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Geteilte Roboterwelt: Die Cobots sollen nun auch in Deutschland den Durchbruch schaffen

Höpner, Axel
·Lesedauer: 5 Min.

Leicht programmierbare Serviceroboter sind die große Hoffnung der Branche. Ein neuer Verband will die Szene vernetzen – der etablierte VDMA ist nicht begeistert.

Die Roboterwelt ist gespalten. Da sind zum einen traditionelle Maschinenbauer mit Milliardenumsätzen, die große und schwere Roboter zum Beispiel für die Autoindustrie bauen. Daneben gibt es viele junge Anbieter, die einfache Steuerungen, intelligente, mobile Transportsysteme und sogenannte Cobots entwickeln.

„Es ist ein ganz neues Ökosystem entstanden, das vor allem kleine und mittelständische Unternehmen als Kunden im Blick hat“, sagt Helmut Schmid, Vorsitzender des Deutschen Robotik Verbands (DRV). Der Verband ist gerade erst gegründet worden. Er will der Szene als Kontaktplattform dienen und die Entwicklung neuer Sicherheitsstandards vorantreiben, die das gemeinsame Arbeiten von Mensch und Maschine nebeneinander ermöglichen sollen.

Bislang macht die Robotikbranche den Großteil ihrer weltweit rund 14 Milliarden Dollar Umsatz – ohne Software und Peripherie – vor allem mit den großen Industrierobotern. Dominiert wird der Markt von den traditionellen Anbietern wie Fanuc, Yaskawa, ABB und der deutschen Kuka, die seit einigen Jahren zum chinesischen Hausgerätehersteller Midea gehört.

Beim Einsatz der Industrieroboter liegt Deutschland laut neuesten Zahlen des Branchenverbands IFR weltweit auf Platz vier. Auf 10.000 Beschäftigte kommen hierzulande 346 Industrieroboter. Damit liegt Deutschland knapp hinter Japan. Nur in Singapur und Südkorea sind deutlich mehr Roboter im Einsatz.

Doch die Wachstumshoffnungen der Branche ruhen auf Servicerobotern, auf leicht programmierbaren Cobots, die direkt neben dem Menschen arbeiten können, und auf mobilen Transportrobotern. Auch hier gibt es in Deutschland durchaus viele, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Kuka hat Leichtbauroboter entwickelt, Forschungseinrichtungen wie die TU München sind bei Wettbewerben oft vorn mit dabei. Zudem gibt es vom Programmierspezialisten Wandelbots bis zum Cobot-Hersteller Franka Emika viele Start-ups, die die neuen Möglichkeiten erschließen wollen.

Doch ist die Szene noch wenig vernetzt. „Es geht nun darum, daraus Cluster aus Start-ups zu entwickeln“, sagt DRV-Vize Olaf Gehrels. Vorbild könne Dänemark sein, allein in der Region um Odense gibt es mehr als 100 Robotik-Start-ups.

In Deutschland fehlen für die mobilen und kollaborativen Roboter zudem oft noch die Anwender. In den meisten Fabrikhallen und auch bei größeren Handwerksbetrieben, auf denen viele Absatzhoffnungen ruhten, haben sich die einarmigen Cobots noch nicht durchgesetzt. Laut Branchenschätzungen dürfte allenfalls ein sehr kleiner einstelliger Prozentwert der gut 20.000 in Deutschland installierten Roboter im Jahr 2019 Cobots gewesen sein.

VDMA sieht keinen Bedarf für neuen Verband

Der neu gegründete Robotik-Verband will die Szene vernetzen und gerade Mittelständler als Kunden für die neue Roboter-Generation gewinnen. DRV-Chef Helmut Schmid ist in der Szene ein bekanntes Gesicht. Bis zum vergangenen Sommer war er West- und Nordeuropachef des dänischen Cobot-Spezialisten Universal Robots. Inzwischen arbeitet er als selbstständiger Berater.

Sein Stellvertreter Gehrels unterstützt mit Coboworx Mittelständler beim Cobot-Einsatz. Die traditionelle Roboterwelt kennt er aus seiner Zeit beim Marktführer Fanuc und bei Midea.

