet. „Ohne einen Rahmen für Karten fährt das Auto blind“, benennt er ein aktuelles Problem. Doch bisher hätten Autobauer und Kartenhersteller die Daten in Silos gehalten und damit die Entwicklung gebremst.