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Die Gesamtauslastung liegt schon jetzt bei fast 90 Prozent: Wie viel Kraft haben die Kliniken in der vierten Corona-Welle noch?

·Lesedauer: 6 Min.

34 Patientinnen und Patienten mit Covid-19 zählte Jochen A. Werner Anfang der Woche in seiner Klinik, 14 davon auf der Intensivstation. Die meisten auf letzterer sind nicht vollständig geimpft oder leiden unter Vorerkrankungen. Der Professor ist ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen, er behält die Auslastung dort genau im Blick. Die Anzahl an Covid-19 Patientinnen und -Patienten sei in der Klinik innerhalb einer gewissen Schwankungsbreite seit Wochen relativ stabil, sagt er Business Insider. "Es gibt aktuell keine Kapazitätsprobleme oder eine akute Überlastung des Personals, ebenso läuft unser reguläres Operationsprogramm."

Dies sei allerdings eine Momentaufnahme – im Gesamtkosmos Krankenhaus mit seinen endlichen Ressourcen könne eine Verschärfung der Corona-Situation auch Auswirkungen auf die Behandlung anderer Krankheitsbilder haben.

Eine generelle Überlastung der Kliniken sieht Werner derzeit nicht, allerdings könne es punktuell sehr wohl zu erheblichen Belastungen kommen. Und: Wenn Engpässe auftreten, dann fast ausschließlich im Bereich Personal, betont er. Betten gebe es genug, und schlimmstenfalls könnten Betten umgewidmet werden. "Die zentrale limitierende Ressource ist das Personal", sagt Werner.

Nicht überall scheint die Lage noch so überschaubar wie an der Universitätsmedizin Essen. Deutschland trifft die vierte Corona-Welle mit Wucht. Die Zahl der nachgewiesenen Neuinfektionen explodiert förmlich, immer mehr Menschen müssen intensivmedizinisch behandelt werden. Bei der Situation auf den Intensivstationen gibt es Unterschiede in den Ländern: In Bayern ist die Krankenhaus-Ampel des bayerischen Gesundheitsministeriums auf Rot gesprungen, die Grenze von 600 Corona-Patienten auf den Intensivstationen ist überschritten.

Neben Bayern verzeichnen die Nachbarländer Thüringen und Sachsen bundesweit die höchsten Anteile an Covid-Patienten an der Gesamtzahl der Intensivbetten. Dort ist, in Bezug auf Erwachsene, mehr als jedes fünfte betreibbare Bett mit Covid-19-Patienten belegt. Das geht aus den Daten des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) hervor. Die Sorge geht um, dass Kliniken bald an ihre Grenzen stoßen – oder bereits am Limit sind. Wie lange geht das noch gut?

Mit über 50.000 Corona-Fällen meldete das Robert Koch-Institut (RKI) diese Woche einen Höchststand

"Wir fahren im Nebel ohne GPS", warnt Christian Karagiannidis, der Leiter des Divi. Er hat mit dem Mathematiker Andreas Schuppert von der RWTH Aachen berechnet, wie dramatisch eine Auslastung der Intensivstationen in den kommenden Wochen aussehen könnte: Bei Corona-Inzidenzen von 250 bis 400 steigt die bundesweite Belegung auf mindestens 3500 bis maximal 6000 Covid-Patienten. Das wäre ein neuer Höchstwert.

"Es wird ein sehr stürmischer Herbst", sagt Uwe Janssens, Präsidiumsmitglied der Divi, voraus. 0,8 Prozent der Infizierten benötigten eine intensivmedizinische Behandlung, so Janssens. Man müsse sich für die Entwicklung nur die steigenden Infektionszahlen vor Augen halten. Von 1000 Corona-Infizierten landen demnach acht auf der Intensivstation.

Mit über 50.000 übermittelten Corona-Fällen innerhalb von 24 Stunden meldete das Robert Koch-Institut (RKI) erst am Donnerstag einen Höchststand bei den neuen Corona-Infektionen. Von diesen Fällen landen rein rechnerisch rund 400 auf der Intensivstation. Gerald Gaß, Vorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), rechnet deswegen bereits Ende der kommenden Woche mit insgesamt 4000 Corona-Patienten auf den Intensivstationen.

Durchschnittlicher Covid-Intensivpatient ist "derzeit ungeimpft, männlich und mittleren Alters"

Wie sieht es dort gerade aus? Über 2800 Corona-Patienten wurden zuletzt intensivmedizinisch behandelt. "Noch sind die Intensivbelegungen deutschlandweit niedriger als im Dezember 2020", vergleicht Mathematiker Schuppert. Damals waren es zwischenzeitlich mehr als 5500 Patienten. Im Laufe der Woche lag die Zahl der täglichen Neuaufnahmen aber deutlich über 200.

