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Geheime Videobänder: Kunst-Milliardär Erich Marx erhob vor seinem Tod schwere Vorwürfe gegen seine Lebensgefährtin

·Lesedauer: 5 Min.
Erich Marx mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Violetta W.
Erich Marx mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Violetta W.

Die Kamera läuft. Erich Marx sitzt an einem Esstisch, vor ihm liegt ein Brief seiner langjährigen Lebensgefährtin. Darin kündigt Violetta W. an, den Milliardär in seiner eigenen Firma als Geschäftsführer abberufen zu wollen. Aufmerksam liest er das Papier, schlägt mit den Händen auf das Holz. "Das ist doch eine Schweinerei", sagt der 99-Jährige. "So eine Gier. Wir müssen jetzt Viola abberufen. Auch als Erbin." Er habe nie etwas für seine Unterstützung verlangt, habe freiwillig und gerne gegeben. Und dann so etwas.

Am 25. April wäre Erich Marx 100 Jahre alt geworden. Fast hätte der berühmte Kunst-Mäzen diesen Ehrentag noch erlebt. Doch im September 2020 verstarb er in der Schweiz. Marx hinterlässt nicht nur viel Geld, sondern auch eine der bedeutendsten zeitgenössischen Kunstsammlungen der Welt. Dazu zählen Werke von Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Joseph Beuys. Kenner schätzen den Wert seiner Sammlung auf mehr als eine Milliarde Euro.

Die vertraulichen Videoaufzeichnungen zeigen nicht nur die letzten Bilder von Marx, sie könnten auch den erbitterten Streit um seinen Letzten Willen entscheiden, der seit mehr als einem Jahr die Justiz beschäftigt. Die Aufnahmen belegen nämlich, dass Marx zu Lebzeiten keineswegs damit einverstanden war, dass sich seine langjährige Lebensgefährtin Violetta W. mit Hilfe seines Anwalts Hartmut Fromm freimütig am Vermögen bedient.

Rückblick: Im September 2019 erstattete Erich Marx Strafanzeige gegen W. und Fromm. Die Berliner Staatsanwaltschaft leitete daraufhin ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Untreue ein. Es folgten Durchsuchungen und Haftbefehle. Fromm saß sogar für mehrere Tage im Untersuchungsgefängnis in Berlin-Moabit. Für die Reputation des Star-Anwalts war das alles Gift.

Bislang schmetterten Gerichte alle Argumente und Beschwerden der Beschuldigten ab. Eine Anklage steht unmittelbar bevor. Aber nun wandte sich ein Verteidiger von W. noch einmal an das Berliner Kammergericht und stellte in einem Schriftsatz den Geisteszustand von Marx in Frage. So würden Anhaltspunkte vorliegen, wonach Erich Marx vor zwei Jahren die Strafverfolgung nur unter dem angeblich irreführenden Einfluss seines Sohnes, Axel Marx, einleiten ließ. Denn eigentlich, so die Lesart, habe er für seine Viola immer nur das Beste gewollt.

Vor fast 20 Jahren begann die ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Erich Marx und der 46 Jahre jüngeren Violetta W. Während seine Ehefrau und seine drei leiblichen Kinder in der Schweiz lebten, verbrachte er seine Zeit in Berlin mit Violetta W. Gemeinsam gründete sie die Firma Womak, bauten und betrieben mehrere Einkaufszentren in Polen. In einem Erbvertrag legte Marx 2017 fest, dass ein beträchtlicher Teil seines Vermögens nach seinem Tod W. gehören soll. Ein wahrer Liebesbeweis.

Von dieser Eintracht ist zwei Jahre später allerdings wenig übrig. Im April 2019 beauftragt Marx Anwälte damit, zu untersuchen, wie es passieren konnte, dass er in seinen eigenen Firmen plötzlich nichts mehr zu sagen hat. Schnell finden die Experten heraus, dass W. und Fromm den Milliardär entmachtet hatten. Mehr noch: Sie sollen bereits begonnen haben, Teile seines Vermögens zu veruntreuen. Unter anderem soll W. nach dem Aktienpaket für die Womak im Wert von fast 40 Millionen Euro gegriffen haben. So sieht es seither auch die Berliner Staatsanwaltschaft.

