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Geplante Obsoleszenz – Kaufen für den Schrotthaufen

Zahlreiche Industrieerzeugnisse, die wir tagtäglich nutzen, sind in ihrer Lebensdauer künstlich beschränkt. Immer mehr Verbraucher wollen die kurzen Lebenszyklen ihrer Elektrogeräte nicht mehr hinnehmen. Und tatsächlich gibt es Möglichkeiten, sich in kleinen Schritten dagegen zu wehren.

Wer kennt das nicht: Plötzlich ist das Display der Digitalkamera nur noch schwarz. Ärgerlich: Die Garantie ist gerade erst abgelaufen – Zufall? Ein neues Display wäre auf Ebay schnell gefunden - doch wer traut sich, das selbst einzubauen? Oft landen unsere noch gar nicht so alten Kameras, Handys oder Drucker auf dem Müll oder im Keller. Anstatt sich aufwändig um die Reparatur zu kümmern, durchforstet man die mit Geizangeboten lockenden Elektronikmärkte nach einem halbwegs erschwinglichen Nachfolgemodell oder wartet auf das nächste Discounter-Elektro-Schnäppchen.

Nicht zuletzt die am Montag ausgestrahlte ARD-Doku der "Markencheck"-Reihe, die Image, Preis und Fairness der Kette „Mediamarkt“ unter die Lupe nahm, zeigt: Geiz ist in Deutschland in Mode, wir leben in einem Elektronik-Schnäppchen-Paradies und die Hemmschwelle, seine noch funktionierende Espressomaschine oder seinen voll funktionstüchtigen TV durch ein noch schickeres, hipperes Gerät einzutauschen, ist niedrig.

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Werden wir von der Industrie veräppelt?
Jeder ahnt es: In vielen Fällen ist dieser Verschleiß von der Industrie gewollt, das "Todesdatum" eines Produktes bereits geplant. In der eindrucksvollen Arte-Dokumentation „Kaufen für die Müllhalde“ von Cosima Dannoritzer wird am Beispiel eines Druckers gezeigt, wie so etwas heutzutage funktionieren kann. Das Gerät gibt nach einer bestimmten Anzahl von Drucken den Geist auf. Doch die Hardware ist eigentlich noch in Ordnung und der Drucker noch nicht alt.  Warum also ploppt plötzlich ein Fenster auf, um mitzuteilen, dass er nicht mehr funktioniert? Das Geheimnis ist ein kleiner, im Schaltkreis des Druckers eingebauter Chip, der die Lebensdauer vorschreibt, indem er die Zahl der Druckvorgänge mitzählt und bei einer bestimmten Menge einfach „Schluss“ sagt. Im Internet gibt es Anleitungen, wie man den Chip deaktivieren kann. Und tatsächlich gelingt es, mit der Hilfe aus dem Netz den Drucker wieder einwandfrei zum Laufen zu bringen.

Der Fachbegriff für diesen absichtlichen Verschleiß ist geplante Obsoleszenz, was soviel heißt wie die bewusste Verkürzung der Lebensdauer von Produkten – um den Konsum anzukurbeln. Bereits 1928 schrieb eine Werbezeitschrift unumwunden: "Ein Artikel, der sich nicht abnutzt, ist eine Tragödie fürs Geschäft".

Auch der erste iPod wird in dem Beitrag als Beispiel für geplante Obsoleszenz genannt: Hatte er doch einen Akku, der nachweislich nur 18 Monate hielt – und unpraktischerweise nur für horrende Kosten austauschbar war.  Immerhin hatte in diesem Fall eine Sammelklage von US-Verbrauchern gegen Apple Erfolg – US-Käufer des Geräts erhielten damals eine Entschädigung. Auch heute noch fragen sich viele, warum die sonst stets mit Innovationen aufwartende Firma Apple in Bezug auf Akkus einen solchen Rückschritt gemacht hat: Konnte früher noch jedes Kind mit einem Handgriff seinen Handyakku austauschen, benötigt man dazu bei den iPhones mittlerweile Spezialwerkzeug und eine Expertenanleitung. Dennoch gibt die Firma auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks an: „Apple plant keineswegs eine geplante Obsoleszenz seiner Produkte“.

