Deutsche Märkte geschlossen

Wie geht der Krieg in der Ukraine aus? Das sind die 6 wahrscheinlichsten Szenarien laut Experten

 - Copyright: Gleb Garanich/Reuters
- Copyright: Gleb Garanich/Reuters

Auch im achten Monat der russischen Invasion in der Ukraine ist noch kein Ende des Kriegs in Sicht. Zehntausende Soldaten sind tot oder verletzt, ganze Städte wurden in Schutt und Asche gelegt, es gab Berichte über Folter und Gräueltaten durch russische Besatzer und Millionen Einwohner wurden zu Flüchtlingen.

Während Russland große Teile des Territoriums im Süden und Osten des Landes besetzt hat, hat die Ukraine einen stärkeren Kampf geführt, als erwartet, und oft die Invasionstruppen des russischen Präsidenten Wladimir Putin zurückgedrängt. Die ukrainischen Verteidiger haben nicht nur eine totale Eroberung durch Russland abgewehrt, sondern auch Teile des Landes zurück erkämpft, indem sie gut organisierte, kühne Gegenoffensiven im Osten und Süden gestartet haben.

Trotz der Niederlagen auf dem Schlachtfeld verfügt Russland jedoch immer noch über zerstörerische militärische Fähigkeiten. In den letzten Wochen hat Putin Raketen- und Drohnenangriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine gestartet. Während der größte Krieg in Europa seit 1945 in eine Zermürbungsphase eingetreten zu sein scheint, gibt es mehrere Möglichkeiten, wie sich der Konflikt entwickeln könnte.

Ein Waffenstillstand

Wenn die Kämpfe in eine Pattsituation geraten, könnte es laut Seth Jones, dem Direktor des Zentrums für strategische und internationale Studien (CSIS, International Security Program), zu einem ausgehandelten vorübergehenden Waffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine kommen. „Das wäre aber wahrscheinlich kein Ende, das wäre der Zustand der aktiven Kriegsführung, der zumindest vorübergehend abnimmt und es nähert sich ein eingefrorener Konflikt, der sich je nach Faktoren aufheizen oder abkühlen kann“, so der Experte.

 - Copyright: Metin Aktas/Anadolu Agency/Getty Images
- Copyright: Metin Aktas/Anadolu Agency/Getty Images

Jones wies auf die beiden Tschetschenienkriege hin, die in den 1990er-Jahren stattfanden. Russland handelte 1994 einen Waffenstillstand aus, der den ersten Krieg beendete. Drei Jahre später wurden die Kämpfe wieder aufgenommen und die Angriffe verstärkt. In diesem Szenario könnte Russland hoffen, dass die USA und andere westliche Länder das Interesse an dem Konflikt und an der Unterstützung der Ukraine verlieren. „Das würde letztendlich das Machtgleichgewicht zugunsten Russlands verändern und es ermöglichen, Territorium so zurückzuerobern", erklärt Jones.

Ein Friedensabkommen

Es ist möglich, dass der Krieg mit einem Friedensabkommen endet, obwohl eine Einigung aufgrund der unterschiedlichen Ziele Russlands und der Ukraine unwahrscheinlich ist. „Ich denke, Wladimir Putin steckt im Moment zu tief drin. Er hat jetzt viel zu viel politisches und militärisches Kapital eingesetzt, um sich ohne klare Erfolge aus dem Krieg zu befreien“, sagte Jones.

Obwohl nicht klar ist, was Putin als „Erfolg“ akzeptieren würde, könnte er sich damit zufriedengeben, dass Russland Teile der Oblaste Donezk, Lugansk, Saporischschja und Cherson übernimmt, fügt Jones hinzu. Die kompliziertere Frage ist, was die Ukraine bereit wäre, bei einem Friedensabkommen aufzugeben. Jones meint, es wäre fast „politisch selbstmörderisch“, wenn ein Präsident in Kiew ukrainisches Territorium verschenken würde.

Ein Sieg Russlands

Zu Beginn der Invasion war es Russlands Ziel, das Land vollständig zu übernehmen. Jones sagte, es sei wichtig anzumerken, dass die Ukraine bereits einen bedeutenden Sieg errungen habe, indem sie Russland daran gehindert habe, dieses Ziel zu erreichen.

„Bis Februar 2022 waren die Russen wohl die drittstärkste Militärarmee der Welt hinter den USA und den Chinesen. Sie haben also bereits eine russische Blitzkriegsoperation verhindert, um die Hauptstadt einzunehmen und die Regierung zu stürzen", sagte der Experte.

Es ist jetzt unwahrscheinlich, dass Russland in der Lage sein wird, den Krieg vollständig umzukehren und seine ursprünglichen Ziele zu erreichen. Aber es könnte einen "Sieg" in Form eines Friedensabkommens akzeptieren, bei dem es mehr Territorium einnimmt als vor Beginn der Invasion.

