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Gefährliche Grenznähe: Immer mehr Geldautomaten in NRW werden gesprengt

·Lesedauer: 8 Min.

Der klassische Banküberfall hat ausgedient, stattdessen fliegen in NRW mehrmals pro Woche Automaten in die Luft. Die Banken rüsten auf, die Täter ebenfalls.

Die Zahl der Geldautomaten-Sprengungen gerade in Nordrhein-Westfalen nimmt drastisch zu. Foto: dpa
Die Zahl der Geldautomaten-Sprengungen gerade in Nordrhein-Westfalen nimmt drastisch zu. Foto: dpa

Eigentlich ist Kempen nicht als Hotspot für Kriminalität bekannt. Aber Mitte September wurde die idyllische Kleinstadt am Niederrhein von einem spektakulären Überfall erschüttert: Kriminelle sprengten im Schutz der Dunkelheit einen Geldautomaten der Volksbank, ein lauter Knall riss die Anwohner aus dem Schlaf. Und die Diebe entkamen mit einer unbekannten Menge an Bargeld.

Was klingt wie eine Szene aus einem Kriminalroman, gehört für Banken und Strafverfolgungsbehörden inzwischen fast schon zum Alltag. Seit Jahren nehmen die Sprengungen von Bargeldautomaten zu. Nach einem leichten Abflachen des Trends im vergangenen Jahr haben es die Kriminellen nun wieder vermehrt auf die Automaten überall in der Republik abgesehen. Vor allem Nordrhein-Westfalen haben die Bankräuber als Ziel für ihre Beutezüge auserkoren. Das Phänomen erreicht eine neue Dimension: Noch nie zuvor gab es in dem bevölkerungsreichsten Bundesland so viele Sprengungen wie 2020.

Die Zeiten, in denen Kriminelle bewaffnet und mit Strumpfmaske über dem Kopf Banken stürmten, sind vorbei. Seit 2003 ist die Zahl dieser Fälle um fast 89 Prozent von 767 auf 89 gesunken. Dafür erwächst der Bankraub 2.0 zu einem immer größeren Problem für die Geldinstitute. In NRW fliegen mehrmals in der Woche Geldautomaten in die Luft.

Allein bis zum 23. September zählt das Landeskriminalamt (LKA) NRW 154 Sprengungen. In immerhin 37 Prozent der Überfälle gelang es den Dieben, an das Geld zu kommen und mit der Beute zu flüchten. Damit wurden allein in den ersten neun Jahresmonaten deutlich mehr Geldautomaten gesprengt als im kompletten Vorjahr (104). In der gesamten Bundesrepublik zählte das Bundeskriminalamt (BKA) 2019 insgesamt 349 Automatensprengungen.

Aktuelle deutschlandweite Zahlen für das laufende Jahr möchte die Bundesbehörde noch nicht veröffentlichen. Doch mit der Angelegenheit vertraute Personen prognostizieren, dass sich die Zahl der Fälle in diesem Jahr auf über 400 summieren wird. Das wäre ein neuer Rekord – und dürfte nicht nur auf den Brennpunkt NRW zurückzuführen sein, sondern auch auf die Coronakrise.

Die Pandemie versetzte die deutschen Sparer in den Krisenmodus, viele bunkerten neben Toilettenpapier auch Bargeld. Laut einer Erhebung im Auftrag der Direktbank ING waren im März 100 Milliarden Euro mehr im Umlauf – ein Anstieg von acht Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Geldautomaten waren also prall gefüllt – für die Panzerknacker geradezu eine Einladung.

Die Geldbeschaffung auf die explosive Art ist für die Täter äußerst lukrativ. Im Durchschnitt erbeuten die Kriminellen pro Überfall 117.000 Euro, heißt es beim BKA. Den Schaden fürs vergangene Jahr insgesamt beziffert die Behörde auf 15,2 Millionen Euro.

Doch das gestohlene Bargeld ist noch nicht einmal die größte Sorge der Banken. „Die Kollateralschäden übersteigen die der Beute“, berichtet ein Sprecher des Bundesverbands der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (BVR). Will heißen, die Schäden am Gebäude und das Ersetzen der Automaten kommen die Branche deutlich teurer zu stehen. Ein Insider aus der Versicherungsbranche beziffert die Kollateralschäden auf etwa 30 Millionen Euro.

