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Wie man seine Gedächtnisleistung am Arbeitsplatz steigert

Lydia Smith
·Writer, Yahoo Finance UK
·Lesedauer: 6 Min.

Du hast seit Beginn des Lockdowns das Gefühl, vergesslicher zu sein? Das geht nicht nur dir so. Seitdem unsere Kontakte zu Freunden und der Familie eingeschränkt sind und wir viel Zeit zu Hause verbringen, fällt es vielen Menschen schwer, zu sagen, welcher Wochentag ist, ob sie Milch eingekauft haben oder eine wichtige E-Mail beantwortet haben.

Warum haben wir in letzter Zeit das Gefühl, vergesslicher zu sein als sonst? Und wie können wir unsere Gedächtnisleistung fördern? (Bild: Getty Images)
Warum haben wir in letzter Zeit das Gefühl, vergesslicher zu sein als sonst? Und wie können wir unsere Gedächtnisleistung fördern? (Bild: Getty Images)

Es gibt bereits Untersuchungen, die sich mit den langfristigen Auswirkungen der sozialen Einschränkungen durch COVID-19 auf unsere psychische Gesundheit befassen. Eine britische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Anzahl der Menschen, die unter psychischen Problemen leiden, zwischen dem Frühjahr 2018 und dem Frühjahr 2020 von 18,8 % auf 27,3 % gestiegen ist. Abgesehen davon weiß man jedoch wenig darüber, wie sich der Lockdown oder eine Quarantäne auf unser Gedächtnis auswirkt.

Wie kann man die Gedächtnisleistung fördern?

Zunächst einmal ist es wichtig anzumerken, dass es mehrere unterschiedliche Gedächtnisarten gibt. Zu vergessen, Toilettenpapier zu kaufen, ist etwas anderes als sich nicht mehr daran erinnern zu können, was man am Vortag gemacht hat oder was es zum Mittagessen gab. Allerdings legen Forschungsergebnisse bezüglich der Funktionsweise des Gedächtnisses nahe, dass unsere unmittelbare Umgebung einen Einfluss auf unsere Erinnerungsfähigkeit haben könnte. 

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Ende letzten Jahres haben Wissenschaftler der Universität von Kalifornien Irvine bekannt gegeben, dass sie eine Studie durchführen werden, um zu untersuchen, ob sich Lockdowns auf unser Erinnerungsvermögen auswirken. Das Team stellte die Hypothese auf, dass es uns schwerfällt, uns an erst kurz zurückliegende Ereignisse zu erinnern, weil sich der Ablauf der einzelnen Tage aufgrund der Lockdown-Situation zu sehr gleicht und alles zu einem großen Ganzen verschwimmt.

Dr. Michael Yassa, Leiter des Zentrums für Lern- und Gedächtnisneurobiologie an der Universität von Kalifornien Irvine (UCI Center for the Neurobiology of Learning and Memory), erklärte dem Wall Street Journal, dass Menschen Anhaltspunkte verwenden, um Erinnerungen zu generieren und abzurufen. Diese sind oftmals mit Interaktionen mit anderen Menschen und dem Aufenthalt an unterschiedlichen Orten verknüpft. Da durch den Lockdown eine gewisse Monotonie gegeben ist, ist es schwieriger, eine Verknüpfung zwischen bestimmten Handlungen und bestimmten Zeitpunkten herzustellen. 

Konzentrationsfähigkeit leidet in stressigen Zeiten

Außerdem wirkt sich Stress bekanntermaßen stark auf unser Gedächtnis aus. Wenn wir uns Sorgen machen, fällt es uns oftmals schwerer, uns zu konzentrieren, klar zu denken und neue Informationen aufzunehmen. Oder wir nehmen Informationen nicht so aufmerksam auf wie sonst, weil wir schlecht schlafen. So ist es im vergangenen Jahr vielen Menschen ergangen. Vor allem unser Kurzzeitgedächtnis wird beeinträchtigt, weil wir abgelenkt sind, statt mit voller Aufmerksamkeit bei der Sache zu sein.

Selbst wenn wir uns nicht übermäßig gestresst fühlen, kann es sein, dass wir aufgrund von COVID-19 eine gewisse unterschwellige Angst verspüren. Die Tatsache, dass wir eine Pandemie erleben, reicht aus, um unsere Gedächtnisleistung zu beeinträchtigen. Auch die Umstellung auf Home-Office kann eine Belastung sein. Vor allem, wenn wir uns angewöhnt haben, bis spät in die Nacht zu arbeiten und unsere E-Mails außerhalb der Arbeitszeit abzurufen.

