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Gin, Bier und Wein ohne Reue: Das lukrative Geschäft mit alkoholfreien Spirituosen

·Lesedauer: 5 Min.

2019, der Morgen nach einer weindurchtränkten Nacht in einer WG-Küche in Berlin-Kreuzberg: Philip Rösel und Moritz Zyrewitz haben Kopfschmerzen. "Während wir da so vor uns hingekatert haben, dachten wir: So können wir nicht jede Woche weitermachen", erzählt Moritz Zyrwitz im Gespräch mit Business Insider. Genuss muss doch auch ohne Reue möglich sein. Ohne Kater, aber mit dem geselligen Gefühl, das sich beim Anstoßen mit einem Glas Wein oder Aperol Spritz einstellt. Klar, alkoholfreien Wein und Sekt gibt es schon, nur schmeckt dieser meist überhaupt nicht. In diesem Moment wird die Idee für ihr Startup Kolonne Null geboren: Sie wollen die ersten sein, die richtig guten, alkoholfreien Wein und Sekt produzieren.

Ihre Herangehensweise: Wie auch bei der Herstellung des alkoholfreien Bieres wird alkoholhaltiger Wein so lange erhitzt, bis der Alkoholgehalt im Prinzip "herausgebrannt" ist. Bei dem Verfahren von Kolonne Null ist dadurch deutlich weniger Zucker enthalten. Bisher waren alkoholfreie Weine oft das Restprodukt bei der Herstellung von Weinbrand und daher oft viel zu süß.

Damit treffen die beiden Gründer scheinbar einen Nerv der Zeit: Nach alkoholfreiem Bier kommen auch alkoholfreie Spirituosen, Sekt und Wein hierzulande immer mehr in Mode. Das zeigt sich analog bereits in dem steigenden Bewusstsein und Bedürfnis der Verbraucher bezüglich eines gesunden und nachhaltigen Lebensstils, wie der Boom bei pflanzlichen Milch- und Fleischalternativen oder Vaping als Alternative zu Tabak, vormacht. In den USA sind alkoholfreie Spirituosen bereits seit längerem ein wachsender Markt, doch auch Deutschland zieht langsam nach.

Immer mehr Anbieter für alkoholfreie Alternativen

Nach Angaben des Deutschen Weininstituts (DWI) hat das Angebot für alkoholfreie Weine und Sekte von Weingütern, Winzergenossenschaften und Handelskellereien in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Auch geschmacklich hätten sich die alkoholfreien Weine dank neuer, aromaschonender Technologien in den letzten Jahren positiv weiterentwickelt. Der Marktanteil der alkoholfreien Weinalternativen am gesamten Weinkonsum dürfte sich derzeit zwar noch unter einem Prozent bewegen, jedoch berichten nahezu alle Anbieter über steigende Absatzzahlen, so das DWI. Alkoholfreier Sekt ist in Deutschland dagegen schon deutlich akzeptierter: hier liegt der Marktanteil mit rund fünf Prozent am Schaumweinkonsum bereits deutlich höher.

Rößle und Zyrewitz rechnen für den alkoholfreien Wein etwa mit einem Gesamtmarktvolumen von 350 Millionen, von dem sie einen Marktanteil von etwa fünf Prozent für sich selbst beanspruchen wollen.

Die Gründer von Kolonne Null, Moritz Zyrewitz und Philipp Rößle
Die Gründer von Kolonne Null, Moritz Zyrewitz und Philipp Rößle

Weil der Markt für alkoholfreie Spirituosen hierzulande noch so jung ist, gibt es hier kaum Zahlen zum Konsum. Allein die Anzahl an neuen Startups, die im vergangenen Jahr gestartet sind, deutet jedoch auf einen Trend hin: das Berliner Startup Laori, das auch bei der Fernsehshow "Die Höhle der Löwen" auftrat, entwickelt alkoholfreien Gin, genauso wie Easip aus Berlin und Undone aus Hamburg hat neben einer Rum-Alternative gleich mehrere Sorten im Angebot.

