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Geldpolitik für die Börsen: Notenbanken gefährden ihre Reputation

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Bei jedem Kurseinbruch in den vergangenen Jahrzehnten flutete die Fed die Märkte mit Geld. Auch die EZB droht sich zum Sklaven der Börsen zu machen.

Inflation enteignet vor allem die „kleinen Leute“. Während Wohlhabende sich durch Investitionen in Realkapital wie Aktien, Immobilien oder Gold vor Geldentwertung schützen können, schmilzt bei steigenden Preisen die Kaufkraft der Ersparnisse von Klein- und Mittelverdienern.

Inflationsgewinner sind durchweg die Schuldner – und da der Staat meist der größte Schuldner ist, gibt es viele historische Beispiele, in denen sich Regierungen ihrer Schulden durch Inflation entledigten, indem sie die Geldpressen anwerfen ließen.

So sorgte die vom NS-Regime gleichgeschaltete Reichsbank für eine geräuschlose Kriegsfinanzierung, deren Inflationspotenzial sich nach Kriegsende entlud. In der Währungsreform von 1948 bekam jeder Westdeutsche für 100 Reichsmark ganze 6,50 D-Mark – was vielen Deutschen noch lange in böser Erinnerung blieb, zumal die Hyperinflation der frühen 1920er-Jahre für die Älteren bereits ein traumatisches Erlebnis war. Die Wirtschaftswunderjahre verdrängten allmählich diese Inflationsängste.

Im Jahr 1958 zeigte der Ökonom Bill Phillips, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen Lohnentwicklung und Arbeitslosigkeit in Großbritannien gab. Daraus entstand später die „Phillips-Kurve“, aus der man einen negativen Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit ablesen konnte. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt schloss daraus, „lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit“.

Das Problem war: Man bekam beides. Die expansive Geldpolitik konnte gegen den Produktionseinbruch infolge des Ölpreisschocks in den 1970er-Jahren nichts ausrichten. Sie führte nur zu steigenden Verbraucherpreisen ohne reales Wachstum. Als ein letztes Aufbäumen des Keynesianismus in Deutschland ist der Ankauf der Bundesbank von Bundesschulden für 7,7 Milliarden D-Mark im Sommer 1975 zu werten.

Ein Jahr später vollzog die Bundesbank den Paradigmenwechsel zum Monetarismus, zur Geldmengensteuerung. Und im Oktober 1979 machte der Chef der Federal Reserve, Paul Volcker, auf einer Pressekonferenz deutlich, dass von nun an die Inflationsbekämpfungen die vorrangige Aufgabe der US-Notenbank sein werde. In der Folge wurden die Zinsen drastisch erhöht, um das Geldmengenwachstum zu dämpfen.

Die Börsen reagierten geschockt; die Wirtschaft rutschte in eine Rezession, die mutmaßlich US-Präsident Carter die Wiederwahl kostete.

Mit US-Präsident Reagan wurden Deregulierung, schlanker Staat sowie Freihandel zu den Zauberwörtern des US-amerikanischen Neoliberalismus, während gleichzeitig die Inflation zurückging. Damit war die Basis für eine jahrzehntelange Börsenhausse gelegt. Wer 1980 in den Dow Jones investierte, kann sich heute über ein Plus von mehr 3300 Prozent freuen – ungeachtet einiger veritabler Börsencrashs.

Der Grund: Bei jedem Kurseinbruch sprang die US-Notenbank zu Hilfe. Ganz gleich, ob das Platzen der New Economy Bubble, Terroranschläge in New York, Lehman-Pleite oder Covid-19 die Börsen kurzfristig einbrechen ließ – jedes Mal flutete die Fed die Finanzmärkte mit Geld.

