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Gewinner des Börsenjahres 2018: Microsoft, Amazon, Netflix, Twilio – und Wirecard

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Gebannter Blick auf die Kurse: Händler in Frankfurt (Foto: © Deutsche Börse AG)

2018 geht unwiderruflich auf die Zielgerade – die meisten Anleger dürften froh darüber sein, ein schwieriges Börsenjahr abzuhaken. Während die Indizes rund um den Globus schwächelten, konnten Stockpicker trotzdem bemerkenswerte Renditen einfahren. Vor allem Besitzer von Technologie- und Internetaktien durften sich über ein sattes Kursplus freuen.

Der Ausverkauf gewinnt auf den letzten Metern des problematischen Börsenjahres nochmals an Dynamik. Der Deutsche Aktienindex (DAX) ist in der vergangenen Woche in den Bärenmarkt gestürzt – auf ein Jahresminus von in der Spitze 20 Prozent. Und selbst an der Wall Street, die 2018 so viel besser performte als der Rest der Börsenwelt, zeigen die Leitindizes wie der Dow Jones und S&P 500 inzwischen ins Minus.

Dass es in den vergangenen zwölf Monaten dennoch jede Menge Investmentchancen gegeben hätte, beweist ein Blick auf den Technologie-Index Nasdaq 100, der nach den schweren vergangenen Monaten aktuell ums Plus kämpft. Angetrieben wird der wichtigste Tech-Index der Welt von den beiden zweitweise wertvollsten Konzernen der Welt, die dem Dow Jones-Mitglied Apple 2018 an der Wall Street zuletzt den Rang abgelaufenen haben – Microsoft und Amazon. 

Microsoft krönt Comeback mit Sprung auf Börsenthron

Microsoft

Der spektakulärste Aufstieg gelang ausgerechnet einem 43 Jahre alten Techpionier: Microsoft genügte ein Kurszuwachs von 21 Prozent, um ausgerechnet Erzrivale Apple an der Spitze der Wall Street zu entthronen. Seit Ende November ist tatsächlich der Windows-Hersteller wieder die Nummer eins an der Börse. Das fraglos überraschendste Comeback des Jahres ist unbestritten CEO Satya Nadella geschuldet, unter dem sich die Microsoft-Aktie seit der Amtsübernahme  im Februar 2014 gar mehr als verdreifacht hat.

Microsoft hat sich unter dem 51-Jährigen von der langjährigen Abhängigkeit der Cash Cows Windows und Office befreit, die unter Amtsvorgänger Steve Ballmer immer weiter gemolken wurden. Satya Nadella vertiefte dagegen die Beziehung zu seinen (Geschäfts-) Kunden unterdessen noch weiter, indem er für die Bürosoftware Office das im Internetzeitalter beliebte Abo-Modell einführte. Gut für Microsoft: Statt wie früher nur einmal für die CD-Version zu zahlen, werden Kunden nun mit Office 365  Jahr für Jahr zur Kasse gebeten.

„Das Geschäftsmodell der wiederkehrenden Umsätze ist die ultimative monogame Beziehung zwischen Corporate America und einem Unternehmen”, beschreibt Marketingprofessor Scott Galloway Microsofts großes Plus. „Jedes Jahr geben Unternehmen pro Mitarbeiter Hunderte von Dollar für Microsoft Office aus, und die Erneuerungsraten liegen bei praktisch 100 Prozent.“    

Amazon springt ebenfalls kurzzeitig an Börsenspitze  

Mit einem Plus von 33 Prozent noch aufsehenerregender sind die Kurszuwächse von Galloways heimlichem Favoriten ausgefallen, dem er 2018 eine Billionen-Bewertung prophezeite, die Amazon im September tatsächlich für einen Tag knackte. „Amazon überholt 2018 Apple nach dem Börsenwert“, prognostizierte Galloway noch zum Jahreswechsel – zumindest für ein paar Tage sollte der Bestseller-Autor („The Four“) recht behalten, auch wenn Amazon 2018 keinen Handelstag als wertvollster Konzern abschließen sollte.