Ein Sieg der Ukraine

Solange Putin an der Spitze des Landes stehe, sei es sehr unwahrscheinlich, dass sich die russischen Streitkräfte vollständig zurückziehen werden, so Jones. „In Russland passieren Herrschern, die Kriege verlieren, schlimme Dinge“, sagt auch Mark Cancian, Oberst der US-Marine im Ruhestand und leitender Berater des CSIS, zu uns.

 - Copyright: Gavriil Grigorov/AP
- Copyright: Gavriil Grigorov/AP

Aber obwohl Russlands Präsident aufgrund einer steigenden Anzahl von Kriegsopfer, der teilweisen Mobilisierung von Reservisten und einer durch Sanktionen geschädigten Wirtschaft zu Hause mit Unzufriedenheit konfrontiert ist, scheint er keine Anzeichen eines Rückzugs zu zeigen. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass er bei einem Putsch gestürzt wird, vielleicht höher denn je ist, haben Experten zuvor gesagt, dass der russische Präsident sein Regime durch eine Kultur des Misstrauens unter den russischen Geheimdiensten „putschsicher“ gemacht hat.

Ein totaler Rückzug Russlands könnte jedoch möglich sein, wenn Putin gestürzt wird oder stirbt. Auch über seine angeblichen Gesundheitsprobleme kursieren seit langem Gerüchte, obwohl US-Geheimdienst- und Militärexperten davor gewarnt haben, dass es keine glaubwürdigen Beweise dafür gebe, dass er krank sei.

Ein jahrelanger Krieg

Nicht alle Kriege enden mit einem klaren Sieg für eine Seite. Eine andere Möglichkeit ist, dass die Kämpfe ohne Waffenstillstand oder Einigung weitergehen, was laut Jones jahrelang andauern könnte. Armeen könnten hin und her kämpfen, Guerilla-Aktionen aus der Ukraine in von Russland kontrollierten Gebieten und Langstreckenbombardierungen ukrainischen Territoriums aus Russland oder Weißrussland stattfinden.

In seiner jetzigen Phase scheint der Konflikt zu einem Zermürbungskrieg geworden zu sein. Anstatt mehr Territorium zu erobern, scheinen Russlands Ziele in der gegenwärtigen Kriegsphase darin zu bestehen, die Ressourcen, die Wirtschaft und die Armee der Ukraine zu schwächen.

Es ist unklar, welche Seite länger durchhalten könnte, obwohl Russland erhebliche Verluste an Soldaten und Waffen erlitten hat. Laut "Carnegie Endowment for International Peace" plant der neu ernannte russische General Sergej Surowikin eine solide Verteidigungslinie in den besetzten Gebieten aufzubauen und den Krieg über den Winter effektiv einzufrieren. Russland werde derzeit nicht versuchen, eine neue, groß angelegte Offensive auf ukrainischem Territorium zu beginnen und sich die Zeit nehmen, seine Kampffähigkeiten wieder aufzubauen.

Ein nuklearer Krieg und/oder das Einschreiten der Nato

Putin hat seit Beginn der Invasion der Ukraine wiederholt nukleare Drohungen ausgesprochen und im September behauptet, es sei "kein Bluff". Westliche Länder und Experten sind uneins darüber, wie ernst man die Drohungen nehmen soll. Jones sagte, der Einsatz von Atomwaffen sei mit großen Risiken verbunden, insbesondere wenn Putin sie in Gebieten zur Explosion bringe, von denen er behauptet, dass sie russisch seien. Aufgrund der Nähe bestünde auch die Gefahr eines nuklearen Niederschlags auf russischem Territorium.

 - Copyright: Mikhail Svetlov/Getty Images
- Copyright: Mikhail Svetlov/Getty Images

Wenn die russischen Streitkräfte einer umfassenden militärischen Niederlage gegenüberstehen, könnte Putin eine Atomwaffe auf dem Schlachtfeld einsetzen, aber Jones sagte, dass die Risiken des Einsatzes von Atomwaffen wahrscheinlich alle Vorteile überwiegen würden.

Es sei unklar, ob sich die Nato in dieses Szenario einmischen würde, so Jones. Eine Kriegserklärung der Nato an Russland könnte einen großen Krieg auslösen, der sich weltweit ausbreitet. Um dieses Szenario zu vermeiden, würde die Nato daher wahrscheinlich zunächst auf verstärkte Sanktionen zurückgreifen und die Ukraine mit Waffen unterstützen.

Dieser Artikel wurde von Klemens Handke aus dem Englischen übersetzt. Das Original findet ihr hier.

Video: Kampf um Cherson: Warn-SMS an Zivilbevölkerung, bald ukrainischer Vorstoß?