Ein Geldautomat kostet laut BVR bis zu 30.000 Euro. Im vergangenen Jahr zählte das BKA 549 physische Angriffe auf Bargeldautomaten – also nicht nur Sprengungen, sondern auch Versuche, die Maschinen zum Beispiel aufzuhebeln oder aufzuschweißen. Geht man davon aus, dass die Banken nach jedem Angriff jeden Geldautomaten durch einen neuen ersetzen, entsteht allein dafür ein Sachschaden von fast 16,5 Millionen Euro.

Hinzu kommen Schäden an und in Filialen sowie an Häuserfassaden, in denen gerade in urbanen Gebieten oftmals Geldautomaten eingelassen sind. Die Banken sind zwar für solche Szenarien versichert. Doch kommt es zu einem Schadensfall, steigen oft die Gebühren für die Policen – auf Kosten der Geldhäuser. Und allein die Selbstbeteiligung beläuft sich laut Versicherungskreisen pro Angriff auf einen bis zu fünfstelligen Betrag.

Bis zu 500 Täter aus dem Raum Utrecht/Amsterdam

Automatensprengungen sind ein relativ neues Phänomen. In Köln wurde 2005 das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik ein Geldautomat in die Luft gejagt. Das BKA führt seit 2013 den Phänomenbereich „Sprengung von Geldautomaten“ und registriert seitdem einen deutlichen Anstieg der Fälle: Wurden 2012 noch 89 Automaten gesprengt, waren es 2019 bereits 349. Eine Zunahme von 292 Prozent.

Als ehemaliger Banker bringt André Faßbender vom LKA NRW Branchenkenntnisse mit. Die Behörde hat mit „Heat“ vor einigen Jahren bereits ein Sondereinsatzkommando ins Leben gerufen, das sich auf Automatensprengungen fokussiert.

Einfach hat es die Ermittlungskommission nicht: „Die Täter schaffen es innerhalb weniger Minuten, den Geldautomaten zu sprengen und mit der Beute zu entkommen,“ erläutert Faßbender. Kein Wunder, dass nur wenige gefasst werden. Aktuelle Zahlen dazu liegen dem BKA nicht vor. 2017 überführten die Behörden – bei 268 Sprengungen – nur 35 Täter.

Die Taten gehen nur selten auf das Konto von Einzelpersonen, berichtet der Kriminalbeamte. Hinter den Überfällen steckten spezialisierte Tätergruppierungen – vor allem eine 400- bis 500-köpfige Bande aus der Region Utrecht/Amsterdam in den Niederlanden.

Es überrascht daher nicht, dass ausgerechnet NRW ein Hotspot für Automatensprengungen ist. Die Nähe zur niederländischen Grenze entpuppt sich für die Geldhäuser als Sicherheitsrisiko.

Die Kriminellen profitierten vor allem von der gut ausgebauten Infrastruktur in dem Bundesland, so Faßbender. Das Autobahnnetz ermögliche es den Tätern, nach dem Angriff auch aus Kleinstädten schnell wegzukommen – so wie die Täter in Kempen. Und in manchen Fällen – gerade bei fehlgeschlagenen Überfällen – visierten die Banden gleich das nächste Ziel an, sagt der LKA-Beamte.

Deutschland gilt als Paradies für die Banden

Weil in der Corona-Hochphase die Grenze zwischen den Niederlanden und Belgien geschlossen war, wurde NRW für die Kriminellen noch attraktiver. Außerdem gibt es in den Niederlanden sehr viel weniger Bargeldautomaten als in der Bundesrepublik. Der Trend zu Kartenzahlungen schreitet in dem Nachbarland sehr viel schneller voran – und macht Deutschland mit seinen knapp 60.000 Automaten zu einem Paradies für die Banden.

