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Gesundheitsminister Spahn beruft sich mit seiner Forderung nach Booster-Impfungen auf Israel: So sind die Daten und Erfahrungen dort wirklich

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Gesundheitsminister Jens Spahn will Deutschland zum „Boostern“ bringen. Angesichts der steigenden Corona-Zahlen möchte er das Tempo beschleunigen, in dem Auffrischungsimpfungen verabreicht werden. Die sogenannten Booster-Shots, davon ist Spahn überzeugt, würden helfen, die vierte Corona-Welle zu brechen oder zu verlangsamen.

Um der breiten Masse der Bevölkerung die Booster-Impfung zukommen lassen zu können, sollten dem Minister zufolge die mittlerweile fast alle geschlossenen Impfzentren wieder eröffnet werden. Spahn wünscht außerdem einen Bund-Länder-Gipfel zum Thema Auffrischungsimpfungen. Was er sich davon erhofft, machte der CDU-Politiker in der „Bild am Sonntag“ deutlich: „Aktuelle Daten aus Israel zeigen, dass das Boostern einen ganz entscheidenden Unterschied macht, um die vierte Welle zu brechen.“

Einen großen Teil der Daten, auf die Spahn sich damit beziehen dürfte, hat ein israelisches Forschungsteam um Yair Goldberg von der Technischen Universität in Haifa erhoben. Ihre Studie zur Wirkung des Biontech/Pfizer-Boosters wurde Anfang Oktober im Fachmagazin „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht. Das Team hatte darin zwei Gruppen von Menschen über 60 Jahren verglichen: zum einen solche, die mindestens zwölf Tage vor der Untersuchung bereits ihre Auffrischungsimpfung bekommen hatten und zum anderen solche, die erst zweimal geimpft worden waren.

Das deutliche Ergebnis: Bei jenen, die einen Booster-Shot, also eine dritte Impfdosis, bekommen hatten, war das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, deutlich geringer als bei den doppelt Geimpften. Auch das Risiko eines schweren Verlaufs verringerte sich bei den dreifach Geimpften rapide. In Zahlen heißt das: Wer keine Auffrischung bekommen hatte, erkrankte mit einer mehr als elfmal so hohen Wahrscheinlichkeit an Covid-19 wie jemand, der eine Drittimpfung bekommen hatte. Das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf war bei den doppelt Geimpften außerdem um den Faktor 19,5 erhöht – verglichen mit den dreifach Immunisierten.

Israels Corona-Strategie ist erfolgreich

In Israel, dem Heimatland des Studienleiters Yair Goldberg und seines Teams, setzt die Regierung schon lange auf die Booster-Impfung als Schlüssel zur Pandemiebekämpfung. Schon seit Ende Juli sind dort die Drittimpfungen für Menschen über 60 verfügbar, deren zweite Impfung mindestens fünf Monate zurückliegt. Mittlerweile wird die Auffrischungsimpfung dort nach Ablauf dieser Frist für jeden empfohlen, der älter als zwölf Jahre ist.

Zum Hintergrund: Zu dem Zeitpunkt, als die Regierung um Premierminister Naftali Bennett sich für die massenweise Verabreichung der Drittimpfung entschied, galt dies noch als etwas risikoreicher. Denn im Sommer war die wissenschaftliche Grundlage, auf der man die Entscheidung für oder gegen einen Booster für alle traf, noch wesentlich wackliger als heute. Bennett aber wollte um jeden Preis einen Lockdown vermeiden – und setzte fast alles auf die Booster-Impfungen.

Mittlerweile ist klar, dass seine Entscheidung gut war. Zumindest, wenn man das an den Corona-Fallzahlen bemisst. Die israelische Corona-Strategie unter Bennett – kein Lockdown, dafür die breite Verabreichung von Drittimpfungen und eine durchorganisierte Teststrategie – ist von Erfolg gekrönt. Die Infektionszahlen sinken deutlich: Am Sonntag, den 31. Oktober, meldete das Gesundheitsministerium des Landes 225 Neuinfektionen für den Vortag. Zum Höhepunkt der vierten Welle, Ende August und Anfang September, verzeichnete Israel dagegen noch mehr als 10.000 Neuinfektionen täglich.

Es sind nicht ausschließlich die Booster-Impfungen

Hat das Land also die vierte Welle mithilfe der Booster-Impfungen gebrochen? Zumindest ist sie wohl ein Teil des Erfolgs. Von Israels 9,2 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern sind, wie das Corona-Dashboard des israelischen Gesundheitsministeriums zeigt, fast vier Millionen bereits dreimal geimpft. Das entspricht mehr als einem Drittel der Bevölkerung. In Deutschland haben, Stand Montagvormittag, 1. November, bisher nur zwei Millionen Menschen eine Drittimpfung erhalten – das entspricht gerade einmal 2,4 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Ganz so simpel ist der kausale Zusammenhang zwischen der hohen Booster-Impfquote in Israel und den fallenden Corona-Zahlen wohl aber auch nicht. Auch andere Faktoren dürften beim Brechen der vierten Welle in dem Land eine Rolle gespielt haben: etwa die Maskenpflicht im öffentlichen Raum und die 3G-Regel in öffentlichen Einrichtungen. Jetzt, zum 1. November, werden einige Schutzmaßnahmen erst langsam gelockert: So dürfen zum Beispiel Individualtouristinnen und -touristen wieder nach Israel einreisen – sofern sie seit mindestens 14 Tagen doppelt oder dreifach geimpft sind und ihre jüngste Impfung nicht länger als 180 Tage zurückliegt.

jb/mit dpa

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