Deutsche Märkte geschlossen
  • DAX

    13.291,16
    -44,52 (-0,33%)
     
  • Euro Stoxx 50

    3.492,54
    -35,25 (-1,00%)
     
  • Dow Jones 30

    29.571,53
    -338,84 (-1,13%)
     
  • Gold

    1.785,90
    -2,20 (-0,12%)
     
  • EUR/USD

    1,1950
    -0,0020 (-0,17%)
     
  • BTC-EUR

    16.119,52
    +789,60 (+5,15%)
     
  • CMC Crypto 200

    378,56
    +13,96 (+3,83%)
     
  • Öl (Brent)

    44,85
    -0,68 (-1,49%)
     
  • MDAX

    29.301,46
    -73,17 (-0,25%)
     
  • TecDAX

    3.146,59
    +18,07 (+0,58%)
     
  • SDAX

    13.782,19
    -53,16 (-0,38%)
     
  • Nikkei 225

    26.433,62
    -211,09 (-0,79%)
     
  • FTSE 100

    6.266,19
    -101,39 (-1,59%)
     
  • CAC 40

    5.518,55
    -79,63 (-1,42%)
     
  • Nasdaq Compositive

    12.147,70
    -58,15 (-0,48%)
     

Gesundheits-Apps: Das Start-up von Gloria Seibert hat den Markt früh geprägt

·Lesedauer: 5 Min.

Gloria Seibert hat mit Temedica früh Vereinbarungen mit Krankenkassen geschlossen. Das Geschäftsmodell überzeugte auch namhafte Investoren.

Schicke Gesundheits-Apps bieten derzeit viele an. Doch ein funktionierendes Geschäftsmodell haben längst noch nicht alle Anbieter gefunden. „Auch wir dachten erst: Wir haben ein supercooles Produkt, und wenn es auch noch beim Gesundwerden hilft, ist alles bestens“, sagt Gloria Seibert.

Die Gründerin von Temedica gehört zu den Pionieren auf dem inzwischen heiß umkämpften Digital-Health-Markt. Schon 2016 begann das Start-up, eine App für Patienten mit Rückenschmerzen zu entwickeln. Anfangs musste auch Seibert Lehrgeld bezahlen: „In Deutschland gibt es bei Therapien kaum Selbstzahler-Mentalität“, sagt sie. Geld ausgegeben wird bei Therapien meist nur, wenn die Kasse zahlt.

So justierte Temedica das Geschäftsmodell frühzeitig um und hat nun einen Vorsprung gegenüber den Wettbewerbern. Schon vor der Einführung des neuen Digitale-Versorgung-Gesetzes (DVG) im vergangenen Jahr erreichte Seibert durch Zertifizierungen und Einzelvereinbarungen mit etlichen Krankenkassen, dass diese die Kosten zum Beispiel für die App Mineo übernehmen, die Patienten mit Rückenproblemen hilft.

Bei der bislang größten Finanzierungsrunde Anfang des Jahres sammelte das Unternehmen 17 Millionen Euro von namhaften Investoren ein. Die Zahl der Mitarbeiter ist auf knapp 70 gestiegen, der Umsatz bewegt sich laut Branchenschätzungen in diesem Jahr im einstelligen Millionenbereich.

Jetzt will das Unternehmen das Momentum für den nächsten Wachstumsschub nutzen. „Es tut sich derzeit viel im Digital-Health-Markt“, sagt Seibert, „Corona hat die Zeit zwei, drei Jahre nach vorn gedreht.“

Rheuma-App ist in Arbeit

Apps auf Rezept sind derzeit in der Gesundheitsbranche ein großes Thema. Das Digitale-Versorgung-Gesetz hat die Kostenübernahme von Apps auf Rezept auf breiter Basis ermöglicht. So erstatten die gesetzlichen Krankenkassen neuerdings die Kosten für die Gesundheits-Apps Kalmeda des Herstellers Mynoise und Velibra von Gaia. Kalmeda soll bei Tinnitus helfen, Velibra ist eine Therapie gegen Angststörungen.

Temedica hat bislang auf Einzelvereinbarungen mit den Kassen gesetzt. Diese zahlen dann zum Beispiel die 75 Euro für den Onlinekurs Pelvina, der sich an Frauen richtet, die ihren Beckenboden trainieren möchten, oder für die App Waya, die sich an Übergewichtige richtet. Inzwischen wagt sich das Unternehmen – teilweise mit Partnern – auch an komplexere Krankheiten und entwickelt zum Beispiel eine App für rheumatologische Patienten.