EZB schürt Deflationsängste

Da bei jeder Medizin mit der Zeit die Wirkung nachlässt, wurden die Hilfspakete immer größer. Kürzlich schloss der heutige Fed-Chef Jerome Powell Zinserhöhungen gar bis 2023 faktisch aus. Ein längerer Anstieg der Inflation über zwei Prozent sei hinnehmbar; die Geldpolitik wolle sich in den nächsten Jahren nur auf die Stimulierung der Realwirtschaft und die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit konzentrieren. Es gilt also nicht mehr, die Kaufkraft der Bevölkerung zu schützen, sondern die Börsenkurse und nicht zuletzt die Kreditwürdigkeit des hochverschuldeten Staates.

Und was macht Europa? „Das vorrangige Ziel des europäischen Systems der Zentralbanken ist es, die Preisstabilität zu gewährleisten“, heißt es im Vertrag über die Arbeitsweise der EU. Was „Preisstabilität“ ist, steht dort aber nicht.

Seit 2003 versteht die EZB darunter eine Inflation von „unter, aber nahe zwei Prozent“. Diese Marke wurde das letzte Mal 2013 überschritten. Seitdem schürt die EZB Deflationsängste – um ihre expansivere Geldpolitik zu begründen.

Eine echte Deflation ist tatsächlich ein sehr hässliches ökonomisches Problem. Falsch ist aber, in jeder Unterschreitung des selbstgesetzten Inflationsziels ein zu bekämpfendes Deflationsrisiko zu sehen. Denn für den geringen Preisauftrieb der vergangenen Jahre gibt es gute Gründe: Die Globalisierung schuf vielfältige Optionen für Produktionsverlagerung, wodurch mit der Macht der Gewerkschaften auch der Lohndruck geschwächt wurde.

Mit der Digitalisierung kann künftig immer mehr menschliche Arbeit durch Maschinen ersetzt werden, was kräftige Lohnsteigerungen in vielen Berufen ausschließen dürfte. Ferner schuf das Internet eine noch nie da gewesene Preistransparenz, die es Anbietern immer schwerer machte, Preiserhöhungen durchzusetzen. Zudem sind neue digitale Produkte billiger als die analogen Pendants.

Eine niedrige Inflationsrate muss also kein Vorbote einer pathologischen Entwicklung sein. Vielmehr kann der reale Konsum angesichts günstiger Preise sogar steigen. Eine gefährliche Abwärtsspirale aus Käuferstreik und Preissenkungen gibt es jedenfalls nicht, weder vor noch nach dem Corona-Ausbruch. Vordergründig kämpft die EZB gegen ein Deflationsgespenst, um in Wahrheit die Schuldenlast vieler Staaten erträglich zu machen.

Eine Notenbank, die viele Jahre ihr selbst gesetztes Inflationsziel verfehlt, sollte entweder ihre Instrumente hinterfragen oder ihr Ziel anpassen. Doch noch kurz vor seinem Ausscheiden als EZB-Präsident versuchte Mario Draghi das Gegenteil durchzusetzen: „Symmetrie“ lautete das Schlagwort.

Demnach sollte die EZB die Leitzinsen erst dann anheben, wenn die Inflation genau so lange über dem Ziel gelegen hat, wie sie zuvor darunterlag. Diese Idee hat sich jüngst Fed-Chef Powell zu eigen gemacht. Auf die Euro-Zone angewendet würde dies bedeuten, dass bereits jetzt die Inflation sieben Jahre über zwei Prozent liegen müsste, ehe sich die EZB zu Zinserhöhungen genötigt sähe.

Die Finanzmärkte würden die faktische Abschaffung positiver Leitzinsen zunächst begrüßen – doch schon bei nächster Gelegenheit weitere Schritte einfordern. Mit der Übernahme dieses Konzepts würde sich die EZB freiwillig zum Sklaven der Börsen machen.

Man kann EZB-Chefin Christine Lagarde nur warnen, sich auf dieses gefährliche Spiel einzulassen. Nichts weniger als die Reputation der EZB steht auf dem Spiel.

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