"Wir glauben, dass innerhalb des Jahrzehnts bis zu fünf Prozent der Kategorie der traditionellen Spirituosen zu alkoholfreien Spirituosen übergehen könnten, das wäre ein Marktwert von rund 15 Milliarden US-Dollar pro Jahr", sagt Mark Livings, Gründer und CEO von Lyre's. das australische Getränke-Startup Lyre's ist weltweiter Marktführer bei alkoholfreien Spirituosen. Das Unternehmen verkauft seine Nicht-Schnaps-Sorten wie Dry London (eine Hommage an Gin) oder Italian Spritz (Aperol) in 43 Ländern und erwirtschaftet monatlich ein zweistelliges Umsatzwachstum. Laut eigenen Angaben werde der Jahresumsatz voraussichtlich bis zum vierten Quartal dieses Jahres rund 40 Millionen Euro erreichen.

Die verschiedenen Sorten von Lyre's
Die verschiedenen Sorten von Lyre's

Auch Bitburger investiert in den Alkoholfrei-Trend

Dank einer weiteren Finanzierungsrunde aus dem Mai wird das Unternehmen nun mit rund 115 Millionen Euro bewertet und sei laut Firmenangaben bis dato die wertvollste unabhängige Marke in der rasant wachsenden Produktkategorie. Investiert haben neben dem prominenten Geldgeber von Alibaba oder SpaceX, der Investor Morgan Creek Capital Management, auch der Investitionszweig einer deutschen Brauerei-Dynastie: Bitburger Ventures.

Dass ein Traditionsbrauer in alkoholfreie Spirituosen investiert, ist spannend. Auch im Kerngeschäft Bier sieht Bitburger seit Jahren "einen stetigen Anstieg beim Konsum alkoholfreier Biere, an dem auch die Bitburger Braugruppe stark partizipiert", sagt Friedrich Droste, Geschäftsführer von Bitburger Ventures gegenüber Business Insider. Der Marktanteil von alkoholfreiem Bier liegt mittlerweile bei knapp sieben Prozent und einem Volumen von 700 Millionen Euro. Dieser Trend habe sich in den letzten Jahren auf weitere Kategorien übertragen. "So gehen wir sehr wohl davon aus, dass auch der Markt für alkoholfreie Spirituosen in den nächsten Jahren deutlich wachsen wird und somit zum Teil auch klassische Spirituosen substituieren wird", so Droste.

Auch wenn der Trend zur alkoholfreien Alternative bereits vor der Pandemie existierte, hat er durch den Lockdown noch einmal an Dynamik gewonnen. "Innerhalb der ersten zwei Monate nach der Pandemie explodierten unsere Umsätze", sagt Livings.

Umsätze zum Teil vervierfacht

Der Erfolgsfaktor von Lyre's, Kolonne Null und Co.: Sie positionieren sich vor allem als digitale Marken und verkaufen bislang vor allem im Internet – dort, wo die junge, gesund- und nachhaltigkeitsbewusste Zielgruppe der Millennials zuhause ist. Das hat auch die Investoren wie Bitburger Ventures beeindruckt, wie Geschäftsführer Droste gegenüber Business Insider sagt. Bei Lyre's machen die Direktverkäufe aus dem Onlineshop 48 Prozent des Umsatzes aus. Dadurch hatten sie außerdem den Vorteil, dass sie während der Corona-Pandemie nicht von den Umsätzen in der Gastronomie, die vielerorts geschlossen war, abhängig waren. Dank einer starken Online- und Social-Media-Kampagne konnte Kolonne Null seinen Umsatz im Netz im Corona-Jahr um 40 Prozent steigern. So konnte das Berliner Startup den Umsatz im letzten Jahr von 2020 auf 2021 vervierfachen. "Im letzten Jahr haben wir etwa 225.000 Flaschen verkauft", erzählt Zyrewitz.

Für Lyre's ist der größte Markt bislang die USA, aber Europa sei ein großer Wachstumsmotor für das Unternehmen. Bis Ende des Jahres will Livings mit Lyre's auch in den deutschen Einzelhandel einziehen.

Deutschland hinke dem Trend zu alkoholfreien Alkohol eigentlich ein bisschen hinterher, sagt Zyrewitz. "Ich glaube, weil die günstigen Produkte eine geringere Qualität haben und die Deutschen grundsätzlich für Lebensmittel wenig Geld ausgeben. Wir reparieren lieber unsere Autos als unseren Körper." Doch das scheint sich ja jetzt langsam zu ändern.

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