Das DVG verschafft den Gesundheits-Apps nun ganz neue Möglichkeiten. Damit öffnet sich für die Start-ups ein Zugang zum milliardenschweren erstattungsfähigen Gesundheitsmarkt. „Es ist ein Momentum, auf das wir zurückblicken werden und sagen: ‚Da ging die Digitalisierung richtig los‘“, sagt Anne Sophie Geier, Geschäftsführerin des 2019 gegründeten Spitzenverbands Digitale Gesundheitsversorgung.

Die 31-jährige Gründerin Seibert hatte einige Jahre für McKinsey gearbeitet, ehe sie sich selbstständig machte. „Das war ein guter Berufsstart“, sagt sie, „aber mir war klar, dass ich damit nicht in Rente gehen will.“ Wie viele Gründer suchte sie auch den Impact, also die gesellschaftliche Wirkung. „Meine Vision war es, die Patientenversorgung in Deutschland durch den Einsatz digitaler Technologien zu verbessern.“

Nach der Gründung von Temedica war es nicht leicht, Investoren zu finden. „Da haben sich manche gefragt: ‚Was will dieses 24-jährige McKinsey-Mädel von mir?‘“, sagt sie heute. Die ersten Geldgeber stammten so aus dem engeren Freundes- und Bekanntenkreis.

Das hat sich rasch geändert. Die Finanzierungsrunde im Januar dürfte zu den größten gehören, die einer Start-up-Gründerin in diesem Jahr gelang. Neben den bestehenden Gesellschaftern wie Wenvest Capital und G+J Digital Ventures beteiligten sich auch MIG Fonds, Santo Venture Capital und Salvia als Neuinvestoren.

„Die Gründerin hat uns mit ihrer Energie und ihrem Unternehmergeist überzeugt zu investieren“, sagt Wenvest-Gründer Bernd Wendeln. Der digitale Gesundheitsmarkt sei für Investoren interessant, weil man nicht nur neue Geschäftsmodelle bauen, sondern auch einen Mehrwert für die Gesellschaft liefern könne.

Anstieg der Nutzungsdauer während der Krise

Temedica erkenne durch den Einsatz modernster Künstlicher Intelligenz Zusammenhänge, die dem Patienten helfen, den Alltag mit seiner Erkrankung besser zu meistern. „Wir glauben, dass Temedica in den nächsten Jahren weiter stark wachsen wird und eine der spannendsten Firmen im europäischen Digital-Health-Markt wird.“

Die Coronakrise hat die Attraktivität des Marktes noch einmal erhöht. Laut einer Studie von PwC verzeichneten 80 Prozent der befragten Anbieter eine verstärkte Nachfrage. Insgesamt seien die monatlichen Nutzerzahlen von digitalen Gesundheits- und Fitnessanwendungen in Deutschland um 16 Prozent gestiegen, berichtete PwC.

Aktuell nutzen demnach 20,4 Millionen Menschen hierzulande Digital-Health- und Fitness-Apps. „Covid-19 beschleunigt die Digitalisierung in der Medizin in einem enormen Ausmaß“, sagte Studienautor Thomas Solbach. Digital Health könne sich nun langfristig als Ergänzung traditioneller Methoden etablieren. Die Ausgaben für digitale Gesundheitslösungen könnten allein in Deutschland bis 2030 ein Marktvolumen von 40 Milliarden Dollar erreichen.

Temedica profitiere vom „First-Mover-Effekt“, sagt Seibert. Neue Konkurrenten müssen sich erst einmal durch das komplexe Geflecht von Patienten, Ärzten, Therapeuten und Kassen hindurcharbeiten. Hinzu kommen viele Regularien – durch die Einführung der Medizinprodukte-Verordnung der EU vor drei Jahren wurde alles noch komplizierter.

Das Münchener Start-up entwickelt derweil bereits die nächsten Apps. Dabei gehe es nicht darum, einfach nur schicke Texte und Videos in eine App einzubauen, sagt Seibert. Mal beinhaltet das Programm personalisierte Übungen zur Therapiebegleitung, mal werden auch äußere Einflussfaktoren wie Luftdruck und Wetter berücksichtigt. In diesem Jahr ist Temedica mit der App Pelvina auch in den USA und Großbritannien gestartet.

Als Corona kam, schraubte das junge Unternehmen im Frühjahr die Ziele für 2020 sicherheitshalber zurück – die Zahlen liegen inzwischen aber schon wieder über den ursprünglichen Erwartungen.

Das schnelle Wachstum vor allem auf der Personalseite hat das Münchener Start-up bislang ganz gut bewältigt. Dabei helfe ihr auch ihre McKinsey-Vergangenheit, sagt Seibert. „Da habe ich vier Jahre lang etablierte Strukturen gesehen und unfassbar viel lernen können.“