Bislang wird die Branche vor allem vom Maschinenbauverband VDMA vertreten, weltweit gibt es zudem die International Federation of Robotics (IFR). „Die etablierten Hersteller sind etwas behäbiger unterwegs“, sagt DRV-Sprecher Gehrels. Universal Robots habe mit seinen Cobots einen ganz neuen Markt geschaffen. „Diese Anwender haben kein Zuhause.“

Als Konkurrenz zum Maschinenbauverband VDMA will sich der DRV, der mit 100 Mitgliedern gestartet ist und rasch auf 1000 kommen will, nicht verstehen. „Der VDMA macht einen hervorragenden Job“, sagt Schmid. Doch lege man dort den Fokus auf die großen Anbieter.

Beim VDMA weist man dies zurück und sieht offenbar wenig Bedarf für eine neue Vereinigung. Mit mehr als 3300 Mitgliedsfirmen sei man „die Mittelstandsplattform par excellence“, sagte Wilfried Eberhardt, Vorsitzender des VDMA-Fachverbands Robotik und Automation. „Unser Netzwerk bringt kleine und große Unternehmen zusammen, Traditionsunternehmen und Start-ups.“ Für junge Unternehmen habe man die VDMA Startup Machine gegründet.

Dass alle drei Mitglieder in der Führungsspitze des neuen DRV einen Beraterhintergrund haben, sieht man dort nicht als Problem. „Wir haben uns nicht zusammengesetzt und überlegt, wie wir mehr Geschäft machen können“, erklärt Schmid. Die drei Vorstände brächten ein großes Netzwerk an Kontakten mit, von denen alle profitieren könnten.

Beim VDMA betont man dagegen, Verbandsplattformen müssten „absolut neutral und transparent aufgestellt“ sein. Ein Verband lebe nicht von Partikularinteressen. „Beim VDMA ist dies zu 100 Prozent gegeben.“

Die Riege der Mitglieder des DRV ist breit gestreut. In den Fachbereichen engagieren sich zum Beispiel Manager von Robtech, Robominds und vom Vorzeige-Start-up Wandelbots. Das Dresdner Unternehmen will die Programmierung von Robotern erleichtern. Im vergangenen Jahr stiegen Microsoft und Siemens bei Wandelbots ein.

Roboterhersteller könnten Corona-Gewinner werden

Der Zeitpunkt für die Gründung ist günstig. Denn die Corona-Pandemie dürfte der Branche auf längere Sicht helfen. Roboter würden eine wichtige Rolle dabei spielen, die Produktion weiter zu automatisieren und die Wirtschaft nach der Pandemie wieder in Schwung zu bringen, sagte Milton Guerry, Präsident des Weltverbands IFR.

Zuletzt stand die erfolgsverwöhnte Industrie unter Druck. 2019 war der Absatz laut IFR erstmals seit 2012 gefallen, und zwar von 422.000 auf 381.000 verkaufte Roboter. Für 2020 rechnete der Verband mit einem weiteren Rückgang.

Doch auf längere Sicht dürfte sich der Trend wieder umkehren. „Roboter können 24 Stunden arbeiten und stecken niemanden an“, sagt Schmid. „Wir gehen daher davon aus, dass Roboterhersteller zu den Gewinnern der Pandemie gehören werden.“ Gerade viele kleinere und mittelständische Unternehmen würden sich nun die Anschaffung von Robotern überlegen.

Damit könnten die sogenannten Cobots stärker gefragt werden. Um die kollaborativen Roboter, die keinen Zaun um sich brauchen, hatte es vor einigen Jahren einen regelrechten Hype gegeben. So richtig durchgesetzt haben sie sich aber noch nicht. „Sie sind oft immer noch zu teuer, zudem war die Bedienung lange noch zu kompliziert“, sagt Gehrels. Inzwischen sei die Programmierung aber deutlich einfacher geworden. Nun müssten aber noch die Sicherheitsnormen geklärt werden - und hier wolle der neue Verband Stimme der Branche sein.

Zweiter Trend in der Branche sind autonome, mobile Roboter. Diese können zum Beispiel in der Produktion für Transportaufgaben oder für die Überwachung von Maschinen und Anlagen eingesetzt werden.

Der neue Verband sieht ebenso wie die Experten vom VDMA enorme Wachstumschancen. Der allergrößte Teil der Industrieroboter werde heute bei nur fünf Prozent der Unternehmen aufgestellt – zum Beispiel bei den großen Autobauern, sagt Gehrels. Der Großteil des Marktes sei damit noch nicht erschlossen. „Das Potenzial ist gigantisch.“