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„Wir waren alle schon einmal überfordert, weil wir zu viele Aufgaben zu erledigen hatten und es Abgabefristen einzuhalten gab. In einem Moment der Ruhe ist uns dann aufgefallen, dass wir vergessen haben, bestimmte Sachen zu erledigen“, sagt Lee Chambers, Umweltpsychologe und Berater für Wohlbefinden. „Dafür gibt es viele Gründe. Angefangen von der kognitiven Belastung durch den Wechsel zwischen verschiedenen Aufgaben, Ablenkung und Konzentration bis hin zu den Auswirkungen, die Stress auf unser Kurzzeitgedächtnis hat“.

Durch Stress verändert sich sowohl die Art und Weise wie wir Erinnerungen generieren und abrufen, als auch die Funktionsweise unseres Gedächtnisses.

„Wenn wir gestresst sind, fällt es uns schwerer, Erinnerungen im Kurzzeitgedächtnis zu speichern. Das kann auch dazu führen, dass unser Kurzzeitgedächtnis nachlässt“, erklärt Chambers. „Chronischer Stress kann zu kognitiven Beeinträchtigungen führen und das wirkt sich wiederum auf unser Arbeitsgedächtnis aus.“.

Wenn wir uns sehr ängstigen, beeinträchtigt das unser Erinnerungsvermögen und unsere Fähigkeit, Neues zu lernen. Dadurch, dass in unserem Körper bei Stress eine Kampf-oder-Flucht-Reaktion ausgelöst wird, werden Hormone wie Adrenalin freigesetzt. Das bedeutet, dass wir nach potenziellen Bedrohungen Ausschau halten und nicht imstande sind, uns auf andere Dinge um uns herum zu konzentrieren.

Stress kann aber auch eine positive Wirkung haben

Der Zusammenhang zwischen Stress und unserer Gedächtnisleistung ist jedoch komplex. Kleine Angstschübe können manchmal sogar hilfreich sein. Wenn wir beispielsweise für eine Prüfung lernen. „Wenn es darum geht, kurzfristig Informationen aus dem Gedächtnis abzurufen, kann Stress eine positive Wirkung haben. Dies gilt vor allem für Erinnerungen, die mit Emotionen verknüpft sind“, ergänzt Chambers.

Außerdem ist bekannt, dass sich Isolation und ein Mangel an sozialen Kontakten negativ auf das Gehirn auswirken können – besonders bei Menschen, die bereits mit Gedächtnisproblemen zu kämpfen haben. Die Universitat Autònoma de Barcelona hat kürzlich eine Studie an Mäusen durchgeführt und festgestellt, dass sich Alzheimer durch soziale Isolation verschlimmert.

Viele von uns haben derzeit aufgrund der Pandemie weniger Kontakt zu anderen Menschen als normalerweise. Wenn wir von zu Hause aus arbeiten, gibt es keine spontanen Treffen mit Kollegen in der Küche und auch kein Plausch beim Kaffee oder Mittagessen. Klar, wir sehen andere Menschen über Zoom – aber das ist einfach nicht dasselbe.

„Wenn wir überlegen, wie wir unserem Gedächtnis etwas Gutes tun können, sollten wir uns vor Augen halten, dass ein gutes Stressmanagement uns ebenso guttut, wie die Tatsache, unser Wohlbefinden nicht aus den Augen zu verlieren und uns möglichst gut zu organisieren. Dadurch wird die Gedächtnisleistung gefördert und wir werden uns auch insgesamt besser fühlen“, sagt Chambers. „Sowohl zu wenig Schlaf als auch Bewegungsmangel wirken sich negativ auf das Arbeitsgedächtnis aus. Daher sollte man versuchen, diese Probleme zu beheben, indem man ausreichend schläft und mehr Bewegung in seinen Tagesablauf einbaut.“

Entspannungsübungen zum Stressabbau

Um Stress abzubauen, empfiehlt es sich, Entspannungstechniken in Betracht zu ziehen, wie beispielsweise Atemübungen oder andere Methoden, die es ermöglichen, komplett „abzuschalten“ und die Arbeit sowie den Alltag für einen Moment auszublenden. Wenn sich das Gehirn nicht mehr mit so vielen Reizen beschäftigen muss, erklärt Chambers, kann der Kopf zur Ruhe kommen.

„Es hat sich gezeigt, dass es sich positiv auf unsere Konzentration auswirkt, wenn wir uns draußen in der Natur aufhalten. Wenn wir unsere Arbeit unterbrechen, kommt das unserem ultradianen Rhythmus zugute. Danach können wir uns besser auf unsere Aufgaben konzentrieren“, sagt Chambers. „Wir sollten uns vor Augen halten, dass wir alle einmal etwas vergessen. Solange das nicht zu einem Problem wird, sollten wir das akzeptieren, ohne uns deshalb übermäßig Sorgen zu machen. Dann wird unser Arbeitsgedächtnis in Zukunft wieder besser.“

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