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Gesundheitsämter tappen im Dunkeln: Woher kommen die Infektionen?

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Ein Großteil der Infektionen findet laut der Forschung in privaten Haushalten statt. Die Rolle von Bereichen wie der Gastronomie ist allerdings nicht so leicht zu erfassen.

Der Berliner Stadtteil gehört zu den größten Corona-Hotspots Deutschlands. Foto: dpa
Der Berliner Stadtteil gehört zu den größten Corona-Hotspots Deutschlands. Foto: dpa

Die neuen Einschränkungen des öffentlichen Lebens in der Corona-Pandemie begründet Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nicht zuletzt damit, dass die Gesundheitsämter das Infektionsgeschehen kaum mehr zuordnen können.

Bei 75 Prozent der Ansteckungen wisse man nicht mehr, woher sie kämen, sagte Merkel nach der Einigung mit den Ministerpräsidenten der Länder auf einen Teil-Lockdown im November. Daher könne man nicht mehr sagen, dass bestimmte Bereiche wie Restaurants nicht zur Ausbreitung des Virus beitrügen.

Die Verbände im Gastgewerbe bestehen weiter darauf, dass ihre Branche kein Treiber der Pandemie sei – und verweisen auf Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI). Demnach sei nur eine kleine Minderheit der nachvollziehbaren Infektionen auf die Gastronomie zurückzuführen.

Allerdings: Das RKI sieht mittlerweile in vielen Landkreisen eine „diffuse Ausbreitung“ des Coronavirus Sars-CoV-2. Die Ansteckungsketten seien nicht mehr eindeutig nachvollziehbar. In dem 75-Prozent-Dunkelfeld, auf das die Kanzlerin verwies, könnten sich mehr Infektionen in Gaststätten verbergen – oder auch nicht.

Drei „Motoren“ der Pandemie

Die Datengrundlage zu den Ursprüngen von Neuinfektionen ist dünn. Häufungen von Fällen sieht das RKI vor allem im Zusammenhang mit privaten Feiern im Familien- und Freundeskreis. Dazu kommen Ausbrüche in Gemeinschaftseinrichtungen, etwa Alten- und Pflegeheimen oder Flüchtlingsheimen. Auch die Rolle von Kindertagesstätten und Schulen, des beruflichen Umfelds und von religiösen Veranstaltungen hebt die deutsche Seuchenschutzbehörde hervor.

Die Beschreibung des RKI deckt sich mit Studienergebnissen. In der Fachzeitschrift „Science“ erschien in der vergangenen Woche ein Übersichtsartikel von Forschern von der US-Universität Johns Hopkins, der den Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Corona-Treibern zusammenfasst. Sie machen drei „Motoren“ der Pandemie aus.

Obwohl sich der Wissensstand zum Virus ständig weiterentwickele, seien die grundlegenden Treiber mittlerweile gut bekannt, schreibt das Forscherteam um die Epidemiologin Elizabeth Lee. Neben der Verbreitung durch Reisende zwischen Regionen, Staaten und Kontinenten seien das private Haushalte, auf die wahrscheinlich ein Großteil der Infektionen entfalle. Die Autoren verweisen auf mehrere Studien, denen zufolge 46 bis 66 Prozent der Ansteckungen haushaltsbasiert seien.

Eine große Untersuchung aus Südkorea sei nach der Analyse von mehr als 59.000 Fällen zu dem Schluss gekommen, dass die Ansteckungsgefahr in einem Haushalt sechsmal höher sei als bei anderen engen Kontakten. In diese Kategorie fallen auch Einrichtungen, in denen Menschen wie bei privaten Haushalten eng zusammenleben – also Gefängnisse, Sammelunterkünfte oder Pflegeheime.

ÖPNV offenbar kein Problem

Ein dritter Motor der Pandemie sind die Kontakte in der Öffentlichkeit – und hier werden auch die US-Forscher vage. Das Infektionsrisiko hänge von einem „komplexen Zusammenspiel“ unterschiedlicher Faktoren ab und sei daher für jeden Bereich schwer zu messen. Eine wichtige Rolle komme aber sogenannten Superspreading-Events zu – also wenn ein Infizierter bei einem Ereignis viele Menschen ansteckt, teilweise ohne selbst Symptome zu zeigen.

Die Daten des RKI für Deutschland zeigen, dass mehr als die Hälfte der Fälle, die einem Ausbruch zugeordnet werden können, im Wohnumfeld liegt. Die Bereiche Freizeit, Speisestätte und Übernachtung, die von dem Teil-Lockdown besonders betroffen sind, haben einen geringen Anteil. Auch öffentliche Verkehrsmittel scheinen kein Problem zu sein.

Wackelige Statistik

Das Institut versieht seine Statistiken aber mit einem Warnhinweis: Die Angaben zum Infektionsumfeld von Ausbrüchen seien „mit Zurückhaltung zu interpretieren“. Denn die Zuordnung sei nicht immer eindeutig.

Die mit der Kontaktnachverfolgung bereits überlasteten Gesundheitsämter hätten nicht immer die Kapazität, detaillierte Informationen zu Ausbrüchen zu erheben und zu übermitteln. Auch durch die lange Inkubationszeit von bis zu zwei Wochen lasse sich nicht immer genau abgrenzen, wo die Übertragung stattgefunden habe.

Als ein Beispiel nennt das RKI den öffentlichen Personenverkehr: Dorthin ließen sich Ausbrüche schwer zurückverfolgen, da in vielen Fällen die Identität eines Kontaktes im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbar sei.

Die Zahl von Infektionen in Bussen und Bahnen könnte also untererfasst sein. Dort wo Menschen in einem Haushalt oder in Gemeinschaftsunterkünften zusammenleben, sind Ansteckungsketten dagegen oft leichter zu ermitteln.