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GESAMT-ROUNDUP: Der Wagen parkt sich selbst - der autonome Rest kommt später

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STUTTGART (dpa-AFX) - Wie schön wäre es, wenn der Wagen das leidige Parken selbst übernehmen könnte. Die Suche nach einer freien Lücke ist für Autofahrerinnen und Autofahrer oft ein besonderes Ärgernis - vor allem, sofern sie dafür auch noch in ein dunkles, enges Parkhaus müssen. Zumindest diese Mühsal könnte aber schon bald der Vergangenheit angehören. Der Fahrer steigt vorher aus, tippt auf eine Smartphone-App - und schon rollt das Auto wie von Geisterhand gesteuert zum zugewiesenen Platz.

Bosch, Daimler <DE0007100000> und der Parkhausbetreiber Apcoa wollen künftig mit dem Stuttgarter Flughafen diesen Service anbieten. Ziel des Testbetriebs in dem Airport-Parkhaus sei es, das reibungslose Zusammenspiel von Fahrzeug, Infrastruktur-Technik und Parkhausbetreiber zu erproben, erklärten die Unternehmen am Montag. Das Parkhaus wurde dazu mit 180 Kameras ausgerüstet, so Rolf Nicodemus, Leiter Vernetztes Parken bei Bosch. Damit habe man einen Einblick in jede Ecke. Und so könne auch über die Ebenen hinweg sowie auf Gegenverkehr reagiert werden.

Seit 2015 kooperieren der größte Autozulieferer der Welt und der Daimler-Konzern beim "Automated Valet Parking". 2017 stellten sie das Thema erstmals im Parkhaus des Stuttgarter Mercedes-Benz-Museums vor. Vor einem Jahr folgte dann die Zulassung der Behörden, die Tests ohne jeden Menschen im Auto oder in der Nähe des Autos fortzuführen.

Airport-Manager Walter Schoefer sieht Vorteile für Passagiere: "Das gilt ganz besonders, wenn sie in Eile sind und schnell ihr Auto loswerden wollen." Apcoa-Mann Frank van der Sant hält Parkhäuser an Flughäfen für ideale Einsatzorte der Technik. Man wisse hier genau, wann der Fahrer zurückkehre. "In innerstädtischen Parkhäusern ist das nicht der Fall." Bei einem steigenden Anteil des fahrerlosen, voll automatisierten Parkens passten bis zu ein Fünftel mehr Fahrzeuge auf die gleiche Fläche. Außerdem verringere das System den Suchverkehr.

Doch noch steht das Ganze am Anfang. Bisher hat allein die S-Klasse von Mercedes-Benz die notwendige Technik an Bord, um per Smartphone-Befehl von selbst zum reservierten Stellplatz zu fahren. Die neue Baureihe des Daimler-Luxusmodells soll im Dezember in den Verkauf gehen. Um tatsächlich autonom parken zu können, müssen Interessierte dann nach Konzernangaben noch ein Extra-Parkpaket als Zusatzausstattung bestellen. Kostenpunkt: mehrere Tausend Euro.

Das autonome Fahren ist eine der zentralen Zukunftstechniken in der Branche. Autohersteller und -zulieferer stecken Milliarden in die Entwicklung höherwertiger Systeme ("Level 3" bis "Level 5"), die über reine Fahrerassistenz und teilweise Automatisierung ("Level 1 und 2") hinausgehen. Insgesamt verlaufe der Trend aber langsamer, als viele zunächst vermuteten, erklärt Christoph Stürmer von der Beratungsfirma PwC: "Wir werden die Volldurchdringung im Markt erst Schritt für Schritt sehen." Zum Ende dieses Jahrzehnts dürfte ungefähr jeder fünfte Neuwagen in Europa so ausgestattet sein - ein "Big Bang" beim vollautonomen Fahren sei nicht so schnell zu erwarten.

Das hat verschiedene Gründe. Etliche Kunden sind noch skeptisch, ob ein sich selbst steuerndes Auto wirklich sicher ist. In den USA gab es schon Unfälle. Zudem erfordern die hochkomplexe Vernetzung und Sensorik immense Investitionen. Ob das angesichts der finanziellen Einbußen durch die Corona-Krise aufrechtzuerhalten ist? Unternehmen müssen stärker zusammenarbeiten - so etwa VW <DE0007664039> mit Ford <US3453708600> oder Daimler mit Nvidia <US67066G1040>. Stürmer glaubt: "Das Leitbild des vollautonomen Fahrzeugs bleibt eine Vision. Es ist aber eine sehr kraftvolle Vision."

Martin Hart, bei der Daimler-Kernmarke Mercedes-Benz für die Entwicklung von Assistenzsystemen zuständig, fordert mehr Tempo. Das Klima für automatisiertes Fahren sei freundlicher geworden. Um komplexere Anwendungen auch in den Massenmarkt bringen zu können, seien aber noch abschließende Genehmigungen nötig. Weder Bosch noch Daimler nannten einen Zeitpunkt, bis wann damit zu rechnen sei.

In der Tat ist die "Regulatorik", also der rechtlich-politische Rahmen, ein ebenso entscheidender Faktor. Beim letzten "Autogipfel" im September preschten Bundesregierung und Branche vor: Deutschland solle eine internationale Vorreiterrolle beim autonomen Fahren einnehmen. Bereits ab 2022 soll ein Regelbetrieb möglich sein.

Behörden rüsten sich für die Aufsicht über die neuen Standards - und Risiken, die mit der Technik einhergehen. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) schlossen eine entsprechende Vereinbarung. "Gemeinsam werden wir dazu beitragen, das automatisierte und vernetzte Fahren mit der erforderlichen Sorgfalt und Umsicht voranzubringen", sagt KBA-Chef Richard Damm. Sein Kollege Arne Schönbohm vom BSI betont: "Moderne Autos sind fahrende Hochleistungsrechner. Die Frage der Sicherheit muss somit auch auf diesen Bereich ausgeweitet werden, denn mögliche Cyber-Angriffe dürfen keinen Einfluss auf die Fahrsicherheit haben."