W. und Fromm erzählen dagegen eine ganz andere Geschichte. Demnach war die Strafanzeige nicht der Wille von Marx, sondern das Werk seiner Kinder. Insbesondere sein Sohn Axel Marx soll den schlechten Gesundheitszustand seines Vaters ausgenutzt, ihn isoliert und manipuliert haben, um ihn gegen die Lebensgefährtin und seinen Anwalt aufzuwiegeln.

Eine zentrale Rolle habe dabei der Krankenhaus-Aufenthalt von Erich Marx im Februar 2019 gespielt. Nach einem riskanten Eingriff verschlechterte sich sein Gesundheitszustand rapide. Damals, so die These, soll Sohn Axel die Kontrolle über das Leben seines Vaters übernommen und ihn in die Schweiz verbracht haben, auch um ihn von W. fernzuhalten. Zur Untermauerung nennt ihr Verteidiger in dem Schriftsatz an das Gericht vermeintliche Entlastungszeugen, die all das bestätigen würden. Dabei handelt es sich um reiche und illustre Freunde aus den feinen Kunstkreisen in Berlin.

So fertigte ein Bekannter von W. im Sommer 2020 einen Aktenvermerk an, als das Ermittlungsverfahren gegen die Frau und Fromm bereits lief. Darin betont der Mann die große Zuneigung von Marx zu seiner polnischen Lebensgefährtin. Daher habe es ihn überrascht, dass Erich Marx Mitte 2019 plötzlich den Erbvertrag zu Gunsten seiner Lebensgefährtin rückgängig machen wollte. Nach seinem Eindruck hätten die damaligen Schriften von Marx nicht mehr seiner Sprache entsprochen. Vielmehr hätten die Kinder seinen Willen gesteuert, damit W. keinen Cent erhält. Ein entlassener Arzt von Marx schreibt gar, dass er aufgrund der Misshandlung durch die Kinder mit einem schnellen Ableben des alten Greises rechne.

Ist Erich Marx von seinen eigenen Kinder tatsächlich manipuliert worden, um die Geliebte ihres Vaters zu verdrängen? Oder ist der Betrugsverdacht gegen W. und Fromm zutreffend? Es ist nicht einfach, sich in diesem Fall der Wahrheit zu nähern. Die Videoaufzeichnung von Marx in der Schweiz könnte zum Schlüsseldokument dieses bizarren Streits werden. Denn die stundenlangen Aufnahmen zeigen einen tief enttäuschten Mann – aber keinen verwirrten Greis. "Ich ertrage das einfach nicht mehr", sagt Marx in einem weiteren Video. "Ich habe keinen von diesen Menschen etwas getan. Alle haben sie von mir bekommen. Und nun behandeln sie mich wie den letzten Hund." Er scheint, genau verstanden zu haben, was da vor sich geht und wie er sich dagegen zur Wehr setzen will.

Neben den eindrücklichen Bildern widersprechen aber noch weitere Akten und Briefe der Entführungs-These von W. und Fromm. So waren es nicht die Kinder, die Marx Anfang 2019 zu dem folgenschweren Eingriff überredeten. Laut Einweisungsbeleg gab vielmehr die Lebensgefährtin den Ärzten grünes Licht. Als Marx dann später von dem Brief seines Arztes über seinen anstehenden Tod erfährt, gibt sich der 99-Jährige fassungslos. "Dieses Pamphlet wird nun in Klageschriften gegen mich verwendet", schreibt Marx Anfang 2020. "Mit dem Ziel zu verhindern, dass ich mich gegen mir angetanes Unrecht erfolgreich zur Wehr setze."

Auch auf eine seltsame Weihnachtskarte von Fromm, kurz nachdem dessen Berliner Villa von der Polizei durchsucht wurde, antwortete Marx. Der Anwalt schrieb, dass die Familie von Marx seiner Familie die schlimmsten Festtagen beschert hätten. Marx würde missbraucht werden. "Unglaublich!" Handschriftlich entgegnete Marx: "Was Sie da über meine Familie und mich schreiben, ist zynisch und entspricht in keiner Weise der Wirklichkeit."