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„Gewinnzahlen nicht unkritisch übernehmen“

·Lesedauer: 4 Min.

Der Herr der Bilanzregeln Hans Hoogervorst über Erfolge und Misserfolge seiner Amtszeit und den Einfluss von Lobbyisten.

Bilanz-Pressekonferenz des Automobilherstellers BMW 2019: Die Bilanzierungsregeln nach IFRS bieten Unternehmen durchaus Spielräume, um die Geschäftszahlen besser aussehen zu lassen, als sie sind. Foto: dpa
Bilanz-Pressekonferenz des Automobilherstellers BMW 2019: Die Bilanzierungsregeln nach IFRS bieten Unternehmen durchaus Spielräume, um die Geschäftszahlen besser aussehen zu lassen, als sie sind. Foto: dpa

Herr Hoogervorst, als Sie vor fast zehn Jahren den Vorsitz des International Accounting Standards Board, IASB, übernahmen, was war damals ihr größter Wunsch die Bilanzregeln International Financial Reporting Standards, IFRS, betreffend?

IFRS sollten weltweit als hoher Standard anerkannt werden. Ich denke, wir haben das erfolgreich umgesetzt. IFRS-Standards sind in mehr als 140 Ländern vorgeschrieben und genießen ein hohes Ansehen.

Ein großes Thema war seinerzeit die Konvergenz mit den in den USA geltenden Bilanzregeln US-GAAP. Warum ist das gescheitert?

Ein wichtiger Grund war die Finanzkrise. Es herrschte eine große Nervosität, sodass zu dieser Zeit kaum jemand bereit war, mit einer so großen Sache voranzukommen. Und Amerika mag es eben schon aus Tradition für sich zu stehen. Zumindest haben wir es geschafft, zahlreiche japanische Unternehmen dazu zu bringen, nach unseren Regeln zu berichten. Unternehmen, die rund 40 Prozent der Marktkapitalisierung ausmachen, verwenden dort jetzt IFRS.

Denken Sie, dass ein einheitlicher globaler Standard noch möglich ist?

Ich denke kurzfristig nicht, aber langfristig schon. Ich denke, multinationale Unternehmen werden sich an die US-Regulierungsbehörde SEC wenden, um die Anwendung der IFRS zu erreichen.

Ihnen ist es gelungen, Unternehmen zu verpflichten, Leasingschulden, die sehr lange nur außerhalb der Bilanz sichtbar waren, in die Bilanz zu nehmen. Warum ist Ihnen dies so wichtig?

Während der Finanzkrise wurde deutlich, dass viele Anleger Leasingschulden missverstanden hatten, weil sie nur in Fußnoten auftauchten. Sie waren also einfach nicht sichtbar. Die Belastungen sind manchmal beträchtlich, wenn Sie etwa den Einzelhandel nehmen, der normalerweise seine Räumlichkeiten mietet. Deshalb wollten wir dort Transparenz schaffen.

Es gab gegen den Leasingstandard großen Widerstand, auch in Deutschland von Dax-Unternehmen. Wie gelang es Ihnen und dem IASB, sich gegen diese starke Lobby durchzusetzen?

Die Macht der Argumente hat am Ende gewonnen. Die Unternehmen, die sich dagegen aussprachen, hatten kein Argument dagegen. Und die Anleger haben die Tatsache begrüßt, dass Leasingschulden endlich in der Bilanz zu finden sind.

Wie groß ist im Allgemeinen die Lobby von Unternehmen und Banken gegenüber dem IASB?

Nun, die Arbeit ist schwierig. Zum Beispiel haben wir einen wichtigen Standard für die Behandlung von Versicherungsverträgen eingeführt. Die Versicherer haben viel Lobbyarbeit dagegen betrieben. Dann ist viel Überzeugungsarbeit erforderlich. Am Ende ist es ein gegenseitiges Geben und Nehmen.

Ein weiteres Thema, das Sie während Ihrer Amtszeit begleitet, ist die Behandlung von Goodwill. Eine Bilanzposition, die nach Übernahmen entsteht und nicht identifizierbares Vermögen aus dieser darstellen soll. Weite Teile der Wissenschaft plädieren dafür, den Goodwill wieder regelmäßig abzuschreiben. Das IASB verharrt da in Diskussionen. Was sind die Gründe?

Das Problem ist schwer zu lösen. Regelmäßige Abschreibungen würden möglicherweise zu noch mehr sogenannten Non-GAAP-Zahlen für das Unternehmen führen, beispielsweise zu dem Ausweis von Gewinnen, die nicht unseren Anforderungen entsprechen. Das wollen wir verhindern. Wir diskutieren weiterhin über den Goodwill und hoffen, neue Erkenntnisse zu gewinnen. Der ist keine leere Hülle, da nicht alle Werte eines erworbenen Unternehmens auch in der Bilanz erscheinen. Einige Anleger bevorzugen jedoch möglicherweise bei der Bewertung eines Unternehmens den Goodwill abzuziehen.

Wie beurteilen Sie sogenannte Non-IFRS-Zahlen, Gewinnzahlen, die keinem Standard entsprechen, die aber viele Unternehmen auch veröffentlichen?

Non-IFRS-Zahlen können für Anleger nützlich sein. Bei der Veröffentlichung dieser Zahlen ist jedoch mehr Disziplin und Transparenz erforderlich. Wir möchten daher strengere Spezifikationen für die Strukturierung einer Gewinn- und Verlustrechnung festlegen und einige neue Zwischensummen aufnehmen, die in den IFRS-Standards definiert werden. Wir planen auch eine bessere Offenlegung von Non-IFRS-Informationen im Anhang, um den Anlegern ein besseres Bild zu vermitteln, damit sie nicht die von Unternehmen erstellten Gewinnzahlen unkritisch übernehmen.

Welche Themen werden Sie Ihrem Nachfolger, dem Deutschen Andreas Barckow, der sein Amt kommenden Sommer antritt, übergeben?

Ich denke, dass das Problem bilanziell bisher nicht anerkannter immaterieller Vermögenswerte von Unternehmen wie Marken ein wichtiges Thema bleiben wird, ebenso wie die Berichterstattung und Messung von Nachhaltigkeit.

Und welchen Rat geben Sie ihm schon jetzt?

Ich kenne ihn gut, er braucht keinen Rat von mir. Der IASB hat übrigens immer sehr gut mit den deutschen Gremien zusammengearbeitet. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um ihnen sehr zu danken.

Mehr zum Thema: Das IASB gibt Konzernen die Regeln für deren Bilanzierung vor – und steht unter starkem Lobbyeinfluss. Für Anleger hat das gravierende Folgen.