Ein durchschnittlicher Covid-Intensivpatient ist laut DKG "derzeit ungeimpft, männlich und mittleren Alters". Weil das Durchschnittsalter der Covid-Intensivpatienten zwischenzeitlich auf unter 50 Jahre gesunken ist, müssen Mediziner länger als zuvor um das Leben der Erkrankten kämpfen. Jüngere Menschen liegen im Schnitt länger auf der Intensivstation, weil sie bessere Überlebenschancen haben.

"Ein jüngerer Patient, der beatmet werden muss, liegt viel länger auf der Intensivstation", erklärt Janssens. Die hohe Liegedauer bedeute eine zusätzliche Belastung. Beim bisherigen Höchstwert im Januar 2021 mit mehr als 5700 belegten Intensivbetten waren die Patienten laut DKG im Schnitt fast 80 Jahre alt.

RKI: Aktuell sind rund 36 Prozent der über 60-jährigen Covid-Fälle auf Intensivstationen "wahrscheinliche Impfdurchbrüche"

Ein Problem ist auch die nachlassende Wirkung der Impfung. Die DKG sagt: "Impfdurchbrüche zeigen sich fast ausschließlich bei Älteren." Das ist ein Grund, warum der Altersdurchschnitt auf den Intensivstationen nun wieder ansteigt. Aktuell seien 36 Prozent der über 60-jährigen Covid-Patienten auf Intensivstationen "wahrscheinliche Impfdurchbrüche", teilt das RKI mit.

Intensivmediziner Janssens prophezeit deshalb: "Wir werden auch eine Pandemie der Durchbruchsinfektionen haben." Im September 2021 waren laut DKG mehr als 90 Prozent der Covid-Intensivpatienten ungeimpft, Anfang November dagegen nur noch 74 Prozent.

Zusätzlich sind innerhalb eines Jahres laut Intensivregister etwa 5000 Betten – davon rund 3000 Beatmungsbetten – verloren gegangen. Janssens erklärt: "Diese Betten sind noch da, können aber wegen fehlenden Personals nicht genutzt werden." Das heißt: Der Mangel an Pflegekräften kommt in diesem Corona-Herbst noch erschwerend hinzu.

Wie kann diese Entwicklung gestoppt werden, damit nicht ein neuer Höchststand bei der Bettenbelegung erreicht wird? Karagiannidis spricht von einer "freiwilligen Verhaltensänderung der Bevölkerung" und nennt die Stichwörter 2G, also Zutritt zu etwa Veranstaltungen nur für Geimpfte und Genesene, und Booster, also das Auffrischen des Impfstatus vor allem bei vulnerablen Gruppen. Schuppert verweist zudem darauf, dass die Quote vollständig Geimpfter um zehn Prozentpunkte zu niedrig sei – sie liegt aktuell bei 67,4 Prozent (Stand 12.11.). Das würde Deutschland ein gutes Stück näher an die sogenannte Herdenimmunität bringen.

"Die Gesamtauslastung liegt schon jetzt bei fast 90 Prozent"

Wenn der Druck zunimmt, müssen die Kliniken reagieren. "In einzelnen Regionen finden bereits Verlegungen in weiter entfernte Krankenhäuser statt", sagt DKG-Vorsitzender Gaß. In Berlin werden planbare Eingriffe abgesagt. Derzeit kennt die Zahl der belegten Intensivbetten in Deutschland nur eine Richtung: nach oben. Die Inzidenz steigt, die Intensivstationen füllen sich. "Die Gesamtauslastung liegt schon jetzt bei fast 90 Prozent", warnt Gaß und ergänzt: "Das ist ein sehr hoher Wert, der normalerweise erst auf dem Höhepunkt der Grippe- und Unfallsaison im Winter erreicht wird."

Jochen Werner von der Universitätsmedizin Essen warnt "bei aller notwendigen Sensibilität aber vor Alarmismus und Panikmache". Das deutsche Gesundheitssystem hat aus seiner Sicht seine Krisenfestigkeit bewiesen. Es sei aber nicht zu leugnen, dass die seit fast zwei Jahren andauernde Pandemie auch Langzeiteffekte hinsichtlich einer gewissen physischen und mentalen Erschöpfung des Personals bewirkt hat.

Was nicht zu leugnen sei: ein zunehmendes Unverständnis über das Verweigern einer Impfung und die Inkaufnahme einer schweren, möglicherweise lebensbedrohlichen Erkrankung. "Unsere Beschäftigten sind schließlich auch Menschen", sagt er. Seit Beginn der Pandemie hat die Universitätsmedizin Essen über 2800 Patientinnen und Patienten mit Covid-19 versorgt, über 420 sind im Zusammenhang mit der Erkrankung verstorben. "Zumindest in den letzten Monaten hätten viele Patientinnen und Patienten durch eine Impfung gerettet werden können", sagt er. "Dieser Umstand ist für unsere Beschäftigten frustrierend."

fj/mit dpa

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