Vor allem eine Entwicklung besorgt Faßbender: Die Täter würden immer brachialer. Früher noch führten sie Gasgemische in die Bargeldautomaten ein und lösten via Fernzündung eine Explosion aus. Anschließend nahmen sie die Geldkassetten heraus und flüchteten.

Die Banken reagierten auf die steigende Zahl der Fälle und rüsteten ihre Automaten auf, machten sie zum Beispiel mit sogenannten Explosionsmatten resistenter gegenüber Angriffen. Das Problem: Je stärker die Geldhäuser ihre Automaten vor Überfällen schützen, desto brutaler gehen die Täter vor. Die Folge: Heute greifen immer mehr Täter auf feste Sprengstoffe zurück. Die neue Methode ist deutlich kraftvoller – aber noch gefährlicher und verursacht größere Gebäudeschäden. Dass bislang keine Menschen lebensgefährlich verletzt wurden, grenzt für die Polizei an ein Wunder.

„Wir versuchen, es den Tätern schwerer zu machen - doch diese passen ihre Strategien immer wieder an“, klagt ein Sprecher des Verbands der Genossenschaftsbanken BVR. Die Institute sehen sich in einer Zwickmühle gefangen.

Tatsächlich versuchen die Geldhäuser, mit verschiedenen Präventionsmaßnahmen die Situation in den Griff zu bekommen. Eine bekannte Methode ist, die Automaten mit Färbemittel auszustatten. Bei einem Raub machen die Tintenpatronen die Banknoten nutzlos. Das verhindert zwar nicht die Überfälle, macht sie aber weniger attraktiv für die Täter. Die Strategie funktioniert allerdings nur teilweise, denn die Diebe sind gut vernetzt und kennen Leute, die auch gefärbte Noten in den Kreislauf einbringen, heißt es.

Angriff mit Kleinlastern, Sprengstoff und Motorrädern

Auch schrille Alarmsignale und stabilere Automaten scheinen die Täter nicht stoppen zu können. Mittlerweile schließen viele Banken aus Sicherheitsgründen über Nacht die SB-Stationen in den Foyers. Aber auch das hilft nur bedingt. Es gibt zahlreiche Fälle, in denen die Täter mit einem Kleinlaster in die Filiale rasen, die Sprengung durchführen und mit wendigen Motorrädern oder schnellen Autos flüchten. Für die Banken scheint es ein aussichtsloser Kampf zu sein.

Die Versicherungsbranche hingegen sieht noch Luft nach oben und mahnt die Banken, ihre Präventionsbemühungen weiter zu intensivieren. Die VdS Schadensverhütung, eine Tochter des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), macht in einem Schreiben verschiedene Empfehlungen, zum Beispiel eine Bewachung der Bankfilialen vor allem in den Nachtstunden.

Und auch den Standort der Geldautomaten sollten Banken stärker abwägen. Gerade Automaten außerhalb der Filiale weisen ein höheres Gefährdungspotenzial auf, heißt es.

Das LKA NRW geht sogar noch weiter und empfiehlt, Bargeldautomaten – gerade an und in Wohnhäusern – zum Schutz der Anwohner abzubauen. Dem kommen bereits erste Banken nach. Die Maßnahme stößt jedoch auch auf Kritik: „Nur die Bankautomaten vom Netz zu nehmen ist eine Bankrotterklärung vor den Verbrechern“, monierte Hartmut Ganzke, innenpolitischer Sprecher der NRW-SPD, im Sommer.

Dass die Banken kein Interesse am Status quo haben, liegt in der Natur der Sache. Nun beginnen erste Institute im Herbst gemeinsam mit dem BKA eine Risikoanalyse, im kommenden Jahr soll diese in die Fläche ausgeweitet werden. Die Panzerknacker dürften derweil bereits eruieren, wie sie ihr Geschäft trotz dieser neuen Anstrengungen fortführen können.

Mehr: Die Coronakrise beschleunigt das Ende der Ära der Filialen.

Die mutmaßlichen Täter entkamen der Polizei bei einer Verfolgungsjagd über die Autobahn. Foto: dpa
Die mutmaßlichen Täter entkamen der Polizei bei einer Verfolgungsjagd über die Autobahn. Foto: dpa