In den vergangenen drei Monaten stürzte der E-Commerce-Pionier im Ausverkauf der FAANG-Aktien dann jedoch dramatisch an der Wall Street ab und vernichtete dabei mehr als 250 Milliarden Dollar an Börsenwert.  

Netflix verspielt Hollywood-Ende 

Zu den Jahresgewinnern zählt auch Netflix, das seine erfolgsverwöhnten Aktionäre in den vergangenen 15 Jahren immer wieder verzückt hatte, mit einem Kursplus von 40 Prozent. Allerdings verspielte auch der Halbjahressieger ein exorbitantes Plus, das nach sechs Monaten starker Quartalsbilanzen noch bei über 100 Prozent gelegen hatte, weitgehend. 

Mit einer Marktkapitalisierung von 170 Milliarden Dollar hat der Internetpionier nach dem Börsenwert den schier ewigen Branchenprimus der Unterhaltungsindustrie, Disney, sogar im Mai schließlich als wertvollsten Medienkonzern abgelöst. Die zweite Jahreshälfte verlief für CEO Reed Hastings jedoch alles andere als erfreulich: Bei 270 Dollar hat sich der Streaming-Champion rund 35 Prozent von seinen Allzeithochs entfernt.    

Jack Dorsey gelingt mit Twitter und Square die doppelte Börsentriumph 

Noch spektakulärere Kurszuwächse konnten Aktionäre mit zwei Internetaktien verbuchen, die ungewöhnlicher kaum sein könnten. Die jahrelang gebeutelten Anteilseigner von Twitter können sich seit Jahresbeginn über ein bemerkenswertes Kursplus von mehr als 41 Prozent freuen.   

Wie ist die 180-Grad-Wende zu erklären? Mit einem überraschenden Turnaround in der Geschäftsentwicklung, der im Weihnachtsquartal einsetzte. Der 280-Zeichen-Dienst vermeldete Anfang Februar überraschend erstmals in der 12-jährigen Unternehmensgeschichte in einem Quartal einen Gewinn, der seitdem alle drei Monate später wiederholt wurde.

Twilio beste Internetaktie 2018

CEO Jack Dorsey befindet sich nach drei Jahren im Amt endlich auf Turnaround-Kurs – und kann sogar mit seinem zweiten börsengelisteten Unternehmen, dem Bezahldienstleister Square, nach zwölf Monaten ein noch üppiges Plus von 72 Prozent verbuchen.

Zum absoluten Börsenchampion unter den Internetaktien avancierte unterdessen ein Unternehmen, von dem die wenigsten Anleger bisher etwas gehört hatten: Twilio. Das zehn Jahre alte US-Unternehmen optimiert cloudbasiert die Kundenkommunikation. Zu seinen Großkunden zählen etwa Nike, Uber, Airbnb und Delivery Hero. Nach dem Erreichen der Gewinnschwelle in diesem Jahr kannte die Aktie kein Halten mehr und legte seit Januar um sage und schreibe 262 Prozent zu.   

Dax: Wirecard-Jahresgewinner, aber Aufstieg bringt kein Glück 

Wirecard

Kurszuwächse in diesen Dimensionen waren diesseits des Atlantiks nicht drin, doch ein Technologiewert machte Anlegern besonders Freude: Wirecard. Das bereits 1999 in Aschheim gründete Unternehmen gilt als deutscher Vorreiter des Fintech-Booms, der die Zahlungsabwicklung im Mobilzeitalter vereinfacht.

Nach einer Kursverdopplung im Spätsommer schein der Himmel der Grenze zu sein. In einer symbolischen Wachablösung verdrängte Wirecard die Commerzbank im September im Dax und ist inzwischen sogar mehr wert als die Deutsche Bank. Allerdings brachte der Aufstieg in die erste Börsenliga Aktionären bislang kein Glück: Seit der Aufnahme hat Wirecard fast ein Drittel seines Wertes eingebüßt. Seit Jahresbeginn bleibt jedoch ein Plus von 41 Prozent, das Wirecard zur mit Abstand erfolgreichsten Dax-Aktie macht.