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Gerry-Weber-COO Schindler-Obenhaus könnte zur Chefin aufsteigen

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Die operative Chefin des Modeunternehmens arbeitet an der Spitze eines Unternehmens in der Krise. Nach ihrer ersten Zwischenbilanz könnte sie sich gar als CEO empfehlen.

Fast zwei Stunden Zeit hat sich Angelika Schindler-Obenhaus für die 100-Tage-Bilanz nach ihrem Amtsantritt bei Gerry Weber International genommen. Seit Anfang August ist sie Chief Operating Officer beim krisengeschüttelten Modeunternehmen. Es geht darum Unternehmen und Marken neu aufzustellen.

Zu ambitionierte Expansionspläne, patriarchale Struktur, starres Festhalten an Bewährtem: Das Unternehmen aus dem westfälischen Halle ist weit vorher in Schwierigkeiten geraten. Ralf Weber, Sohn des vor wenigen Wochen verstorbenen, namensgebenden Firmenmitgründers Gerhard Weber, hat den Konzern nicht rechtzeitig umsteuern können. Anfang 2019 ging Gerry Weber, 1973 gegründet, insolvent. Seit Anfang 2020 ist das Verfahren beendet, seit Oktober werden die Aktien des 1989 erfolgreich an der Börse gestarteten Unternehmens wieder gehandelt.

Im ersten Halbjahr lag der Verlust bei 34 Millionen Euro, im ersten Halbjahr 2019 waren es noch 144 Millionen Euro gewesen. Der Umsatz in den ersten sechs Monaten ist mit etwas mehr als 140 Millionen Euro um 40 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum geschrumpft. Die Finanzinvestoren Robus, Whitebox und JP Morgan sind heute die größten Anteilseigner.

Schindler-Obenhaus hat das alles nicht abgehalten. Die 58-Jährige, die zuvor 15 Jahre beim Modedienstleister und Einkaufsverbund Katag arbeitete und die vergangenen zehn Jahre dort im Vorstand Produkt, Marketing und IT verantwortete, ist das neue Gesicht Gerry Webers.

Sie gehört damit zu denjenigen, die sich trauen, in die Geschäftsführung eines Unternehmens zu gehen, bei dem viel zu tun und nicht klar ist, ob Engagement, Fleiß und Ideen reichen werden, um die Geldgeber zufriedenzustellen.

Schindler-Obenhaus ist voller Tatendrang, sie habe eine grundsolide Basis vorgefunden: „Refinanziert, restrukturiert, ein schlankes Team.“ Sie habe mit vielen Mitarbeitern gesprochen, in den „Apparat hineingehorcht“, in Workshops festgestellt, dass Gerry jetzt eine Frau ist.

Ihre Leidenschaft für das Unternehmen war schon vorher entfacht, berichtet sie im Rahmen der Zwischenbilanz. Ihrem früheren Arbeitgeber Katag habe sie zeitig signalisiert, dass sie ihren Vertrag nicht verlängern wolle. Damals hatte sie aber noch keine Idee, was kommen sollte. Im Februar dann hat Gerry Weber Chef Alexander Gedat angerufen, ein unverbindliches Gespräch.

Gedat möchte zurück in den Aufsichtsrat

Aber: „Ich habe mich die ganze Zeit damit beschäftigt, da habe ich eine Vision und Ehrgeiz entwickelt.“ Sie will die Marken cooler, lässiger machen, Nachhaltigkeit soll eine noch größere Rolle spielen, auch mit den Themen Recycling, Upcycling und Secondhand werde sie sich befassen. Daniel Terberger, ihr früherer Vorstandschef bei Katag, ist überzeugt, dass Schindler-Obenhaus in einer besonders schwierigen Marktsituation, „die richtige Person fürs Produkt ist“.

Das sei das Wichtigste. Sie habe viel Erfahrung in der modern-klassischen Mode, deren Zielgruppe groß und lukrativ sei. „Ihr Fokus auf qualitativ hochwertige und nachhaltige Produkte“, sagt er, „kann ein Schlüssel zum Erfolg sein.“

Zugleich ist die harter Restrukturierungsarbeit bei Gerry Weber noch nicht beendet. „Es fehlt an Geld, Geschäftsmodell und Zielgruppe im Netz. Da wurde in der Vergangenheit zu wenig investiert“, urteilt ein Branchenexperte. Hinzu kämen neben der Coronakrise noch weitere Herausforderungen, wie die noch zu schwache Präsenz im Onlinegeschäft, die vielen eigenen Läden und schwächelnde Großhandelskunden wie Galeria Karstadt Kaufhof und Appelrath Cüpper. Derzeit betreibt Gerry Weber noch 588 selbst gemanagte Flächen. 211 wurden im Zuge der Insolvenz geschlossen.

CEO Alexander Gedat und Restrukturierungsvorstand Florian Frank tickten in Bezug auf die Unternehmenskultur „gleich“, sagt die Managerin. Das sind gute Voraussetzungen für mehr, denn: In der Branche gehen einige davon aus, dass Schindler-Obenhaus, die als Berufsziel nie Vorstand angegeben hat, in nicht allzu langer Zeit den Posten des CEO übernehmen könnte. Gedat ist nur interimsweise aus dem Aufsichtsrat an die Vorstandsspitze gerückt. Und dorthin will er wohl gern wieder zurück. Wie es letztlich kommt, entscheidet der Aufsichtsrat.