Die Rekord-Glühbirne von Livermore






 Das bekannteste Beispiel für geplante Obsoleszenz ist die Glühbirne: Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts gab es die "perfekte Glühbirne", die ewig leuchtet – ein Exemplar brennt seit 110 Jahren in einer Feuerwehrstation des amerikanischen Westküstenstädtchens Livermore. Man kann sich sogar via Webcam jederzeit davon überzeugen, dass sie noch brennt.


Da aber Produkte, die lange halten, nicht mehr so oft nachgekauft werden, mussten sich die Hersteller etwas ausdenken. So wurde im Dezember 1924 in Genf von den international führenden Glühlampenherstellern ein Kartell gegründet, das die Lebensdauer von Glühbirnen von 2500 auf 1000 Stunden begrenzte. Für jede verkaufte Glühbirne, die länger brannte, mussten fortan empfindliche Strafen gezahlt werden. Und auch die unkaputtbare Nylonstrumpfhose wurde schleunigst wieder aus dem Verkehr gezogen und durch ein weniger haltbares Modell ersetzt. Dafür wurden einfach Zusatzstoffe, die sie vor Versprödung durch UV-Licht schützten, deutlich verringert, um die Haltbarkeit der Nylon-Fasern deutlich zu verkürzen.

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Für die einen ist das ein notwendiger Motor der Marktwirtschaft- für die anderen eine Ressourcenverschwendung, die unsere Erde nicht lange aushalten wird. Allein im Jahr 2010 produzierten die Bundesbürger 700 000 Tonnen Elektroschrott, bis 2020 werden sich Prognosen zufolge europaweit 12,3 Millionen Tonnen anhäufen. Die hässliche Kehrseite der kunterbunten Hochglanz-Wegwerfgesellschaft, die sich jedes Jahr das aktuellste Smartphone-Modell zulegt, zeigt sich auf den riesigen Elektroschrottdeponien in Afrika, wo viele unserer ausrangierten Geräte illegalerweise hin exportiert werden. Dort gefährden Kinder und Jugendliche ihr Leben, indem sie auf der Suche nach Kupfer Plastikgehäuse und Kabelisolierungen verbrennen.

Zurück zur Kultur der Reparatur!


Viele Verbraucher wollen sich mit dem Wegwerfwahn und Koma-Konsum jedoch nicht mehr abfinden. Sie tummeln sich beispielsweise auf der Seite ifixit.com. Dort posten Experten und Hobbybastler verständliche Schritt-für-Schritt-Anleitungen für alle möglichen Elektrogeräte – und zeigen zum Beispiel, wie Sie mit ein wenig Fingerspitzengefühl und dem richtigen Werkzeug den Akku ihres iPhones selbst wechseln können – auch wenn das vom Hersteller offensichtlich kaum gewollt ist.

Auch  die Seite insidemylaptop.com bietet zahlreiche Anleitungen. Bei Notebooks kann sich der Griff zum eigenen Schraubenzieher durchaus lohnen - allerdings sollte man erst nach Ablauf der Garantie selbst schrauben. Denn unter Umständen erlischt das Anrecht auf Reparatur, wenn man selbst Hand angelegt hat. Informationen rund um das Thema sammeln Gleichgesinnte zudem auf einigen privaten Facebookseiten.

Ob ein defekter Akku oder ein Riss im Tablet-Display: Die Seiten beweisen, dass man viele Reparaturen auch heute noch in Eigenregie übernehmen kann. Häufig kann zum Beispiel bereits die Reinigung des Laptoplüfters Abhilfe schaffen, wenn der Laptop schnell überhitzt. Wer sich das nicht selbst traut, kann sich auch an den kleinen Elektroladen an der Ecke wenden – und wird mit Sicherheit zumindest ein paar hilfreiche Tipps bekommen.

"Viele Leute kaufen immer die Originalbauteile, dabei gibt es meistens günstigere Alternativen, die es genauso tun", meint Bernhard Türk, der viele Jahre einen kleinen Laptop-Reparaturservice in Köln geführt hat. Er reparierte oftmals für zweistellige Beträge die Notebooks von Kunden, denen im Geschäft weisgemacht wurde, sie sollten sich am besten ein neues Gerät oder zumindest teure Ersatzteile kaufen, da sie nur mit unverhältnismäßigem Aufwand repariert werden könnten – dass Ersatzakku und Netzteil vom Fremdanbieter für wenig Geld im Internet zu haben waren, erfuhren die verdutzten Kunden häufig erst von dem freundlichen Elektrofachmann an der Ecke. Nach Meinung von Türk werden viele Preise von Ersatzteilen künstlich hochgehalten. "Selbst einfache Kabel sind bei den großen Elektronikgeschäften oft unverschämt teuer", findet er. Viele Menschen kaufen deshalb lieber gleich ein neues Gerät, "weil die Dinger heutzutage so billig geworden sind".

Auch Türk ist überzeugt, dass viele Produkte so hergestellt werden, dass sie schnell kaputt gehen. Bei Notebooks sind häufige Schwachstellen der Bildschirmmechanismus und die Anschlussbuchse für das Netzwerkteil (das Netzteil schmilzt zum Beispiel manchmal im Laptopgehäuse fest).

Besonders Akkus geben laut Türk schnell den Geist auf. Mit einem kleinen Trick lasse sich manchmal jedoch  ein „totgeglaubter“ Lithium Ion Akku wieder beleben. „Man muss ihn einfach für einige Stunden in die Gefriertruhe legen, natürlich in Plastikfolie eingewickelt“, so Türk. Manch ein Akku sei danach wieder wie neu.

Das wollen wir im Yahoo! Finanzen-Test nachprüfen: Wir wickeln einen alten Handyakku (Einzellenakku, 3,7 Volt) dicht in Frischhaltefolie ein (so dass sich möglichst keine Lufträume bilden). Nach 24 Stunden holen wir den Akku wieder aus dem Kühlfach oder der Gefriertruhe, lassen ihn zunächst in der Folie und warten, bis sich der Akku etwa auf Zimmertemperatur erwärmt hat. Dann die Folie vorsichtig abnehmen (ohne dass Kondenswasser an den Akku gerät) – und  Akku aufladen. Siehe da, tatsächlich  ist der Handy-Akku wie neu. Das gleiche Experiment wiederholen wir mit einem alten Camcorder-Akku (Zweizellenakku, 7,4 Volt), der nur noch 10 Minuten hielt. Bei diesem Test haben wir weniger Erfolg: Die Akkulaufzeit hat sich nach unserem Experiment nicht sonderlich verbessert. Unsere Vermutung: Eine Zelle des Zweizellenakkus war wahrscheinlich schon irreparabel defekt. (Achtung: Nachahmung auf eigene Gefahr).

Natürlich sind nicht alle Geräte reparierbar.  Wenn ein Elektrogerät mal wirklich nicht mehr zu retten ist, gibt es jedoch immer noch Bastler, die sich über die ausrangierten Geräte freuen - viele suchen defekte Laptops auf Portalen wie "Ebay Kleinanzeigen" oder Quoka. "Ich habe schon viele alte Geräte wieder in Stand gesetzt, die ich nach Afrika verschenkt habe oder an Schulen gespendet", sagt Türk. 

Wer keinen Abnehmer findet, muss sein Gerät zumindest ordnungsgerecht entsorgen.  Und das soll mit einer gerade erst verabschiedeten EU-Richtlinie für den Konsumenten künftig noch bequemer werden. Sie verpflichtet alle Elektrohändler, E-Schrott zurückzunehmen. Doch es geht noch einfacher: Die Berliner Firma Alba möchte Konsumenten bald die Möglichkeit bieten, ausgedientes Elektrokleinzeug einfach in einen Umschlag zu stecken und kostenlos an den Entsorgungskonzern senden zu dürfen. Dann gibt es wirklich keine Ausrede mehr, Müll nicht richtig zu entsorgen.

Autor: Meike Strüber

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